CD-Review: Delirium – Das Erbe der alten Zeit (EP, VÖ: 20.07.2013)

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Franken auf dem Vormarsch

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Da euch die Jungs von Delirium erst kürzlich als Band der Woche präsentiert wurden, erübrigt sich hier eine detaillierte Vorstellung des Quintetts aus unserer Kolonie im Norden. Gehen wir stattdessen sofort in medias res: Rein mit der EP Das Erbe der alten Zeit, die Lautsprecher auf Anschlag aufgedreht und los geht’s!

Ich bin alles andere als ein Heimatkundler oder gar Expertin für Folk-s-musik, habe aber durchaus was übrig für diese Themen. Simon Dittrich (Schlagzeug), Steffen Schultheiß (Gitarre), Tobias Herrmann (Gitarre), Björn Bayer (Bass) und Manuel Hiller (Gesang) offenbar auch, denn selten bekommt der unbedarfte Review-Schreiber so detaillierte Hintergrundinformationen zu den einzelnen Liedtexten wie von Delirium. Musikalisch erwartet den geneigten Zuhörer melodischer Metal mit Kreischgesang, mit allen Zutaten, die eine Pagan-Band so braucht, die zwar gefallen, aber nicht ins Reich der beinahe schon tanzbaren Spaß-Mukke abdriften will.

„Perchta“ beginnt groovig, ist melodisch und dreht sich immerhin um eine Sagengestalt, die ich auch kenne – für mich persönlich also ein wirklich guter Einstig in die musikalische Welt von Delirium. Sehr melodisch, technisch ausgefeilt und dennoch eingängig, mein persönlicher Favorit der Scheibe. Weiter geht’s mit dem „Wolfshenker“, einer Sage aus Ansbach, der zufolge Michael Leicht, vor seinem Ableben Bürgermeister der Stadt, 1685 nach seinem Tode jedoch in einen Wolf verwandelte. Der Wolfsmenschen-Geist-Hybrid fiel jedoch in einen Brunnen, wurde totgeschlagen, in Weiberröcke gesteckt und aufgehängt, und von den Ansbachern fortan „Wolfshenker“ genannt. Vom 17. zurück ins 16. Jahrhundert, zum „Schwarzen Jobst“, der mordend und brandschatzend das Taubertal unsicher machte. Und da er nach seiner Ergreifung durch die Obrigkeit es wagte, das gegen ihn ausgesprochene Urteil – Tod durch den Strang – zu verspotten, verschärfte Markgraf Hyronimus Stöckel das Todesurteil (ja, so was geht im 16. Jahrhundert offensichtlich) noch: Statt also einfach und friedlich zu Tode gehängt zu werden, wurde Jobst an einen Hirschen gebunden, der ihn im Wald zu Tode schleifen sollte. Doch Jobst überlebte diese Tortur und stiftete weiter Unheil, doch damit müssen wir uns bis Teil zwei gedulden.
Das „Spatha“ ist ein Schwert, überwiegend im 6. Jahrhundert v. Chr. gebräuchlich. Dementsprechend geht es auch in Track Nummer vier hart zur Sache, rein musikalisch jedenfalls. Die Strophen sind melodisch und echte Nackenbrecher in mittlerem Tempo, dann steigert sich das Tempo, und man kann förmlich sehen, wie die Krieger aufeinander einschlagen. Gefällt! „Helfahrt“ beschließt die gut 22 Minuten EP und befasst sich inhaltlich mit der Vorstellung der Germanen von der Unterwelt (wer hätt’s gedacht?). Mit einem getragenen Schlusssatz findet Das Erbe der alten Zeit ein würdiges Ende in der germanischen „Hölle“.

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Alles in allem gefällt mir Das Erbe der alten Zeit gut, vor allem deswegen, weil ich hier das Gefühl habe, dass hinter diesem Namen, der erst Mal nach Spaßmetall klingt, Menschen stehen, die beides können: unterhaltsame Musik machen, die absolut tauglich für Saufgelage am Feuer ist, und die dennoch eine gewisse Ernsthaftigkeit nicht vermissen lässt. Ich fand vor allem die Stücke interessant, die sich mit lokalen Geschichten und Mythen befassen, weniger die, die Allgemeinplätze des paganen Metalls bemühen – auch wenn letztere musikalisch alles andere als schlecht sind, im Gegenteil. Ich mag es einfach, wenn die Barden mir etwas erzählen, das ich noch nicht weiß, und obgleich ich da generell Nachholbedarf aufweise, finde ich den lokalen Bezug wirklich schön.
Obwohl Delirium technisch und spielerisch einiges drauf haben, wird mir das Gedudel allerdings nach einiger Zeit ein bisschen zu eintönig. Das liegt sicherlich an meinen persönlichen Präferenzen (härter, schneller, weniger Melodie, bitte!). Ich denke, jeder Pagan-Fan ist hier wirklich gut aufgehoben.
Die Mannen aus Franken bleiben ihrer Musiklandschaft hoffentlich noch eine Weile erhalten und beglücken uns bald mit einem zweiten Album – die EP hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht!

Anspieltipp: Perchta

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Delirium: Das Erbe der alten Zeit
EP, 20.07.2013
Kaufen!
www.Delirium-Franken.blogspot.com
www.Facebook.com/DeliriumFranken
http://frankendelirium.bandcamp.com/

Tracklist:
1. Perchta
2. Wolfshenker
3. Der Schwarze Jobst (Part 1: Der Hirschritt)
4. Spatha
5. Helfahrt

Spielzeit: 22 Minuten

Live sind die Mannen übrigens beim Fimbul-Festival zu sehen – Jungs, ich freu mich auf den Gig!

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