Konzert: 07.10.2018 – Rome – Backstage Club, München

Oans, zwoa, gsuffa!

Nur einmal sind mir Rome zuvor begegnet: Vor ein paar Jahren beim WGT, bei dem ich das letzte Lied eines Konzerts in der Kuppelhalle des Volkspalastes mitbekommen habe. Das ist mir dafür in guter Erinnerung geblieben, und so möchte ich die Gelegenheit heute nutzen, Rome einmal näher kennenzulernen, zumal mir Freunde wiederholt von der Band um Mastermind Jérôme Reuter vorgeschwärmt haben. Allerdings ist heute auch der letzte Wiesntag, bleibt also zu hoffen, dass wir im nahegelegenen Backstage und in der S-Bahn vom Trachtenfasching und dessen alkoholbedingten Ausfallerscheinungen verschont bleiben.
Rome bestehen als Band seit 2005 und präsentieren nach mittlerweile zehn veröffentlichten Alben das aktuelle Werk Hall of Thatch.

DSC_6726Um acht ist Einlass, als wir eine Viertelstunde später eintreffen, sind die Besucherzahlen noch recht überschaubar. Auch zu Beginn der Show um neun ist der Club nur locker gefüllt, schätzungsweise siebzig Besucher haben sich eingefunden. Erwartungsgemäß ist das Publikum überwiegend schwarz gekleidet, aber vor allem ein paar verdächtig nach bunten Hipstern aussehende Leute fallen auf, die sind scheinbar versehentlich in der falschen Location gelandet. Während des Intros betritt zunächst Schlagwerkmeister Patrick Kleinbauer die Bühne, später folgen auch Gitarrist Eric Becker und Sänger Jérôme Reuter, der dem Publikum mit seinem Becher zuprostet. Das Intro ist sehr orchestral und erinnert an Filmmusik, dann folgt mit „Secret Germany“ der erste Song, der sehr sanft gespielt wird. Zu den sanften Drums gesellen sich die sanften Gitarren und der sanfte Gesang, auch wenn der Energielevel zwischendurch ansteigt. Trotzdem ist es schwierig, den Text zu verstehen. Reuter hat eine leicht nuschelige Art zu singen, nicht unangenehm, aber eben schwer verständlich. Außerdem liegt ein leichter Hall auf der Stimme. Es geht direkt weiter mit „Celine in Jerusalem“, zu dem Kleinbauer eine Rassel benutzt, die wie ein Fernglas aussieht. Überhaupt ist das gesamte Drumkit ungewöhnlich, unter anderem mitsamt befestigtem Tamburin, zusätzlichen E-Drums, einer Art Glockenspiel und einem spiralförmig eingeschnitten Becken, noch dazu steht Kleinbauer die ganze Zeit über. Die Hipster stehen mittlerweile in der ersten Reihe und gehen voll ab, Respekt. So kann das Äußere täuschen, aber richtig: Es sollte um die Musik gehen. Bei „Blighter“ startet Reuter zunächst sehr gefühlvoll allein auf der Akustikgitarre, der leichte Hall in der Stimme bleibt bestehen und ist also Absicht. Dann setzen auch die beiden anderen ein und verleihen dem Song mehr Power. Das bildet eine Überleitung zu „Like lovers“, vor dem sich Reuter nach einem „Dankeschön!“ mit einem Schluck aus dem Becher stärkt. Heftige Paukenschläge dröhnen durch den Club, denn er steht nun zusätzlich an einer eigenen Pauke und schlägt diese mit einem Schlägel und einer Rassel und sorgt so für zusätzliche Akzente. Anschließend muss sogar das Becken am Drumkit neu verschraubt werden. Becker sorgt an der Gitarre für einen Drone-ähnlichen Sound, der alles noch einmal unterstreicht und zusammenhält, dementsprechend laut ist nun auch der Applaus im Publikum. „Das nächste Stück ist sehr neu, es heißt: ‚Aechtung Baby‘.“ Dies ist nun wieder etwas ruhiger, auch das folgende „Spanish drummer“ ist grundsätzlich so angelegt, zu dem sich Gitarrist Becker zunächst einmal hinsetzt. Allerdings besitzt es die bislang rockigsten Zwischenparts, jetzt erwacht auch das Publikum aus der Starre, in die es zu Beginn ein wenig gefallen ist. Damit gibt es nun auch den lautesten Beifall bisher. Das lockt auch Reuter aus der Reserve: „Danke, dass ihr hier seid und nicht auf dem Oktoberfest!“ Auf das folgende Gelächter fragt er noch einmal leicht verunsichert nach: „Ist doch heute, oder?“ – „Jaaa!“ – „Also, danke!“ Es lötet sich halt entgegen der langläufigen Meinung außerhalb eben nicht jede/r beim Trachtenfasching zu.

