Ein Fest der Stimmen und der Emotionen

Floor Jansen – in Schweden verheiratete Niederländerin, die seit 2012 Sängerin einer finnischen Band ist und im letzten Jahr in einem deutschen Fernsehformat mitwirkte. Eine mehr als 25jährige musikalische Karriere liegt bisher hinter ihr, mit Stationen bei After Forever, ReVamp, Northward, aktuell Nightwish, mit diversen hochkarätigen Kollaborationen (unter anderem mit Ayreon/Arjen Lucassen), und ihre fantastische Stimme und ihre Bühnenpräsenz sind etwas ganz Besonderes. In der Metalwelt ist Floor Jansen ein Weltstar – was 2019 auch endlich ihrem Heimatland klar wurde, als sie am Fernsehformat Beste Zangers teilnahm und da landesweit für Begeisterungsstürme mit ihren Songbeiträgen (die meist weit entfernt vom Metal waren) sorgte. 2022 war sie bei der deutschen Version Sing meinen Song dabei und eroberte dabei nicht nur die Herzen einzelner Teilnehmer, sondern auch die vieler Menschen, die bisher mit der Metalwelt wenig Berührungspunkte hatten. Und jetzt: ihr erstes Soloalbum, Paragon. Irgendwo zwischen hochklassigem Pop und Rock, zutiefst persönlich und intim. Ich bin sehr froh, dass Floor auch in Deutschland damit auf Tour geht und im Backstage Station macht, und noch froher bin ich, dass sie Anneke van Giersbergen eingeladen hat, die Shows zu eröffnen. Was für ein absolutes Traumpackage!
DSC_2951Dementsprechend voll ist das Backstage Werk auch, das Publikum sehr gemischt, vom Metalhead bis zum Sing-meinen-Song-Fan ist alles dabei. Punkt acht geht es los, als Anneke van Giersbergen im knallroten Anzug allein mit einer Akustikgitarre die Bühne betritt, auf der ansonsten nur eine alte Bandmaschine steht. Dem Jubel nach ist Anneke immerhin einem Teil des Publikums bekannt, den anderen entgeht leider, was für eine Legende hier entspannt und völlig unprätentiös auf der Bühne steht. Der Metalfraktion unter den Zuschauer*innen dürfte Anneke als Sängerin der bahnbrechenden niederländischen Progressive-Rock-Band The Gathering bekannt sein, die von 1994 bis 2007 existierte und die sie mit ihrer einzigartigen Stimme veredelte. Seither ist Anneke mit verschiedenen Projekten beschäftigt (u. a. Kollaborationen mit Amorphis, Ayreon, Within Temptation, Devin Townsend) sowie ihrer Band Vuur. Als Solokünstlerin veröffentlicht sie seit Jahren Alben unter dem Namen Agua de Annique und hat 2021 ebenfalls bei Beste Zangers teilgenommen (die Beiträge sind auf YouTube zu finden und lohnen sich sehr). Ihr aktuelles Soloalbum – als Anneke van GiersbergenThe darkest skies are the brightest ist während einer tiefen persönlichen Krise entstanden und voller melancholischer, reduzierter Songperlen, die ihre Stimme perfekt zur Geltung bringen, aber auch die darin verarbeiteten Gefühle. Ich freue mich sehr, heute daraus ein paar Lieder zu hören!
Los geht’s mit „Lo and behold“, einem eindringlichen Song mit etwas höherem Tempo, das beim darauffolgenden „Agape“ wieder zurückgenommen wird. Beide sind wunderschön mit sehr persönlichen Texten, und Annekes warme, engelsgleiche Stimme trägt dank hervorragendem Sound durch das Werk. Jubel brandet auf, als sie mit „Saturnine“ einen Song von The Gathering ankündigt, ein paar Fans von früher sind definitiv heute dabei und sehr glücklich, diese alte Perle zu hören. Anneke verzaubert nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrer charmanten Natürlichkeit, ihr Dank für die gute Resonanz und die Freude darüber, bei dieser Tour dabei zu sein, kommen von Herzen. Den nächsten Song – „Running up that hill“ von Kate Bush (mit deren Songs sie gerade erst lange durch die Niederlande getourt ist) – kennen dann doch viele Anwesende und würdigen die reduzierte und dadurch noch eindringlichere Version gebührend. Ich freue mich danach über „Valley of the queens“, was sie 1998 für Arjen Lucassens Projekt Ayreon eingesungen hat. Ein zarter, lieblicher Song, von dem es übrigens auch eine wunderschöne Live-Version gibt, bei der Anneke und Floor gemeinsam singen (zusammen mit Marcela Bovio). Den nächsten Song kündigt Anneke als „strange song“ an, „that makes me happy“. Sie erzählt, dass sie „I saw a car“ buchstäblich zehn Minuten vor dem Ende der Aufnahmen zum Album noch geschrieben und sofort gewusst hat, dass er mit auf die Scheibe muss. Und sie hatte völlig recht, „I saw a car“ ist mit seinem fröhlichen Rhythmus (aber tieftraurigem Text) ein absoluter Ohrwurm und eine echte Perle. Das Publikum klatscht eifrig mit, und Anneke sagt danach sinngemäß: „When this is over, I put you all in my pocket and take you home with me“, so gerührt ist sie. (Um mich herum stehen allerdings auch viele Leute, die lieber quatschen als zuhören – schade.) Als vorletzten Song präsentiert sie ein Audioslave-Cover, „Like a stone“, das ihr sehr am Herzen liegt. Mit „Hurricane“ vom aktuellen Album beschließt sie den etwa halbstündigen Auftritt, der zumindest für mich mit der emotionalen Wucht eines Hurrikans daherkam, gerade wegen der Reduzierung auf Stimme, Persönlichkeit und Akustikgitarre. „Thank you so much for your attention and love“, bedankt sie sich sichtlich bewegt.

