Buch: Blake Crouch – Dark Matter: Der Zeitenläufer

Das Buch, das nichts hält, was es verspricht

Crouch_BDark_Matter_Der_Zeitenlaeufer__175791Jason ist Physikprofessor an einem kleinen College in Chicago. Seine vielversprechende Karriere als Atomphysiker hat er an den Nagel gehängt, um sich ganz seiner Familie zu widmen: Frau Daniela, Künstlerin, und Teenager Charlie. Sein Leben ist nicht außergewöhnlich, aber er fühlt sich wohl damit. Dennoch zwickt es manchmal, und er denkt darüber nach, ob er und Daniela es wohl zu Erfolg hätten bringen können, wenn sie sich damals für ihre Karrieren entschieden hätten. Doch wie man so schön sagt: Man sollte mit seinen Wünschen vorsichtig sein, denn eines Abends wird Jason entführt, unter Drogen gesetzt und in einem alten Fabrikgebäude abgelegt. Als er aufwacht, befindet er sich in einem Labortrakt, den er noch nie gesehen hat – doch die Menschen dort kennen ihn und gratulieren ihm zum gelungenen Experiment. Verwirrt und verstört flieht er nach Hause – doch das Haus, zu dem sein Schlüssel passt, ist nicht seines und von seiner Familie fehlt jede Spur. Erst langsam dämmert Jason, dass er sich in einer parallelen Realität befindet, und dass er seine geliebte Frau womöglich nie wiedersehen wird.

Das Ausgangssetting erinnerte mich sofort an David Walton’s Quantum, das ich vor etwa einem halben Jahr gelesen habe. Begabter Physiker, der sich für die Lehre entscheidet (sogar die Namen sind erstaunlich ähnlich – Quantums Held heißt Jacob …), parallele Welten und Quantensuperposition – das klang interessant. Leider fällt Dark Matter beim Vergleich mit Quantum auf ganzer Länge durch.
Das geht schon beim Titel los, denn sehr bald musste ich mich fragen, was Dunkle Materie, eine theoretische Form der Materie, die die Masse unseres Universums erklären könnte, eigentlich mit parallelen Realitäten und Schrödingers Katze zu tun hat. Die Antwort lautet: nichts. Auch der deutsche Untertitel „Zeitenläufer“ liegt weit daneben, dann Jason läuft nicht durch die Zeit, sondern durch verschiedene Dimensionen. Da fühle ich mich als halbwegs wissenschaftsinteressierter Leser einfach für dumm verkauft.

Die Story ist bereits nach zwei Kapiteln vorhersehbar, nach einem Drittel des Buches geradezu schmerzhaft offensichtlich und schafft nur ganz am Ende eine kleine unvorhergesehene Wendung, die sich allerdings schnell zu einem unnötig komplizierten Dilemma entwickelt, in dem sich der Autor ein wenig verstrickt.
Stilistisch kam mir Dark Matter eher plump vor, ob das am Originaltext liegt oder an der Übersetzung, ist schwer zu sagen, doch bei Formulierungen wie „Sieh, ich habe keine Ahnung …“ oder „wenn du dich nicht an mich entsinnst“ hätte spätestens im Lektorat jemand den Rotstift zücken sollen. Teils liest es sich bemüht hochgestochen, oft aber auch einfach blöd.
Blake Crouch versuchte wohl, den Leser auf eine packende Achterbahnfahrt durch Paralleldimensionen mitzunehmen, aber irgendwie kam ich dann in einer Welt voller kleiner Logikfehler und oberflächlicher Recherche an, in der es nur eine Sorte Whisky gibt. Nicht mal mit Protagonist Jason wurde ich warm, sein Charakter erfährt keinerlei Entwicklung, seine Handlungen sind oft nur begrenzt nachvollziehbar, und irgendwie ist er ständig durstig. Die einzig wirklich sympathische Figur, Amanda, verschwindet nach einem kleinen heroischen Einsatz sang- und klanglos. Das Ende ist … Hollywood, wie wenn es verkrampft versucht, nicht Hollywood zu sein.

Durch die thematische Nähe zu Quantum hatte ich von Dark Matter: Der Zeitenläufer einen ähnlich tiefgründigen und wissenschaftlichen Thriller erwartet, jedoch wurde ich enttäuscht. Die Wissenschaft ist oberflächlich, und oft kam es mir vor, als sei die Hauptrecherche ein National-Geographic-Abo gewesen. Trotz allem muss ich Dark Matter aber zu Gute halten, dass es sich zumindest flott liest und hier und da wirklich spannend ist. Aber wer sich in Science-Fiction tatsächlich etwas Science und nicht nur mittelmäßige Fiction erhofft, sollte hiervon wohl besser die Finger lassen.

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Blake Crouch – Dark Matter: Der Zeitenläufer
Goldmann Verlag, März 2017
416 Seiten
Paperback: € 16,00
eBook: € 12,99

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