DSC_6855Das wird nun beim nächsten Song „Sons of Aeeth“ wieder belohnt, denn zu zweit gespielte heftige Drums sorgen für den nächsten Energieschub. Zu Wind- und Pfeifgeräuschen endet der Song schließlich. Bei „Skirmishes“ beginnt Reuter wieder allein auf der Akustikgitarre, und seine Stimme lädt zum Träumen ein. In der zweiten Strophe steigt der sitzende Becker mit ein, und schließlich reißen Paukenschläge das Publikum aus einer leichten Trance. „Das nächste Stück heißt: ‚One lion’s roar‘, das kommt bald raus.“ Dann fügt er noch hinzu: „Eric ist krank, deswegen sitzt er da.“ – Alle: „Oooh!“ – „Nee, das ist, weil er auch den Bass spielt, sonst hat er ja nichts zu tun.“ Nun demonstriert Becker das kurz mit dem Fuß, denn hinter der Monitorbox (und damit vom Publikum aus kaum zu sehen) versteckt sich eine ganze Batterie an Pedalen und Effektgeräten, die er nebenbei im Sitzen noch bedient. Das macht sich nun auch mit mehr Bewegung in der Menge bemerkbar. Er ist aber auch tatsächlich krank, denn Reuter erkundigt sich mehrfach bei ihm nach seinem Befinden. Bei „Families of Eden“ werden die Pauken wieder zu zweit gespielt, dabei ist Reuter teilweise nicht ganz synchron mit Schlagwerker Kleinbauer, mit dessen präzisem Uhrwerk er nicht mithalten kann. Das tut der epischen Stimmung des Songs, der noch von Sprachsamples unterstützt wird, aber keinen Abbruch. Die Menge wiegt sich im Takt, tanzt aber eben keinen Pogo, und so flüstert er hinterher nach dem Beifall mit einem Grinsen im Gesicht: „Ihr seid sehr brav.“ Das sorgt nun wiederum für ein breites Grinsen allerseits. „Farwell to Europe“ wird langsam und tragend gespielt, gleichzeitig besitzt es sehr viel Druck. Trotz der anderen musikalischen Umsetzung ist dies von der Wirkung her mit Doom Metal vergleichbar. Nach „West knows best“ bedankt sich Reuter noch einmal beim Publikum: „Vielen Dank für’s Kommen! Cheers!“ Wir kommen also zum Ende, aber zuvor folgt noch „Only Europe know“. Hierbei habe ich Assoziationen zu „Better than them“ von New Model Army, was mich besonders freut. Dann winken die drei kurz und verschwinden durch die Tür. Doch die Zugabe ist bereits geplant. Das Licht bleibt aus, vom Band kommt ein Rauschen, das schließlich in Sirenengeheul übergeht und die Zugabe-Rufe übertönt.

Reuter betritt nun allein die Bühne, jemand ruft Wiesn-ironisch: „Oans, zwoa, gsuffa!“ Reuter lacht und entgegnet: „Na gut, da sind wir dabei.“ Dann fügt er hinzu: „Ich spiel‘ jetzt was Neues, das könnt ihr noch nicht kennen.“ Er begleitet sich selbst auf der Akustikgitarre bei „Slash and burn“, dann stoßen die beiden anderen für „One fire“ dazu, die er bei der Gelegenheit auch noch einmal vorstellt. Nun gibt es einen Publikumswunsch, den Reuter jedoch nicht erfüllen kann: „Äh, das haben wir im Moment nicht im Angebot.“ Dafür ist „Feuerodal“ auch eine gute Wahl. Dann überrascht er alle Anwesenden: “ Es gibt heute ein Brautpaar hier irgendwo. Herzlichen Glückwunsch!“ Das gibt natürlich eine Runde Applaus. „Der nächste Song ist für das Brautpaar. Das passt zwar gar nicht (lacht), aber egal.“ In der Tat hat „Neue Erinnerung“ keinen fröhlichen Text. Der Zwischenrufer versucht noch einmal sein Glück, wird aber wieder enttäuscht. Zum Abschluss folgt noch „Swords to rust – hearts to dust“, dann verbeugen sich die drei gemeinsam zum Abschied und lassen sich von den Fans feiern.

Fazit: Trotz der Wiesn-Doppel-Pizza (Gsuffa, oans, zwoa!), die dann doch noch am Ostbahnhof auf mich wartete, hat es sich sehr gelohnt, die heimische Couch zu verlassen. Rome haben ein schönes anderthalbstündiges Set gespielt, das eine Auswahl an alten, neuen und zukünftigen Klassikern beinhaltet hat. Das Konzert war nicht überfüllt wie beim WGT, sondern klein, intim, familiär und musikalisch hochklassig. Neofolk ist in der Regel weniger meins, aber Rome bezeichnen ihre Musik selbst als Chanson Noir, das trifft es wohl ganz gut und macht für mich den kleinen, aber feinen Unterschied aus. Den anwesenden Fans wird der Auftritt sicherlich die volle Punktzahl wert gewesen sein, aber der ganz große, überspringende Funken hat mir persönlich am Ende etwas gefehlt.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Setlist:
Secret Germany
Celine in Jerusalem
Blighter
Like lovers
Aechtung Baby
Spanish drummer
Sons of Aeeth
Skirmishes
One lion’s roar
Families of Eden
Farwell to Europe
West knows best
Only Europe know

Slash and burn
One fire
Feuerodal
Neue Erinnerung
Swords to rust – hearts to dust

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