Lo and behold
Agape
Saturnine (The Gathering)
Running up that hill (a deal with god) (Kate Bush)
Valley of the queens (Ayreon)
I saw a car
Like a stone (Audioslave)
Hurricane

DSC_3038Die Umbaupause ist zum Glück kurz, da auch gar nicht viel umgebaut werden muss, auch bei Floor samt Begleitband ist das Bühnenbild sehr reduziert. Ein Backdrop, vor dem die fünf Begleitmusiker*innen nebeneinander aufgereiht sind, vorne viel Platz, damit Floor die ganze Bühne ausnutzen kann. Größer könnte der Unterschied zu den gewaltigen Shows von Nightwish nicht sein, und das ist sicher auch beabsichtigt. Floor kommt strahlend zum Instrumentalintro von „Fire“ in einem mittellangen pinken Ledermantel und ansonsten wie gewohnt in schwarz auf die Bühne, nachdem sich die Begleitband (darunter der großartige Gitarrist Marcel Fisser – heute im Metallica-Shirt, ein bisschen Metal geht also doch -, dessen Band die Songbeiträge bei Beste Zangers veredelt und auch bei Floors Solotour 2020 in Holland dabei war) an ihre Plätze begeben hat. Der Jubel ist ohrenbetäubend und so verdient.
Los geht’s mit dem kraftvollen, vom zurückgenommenen Tempo lebenden „Fire“, das bereits vor einem Jahr veröffentlicht wurde und dementsprechend bekannt ist. „Burn the silence down, let the fire out“ – das perfekte Motto für diesen Abend und auch sonst, und mit „Storm in a glass“ von Northward (dem gemeinsamen Projekt mit dem norwegischen Gitarristen Jørn Viggo Lofstad) wird es auch gleich rockiger und lauter, überall wippen fleißig die Köpfe mit. Danach stellt Floor kurz ihre Band vor: Ivo Maarhuis an den Drums, Marcel Fisser und Vincent van Vliet an der Gitarre, Jasja Johanna am Bass und Gregor Hamilton am Keyboard. Der nächste Song „Invincible“ ist an PTSD erkrankten Menschen gewidmet, ein kraftvoller Midtempo-Song, mit dem Floor mit „strong enough, stronger than the pain. All this time you’re invincible“ Mut macht. Großer Jubel brandet auf, als sie „Anfassen“ von Johannes Oerding ankündigt, einen ihrer Beiträge aus Sing meinen Song, dem sie wie allen ihren Interpretationen fremder Songs ihre ganz eigene Note verleiht. Auch „Armored wings“ ist ruhig und gefühlvoll, ebenso wie eine komplett reduzierte Version von „Bridle passion“ (Northward), die sie ihrer Tochter Freja gern als Gutenachtlied vorsingt. Und jetzt auch Baby Nr. 2, wie sie stolz und glücklich verkündet. Die Freude über die Schwangerschaft ist ihr anzusehen, gerade nach dem turbulenten Herbst 2022 mit Krebsdiagnose und Operation. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!
DSC_3117Danach präsentiert Floor einige weitere Songs ihrer früheren Bands und zeigt vor allem mit „While love died“ und „Energize me“ ihre großartige rockige Seite, bevor es wieder ruhiger und eindringlicher wird. Vor allem „Storm“ mit seiner kraftvollen Botschaft geht mir unter die Haut.
Floor ist gelöst und gesprächig – die ersten Ansagen hat sie noch auf Deutsch gemeistert, irgendwann schwenkt sie dann doch auf Englisch um – und wie immer sehr witzig und selbstironisch, zum Beispiel wenn sie sich bei den „small songs“ – den ganz ruhigen – auf einen Hocker setzt, nicht nur wegen der Atmosphäre, sondern auch um sich ein wenig auszuruhen. „Stop whining and get used to it!“, lautet ihr trockener Kommentar. Man merkt, wie sehr sie es genießt, ihre Babys – das menschliche und die musikalischen – zu präsentieren und der Welt zu zeigen. Die Show ist zu großen Teilen auf sie zugeschnitten, doch die Begleitmusiker*innen stehen auch immer mal wieder im Mittelpunkt und zeigen ihr großes Können.
DSC_3079Von Nightwish gibt es auch einen Song zu hören, „our loveletter to our parents“ „Our decades in the sun“, nachdem sich Floor gespielt beklagt hat, dass Nightwish ja erst mal nicht mehr touren und mit dem neuen Album beschäftigt sind. Aber dann bliebe ja auch mehr Zeit für „fun stuff, playing solo. And making babies.“ Der nächste Song „Strong“ von After Forever ist nach dem Liebesbrief an Eltern generell eine berührende Liebeserklärung an ihre eigene Mutter, die an einer chronischen Krankheit leidet. „I see every smile you fake, strong emotion, strong devotion to ignore the pain.“
Dazwischen erzählt sie aber noch, dass es damals, als sie vor vielen Jahren zum Metal kam, kaum Frauen in der Szene gab, darunter aber eine gewisse Anneke van Giersbergen, und wie sehr sie sie bewundert und sich zum Vorbild genommen hat. „I can do this too!“, war ihr Gedanke damals, und „it is so amazing, so nice“, dass sie beide nach all den Jahren immer noch auf Tour sind, immer noch rocken und vor allem das jetzt gemeinsam machen.
Außerdem bedankt sie sich von Herzen beim Publikum, dass es selbst in einem „Rock’n’Roll club“ wie dem Backstage den kleinen, ruhigen Songs aufmerksam zuhört, das sei nicht selbstverständlich.
Dass das Publikum zuhören UND jubeln kann, beweist es beim grandios gesungenen „Me without you“ und „The calm“, bevor wir uns unseren Dämonen stellen und beim gleichnamigen Titel von After Forever wieder ordentlich losrocken. Die Zeit vergeht aber leider auch in München sehr schnell, sagt Floor danach und leitet damit zu „Zu schnell vorbei“ von Clueso über, ebenfalls ein Beitrag aus Sing meinen Song. Alle klatschen und singen mit, ein wirklich schöner Moment, der tatsächlich zu schnell vorbei ist, mit „Come full circle“ schließt sich dann der Kreis beziehungsweise der Auftritt.
Zum Glück gibt es noch eine Zugabe, im Austausch für zwei unserer „loudest, beautiful, magical roars“. Das wunderbare „My paragon“ und das zarte „Daydream“ geben uns noch zwei gefühlvolle Ohrwürmer mit auf den Weg. Danach ist endgültig Schluss, nach einer Verbeugung gehen alle strahlend und glücklich von der Bühne.

