Kultur: M+M, Fieberhalle – Villa Stuck, München

Perspektivwechsel für Filmliebhaber

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Im Ateliergebäude des Museums Villa Stuck hat das Münchner Künstlerduo M+M (Marc Weis und Martin De Mattia) einen Filmzyklus namens „7 Tage“ sowie die neue Arbeit „Der 8. Tag“ und das 3D-Video mit dem Namen „Mad Mieter“ aufgeführt. Es ist eine Gesamtinstallation, die durch eigens dafür erstellte Gerüste mehrere Ebenen erzeugt und somit mehr Filmraum ergibt. Es steht dem Besucher frei, wo er beginnt, ob er von unten nach oben vorgeht oder zuerst die Treppe nach oben steigt und sich nach unten vorarbeitet. Wie auch immer: Es entsteht ein „Haus der Erzählung“ (laut Fabienne Liptay in ihrem Text im Begleitkatalog).

Eines gemeinsam hat jede Filmsequenz: Es ist einem Tag zugeordnet und besteht aus einer Doppelprojektion, hier verschieben sich die Erzählebenen ineinander, es wird links und rechts das gleiche erzählt, aber was anderes verstanden. Es wirkt unwillkürlich anders auf einen, ob ein Mann in der Disco einen Mann oder eine Frau anbagggert, ob der Hauptdarsteller beim Friseur zwar den gleichen Dialog links mit einer Frau und rechts mit einem Mann hat.

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Wenn auf dem Bett bei einem Mann eine junge Frau nur mit einem Höschen bekleidet fragt „findest du mich schön“, dann empfindet man ganz anders, als wenn auf der Projektion auf der anderen Seite das gleiche gefragt wird, das aber von einem Kind und nur im Höschen. Es ist eine ganz andere Stimmung, ob jemand lächelnd oder todernst im Auto durch eine düstere Nacht zu einer Frau fährt. Der Protagonist ist immer Christoph Luser, er stellt immer emotionale Situationen dar, die aber von so unterschiedlichen Motiven geprägt sind wie Gewalt, Zärtlichkeit, Mordlust, Sexualität oder familiäre Abgründe. Im Begleittext wird explizit hingewiesen auf „Referenzen zu Filmen wie Alan Parkers Angel Heart (1987), John Badhams Saturday Night Fever (1977), Dario Argentos Tenebre (1982) oder Stanley Kubricks The Shining (1980)“. Auf der Brüstung komme ich mir aber auch noch vor wie bei Das Fenster zum Hof: Man sieht nachts durch ein vorhangfreies Fenster (bzw. durch zwei, das links und das rechts mit der Projektion).

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Hier und dort wird eine Frau kaltblütig ermordet, es fließt viel Blut, Kameraführung und die Laute aus dem herabhängenden Lautsprecher lassen einen schaudern. Den Abschluss stellt das speziell für die Ausstellung entwickelte 3D-Video „Mad Mieter“ dar. Das muss man etwas suchen, weil es sich in einem kleinen nachtschwarzen, versteckten Raum fast ganz oben befindet. Man nimmt sich eine 3D-Brille und sieht eine gemütlich, bürgerlich eingerichtete Wohnung. Hier wohnt aber eine Gottesanbeterin. Nach einigem zuerst gediegenen und dann stürmischerem Hin und Her kommt es – das ist die Natur des Gottesanbeterinnen-Paars – zu einem grausamen Ende, das man sich detailgetreu einverleiben kann. Die tragische Partitur des Komponisten Moritz Eggert tut sein Übriges dazu.

Diese Ausstellung scheint kein Publikumsmagnet zu sein, ich war tagsüber völlig alleine dort. Man hat aber auf jeden Fall neue Eindrücke gewonnen, wie auch durch die verschiedenen Ebenen ganz andere Einblicke in die Räumlichkeiten. Es regt tatsächlich zum Nachdenken an: über zwischenmenschliche Beziehungen, über die Wirksamkeit von Worten und Gesten, und darüber, wie sich alles ändert, wenn das Gleiche ein anderer sagt und tut, und was ein Perspektivwechsel ausmacht.

M+M, Fieberhalle
17.10.2019 – 12.01.2020
Museum Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60
81675 München
Kurator: Michael Buhrs
#FieberhalleMVS
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr

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