Buch: Beth Ditto – Heavy Cross

Kiss my Ass!

 

ditto_bheavy_crossBeth Ditto schildert in ihrer Autobiographie ihren Werdegang von der jungen Mary Beth Patterson, aus dem von der Welt abgeschnittenen Kaff Judsonia in Arkansas, zur weltberühmten Sängerin Beth Ditto der Band Gossip, bekennende Lesbe, Femme und Feministin. Dies verläuft relativ chronologisch ab ihrer Jugend mit 13 Jahren, und obwohl „mit Michelle Tea“ eine Co-Autorin genannt wird, erscheint mir Beths Geschichte sehr authentisch, weil es zwischendurch immer wieder Flashbacks in die frühere Kindheit gibt. Dadurch wirkt das Buch nicht wie von einem professionellen Ghostwriter, sondern wirklich echt, was ich als sehr positiv empfinde. Ebenfalls echt ist die schonungslose Offenheit, mit der Beth mit ihrer Kindheit umgeht, die alles andere als behütet verläuft, sondern geprägt ist von seelischem, körperlichem und sexuellem Missbrauch, auf den ich im Rahmen dieser Buchrezension aber nicht näher eingehen möchte. Phasenweise ist ihre Autobiographie wirklich keine leichte Kost, so dass ich Beth beim Lesen am liebsten in die Arme genommen und beschützt hätte, so irrational der Gedanke natürlich auch gleichzeitig ist. Bemerkenswerterweise hätte Beth sich genau das an einem bestimmten Punkt im Leben gewünscht, aber dazu komme ich erst später. Umso beeindruckender ist es für mich, wie Beth es geschafft hat, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und zu einer Ikone zu werden, die sogar die Modewelt in Aufruhr versetzt.
Den Nachnamen Ditto erhält Beth von ihrem Stiefvater Homer Edward Ditto, der Vater ihrer drei älteren Geschwister. Beth wird in einer Beziehungspause geboren. Dennoch betrachtet Homer nicht nur Beth wie eine leibliche Tochter, sondern sie empfindet ihn auch als echten Vater, da sie ihren leiblichen Vater erst als Jugendliche kennenlernt und kein Verhältnis zu diesem aufbauen kann. Die Beziehung von Homer Ditto zu Beths Mutter Velmyra Patterson scheitert. Diese hat wechselnde Partner, wodurch sich Beth fehl am Platze fühlt. Immer häufiger verbringt sie die Nächte daher bei ihrem Vater oder bei ihrer Tante Jannie. Letztendlich fühlt sie sich nirgends zu Hause, nirgends hat sie einen Kleiderschrank. „Zu Beginn der Highschool hatte ich wirklich nichts – kein Zuhause, keine Klamotten und keine Ahnung, wie tief ich in der Scheiße steckte.“ Ein Gefühl, das ihr aber später das Leben mit der Band Gossip auf Tour erleichtern wird.
Tante Jannie war sicherlich prägend für Beth. Sie ist eine dickleibige Frau, die daheim in großer weiter Oma-Unterwäsche herumlümmelt. Nicht aus Faulheit oder um zu schockieren, sondern „Sie nahm sich das Recht heraus, es sich in ihrem Körper und ihrem Zuhause gemütlich zu machen und sich nicht darum zu scheren, was andere davon hielten.“ Auch Beth wird sich später nicht darum scheren, was andere von ihr halten.
Im Alter von 15 Jahren lernt Beth ihren ersten Freund Anthony kennen, einen der wenigen Jugendlichen in Judsonia, die wie sie auf Punk und Grunge stehen. Mit ihm gründet Beth, die ihre Stimme im Kirchenchor geschult hat, „die beschissenste Band der Welt“: Little Miss Muffet. Im Rahmen einiger kleiner Konzerte lernt Beth schließlich auch Nathan Howdeshell alias Brace Paine kennen, den späteren Gitarristen von Gossip, der zu dieser Zeit in seiner Band Mrs. Garrett spielt. Über Nathan lernt Beth auch Jeri kennen, der homosexuell ist, und Kathy Mendonca, die später in Gossip die Drums bedienen wird. Kathy ist die erste Frau, in die sich Beth bewusst verliebt. Da ihre neuen Freunde alle älter sind als sie, verlassen diese Judsonia, einen Ort, in dem Tanzen und MTV verboten ist, und ziehen nach Olympia, der Heimat des von allen verehrten Plattenlabels Kill Rock Stars und der Riot Grrrl Bewegung, die großen Einfluss auf Beth und ihr Selbstverständnis als Punk-Sängerin hat. Doch wieder allein und ohne ihre Freunde erleidet Beth einen Nervenzusammenbruch.