Was für ein wunderschöner, intensiver und zutiefst persönlicher Abend! Mit Anneke und Floor gab es zwei der besten und besondersten Stimmen der (Rock)Musikwelt zu hören, zwei warmherzige Frauen zu sehen, die mit Charme, Witz, ihrem Können und vielen Emotionen rundum begeisterten. Einigen der Anwesenden mag die ruhige Darbietung von Anneke etwas zu ruhig gewesen sein, wer sich darauf einlassen konnte, hat eine ganz besondere halbe Stunde Livemusik miterlebt. Bei Floor dürften dann alle mit an Bord gewesen sein, die Stimmung im Glutofen Werk war jedenfalls sensationell, und den Jubel haben Floor und die Begleitband so sehr verdient. Floor hat mit ihrem Soloalbum einen Volltreffer gelandet – ja, kein Metal, noch nicht mal Rock, aber hundert Prozent sie selbst und ein erneuter Beweis für ihre Vielseitigkeit als Sängerin und Künstlerin. Bei ihren Soloauftritten kann sie sich auch noch mal anders präsentieren als im Bandgefüge mit Nightwish, und ich bin sehr glücklich, nach dem Konzert im Januar 2020 im Amsterdamer Melkweg noch einmal in den Genuss gekommen zu sein.

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Fire (Intro)
Fire
Storm in a glass (Northward)
Invincible
Anfassen (Johannes Oerding)
Armoured wings
Bridle passion (Northward)
While love died (Northward)
Energize me (After Forever)
Paragon (Northward)
Storm
Hope
Our decades in the sun (Nightwish)
Strong (After Forever)
Me without you
The calm
Face your demons (After Forever)
Zu schnell vorbei (Clueso)
Come full circle

My paragon
Daydream
Invincible (Outro)

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