Aber nach der Highschool schafft auch Beth den Absprung ins Leben, raus aus Judsonia mit all seiner negativen Vergangenheit, und folgt ihren Freunden nach Olympia, wo alle zusammen eine heruntergekommene Wohnung beziehen. Mit miesen Jobs und geklauten Lebensmitteln halten sie sich über Wasser. Die Zeit in Olympia wird prägend für Beth. Erstmals lernt sie eine echte Punkszene kennen und trifft Persönlichkeiten wie Tobi Vail und Rachel Carns. Außerdem führt sie in Olympia eine offene lesbische Beziehung. An einem langweiligen Nachmittag im Jahr 1999 beginnen Nathan, Kathy und Beth Musik zu machen – Gossip wird geboren. Es folgen einige Auftritte und schließlich erscheint später im Jahr die erste EP The Gossip bei dem Punk Label K Records. Sie haben danach ihre erste Tour als Vorband von Sleater-Kinney. Kurz nach der Tour fragt Kill Rock Stars für ein Album an, das Label, auf dem viele von Beths Helden veröffentlicht haben – das Ergebnis ist die erste Scheibe „That´s not what I heard“. Beth ist 19 Jahre alt. Aber wer glaubt, sie hätte es nun geschafft, der irrt sich. Auf der folgenden Tournee spielen Gossip im Schnitt vor 40 Leuten und bekommen pro Abend 150 Dollar, und davon muss sogar noch das Benzingeld bezahlt werden. Im Kreislauf von Job-Kündigung, Tournee und neuem miesem Job bleibt Beth oft nicht einmal genügend Geld für Lebensmittel. Ihre Schwester Akasha schickt ihr Care Pakete aus Arkansas und lässt sogar einmal eine Pizza liefern – und bezahlt am Telefon mit Kreditkarte. Selbst als Gossip mit „Standing in the Way of Control“ in England Riesenerfolge erzielen, spielen sie danach in den USA weiterhin vor nur 50 Zuschauern.
Von dem kleinen Olympia ziehen Gossip schließlich nach Portland, Oregon. Mit der Größe der Stadt hat Beth allerdings anfangs Probleme, und sie vermisst ihren besten Freund Jeri, der in Olympia zurückgeblieben ist. Sie bekommt Probleme mit ihrer Sehkraft und nimmt von 90 kg auf 65 kg ab, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein. Immer wieder setzt ihre Sehkraft aus, sie ist minutenlang blind. Als sie auch mit Brille kaum noch zurechtkommt, geht sie endlich zum Arzt. Die Diagnose lautet Sarkoidose. Dabei entstehen mikroskopisch kleine Knötchen, die in Beths Fall auf die Pupillen drücken. Mit Hilfe von Steroiden lässt sich die Krankheit weitgehend in Schach halten aber nicht heilen.
All diese Umstände treiben Beth in eine Depression. Sie beginnt sich zu ritzen, und erst ihr derzeitiger Freund Freddie, ein Transsexueller, bringt Beth wieder zu sich: „Wenn Du stirbst, müssen wir alle ohne dich leben.“ Im Krankenhaus beginnt endlich der langwierige Verarbeitungsprozess ihrer schlimmen Kindheit. Sie weint um sich selbst und all die missbrauchten Mädchen in ihrer Familie, und wie ich eingangs schon feststellte: „Ich wollte 24 Stunden am Tag in den Arm genommen werden. Doch das kann niemand für einen tun. Ich musste mich zwischen Leben und Tod entscheiden.“ Nach vier Tagen kann Beth das Krankenhaus verlassen, steckt jedoch noch immer tief in ihrer Depression. Ihre Rettung ist schließlich ihre Schwester Akasha. „Sie sagte: ‚Beth, wenn du von Woche zu Woche nicht weiterkommst, dann denk einfach von einem Tag zum anderen. Wenn du von Stunde zu Stunde nicht mehr kannst, dann mach von Minute zu Minute weiter. Und wenn das nicht funktioniert, dann konzentriere dich auf die Sekunden, aber mach weiter.‘ Und das funktionierte.“
2006 steigt Kathy aus Gossip aus, weil sie mit dem unsteten Musikerleben nicht mehr zurechtkommt und wird durch Hannah Blilie von Shoplifting ersetzt. Die nächsten Platten sind „Standing in the Way of Control“, produziert von Guy Picciotto von Fugazi und „Music for Men“, produziert von dem legendären Rick Rubin. Spätestens jetzt sind Gossip im Rock-Olymp angekommen. 2012 erscheint das derzeit letzte Studioalbum „A joyful Noise“, Produzenten sind dieses Mal Mark Ronson und Brian Higgins.
Ein Fazit spare ich mir an dieser Stelle, da Beth Ditto mit ihrer Körperfülle, feministischen Einstellung und Attitüde von je her polarisiert. Stattdessen möchte ich euch folgendes Statement von Beth mitgeben: „Den Stimmen in eurem Kopf und den Leuten, die euch kleinhalten wollen – sagt ihnen, dass sie sich verpissen sollen. Ihr seid perfekt, so wie ihr seid. Außer der Welt müsst ihr nichts verändern. Also fangt damit an.“

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Beth Ditto: Heavy Cross
Heyne Hardcore, 2012
208 Seiten
€ 9,99

(Gastbeitrag von Mrs. Hyde)

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