Reise: Subkultur in Japan – Teil 4: Psychobilly in Shinjuku (Tokio)

Psychobilly in Shinjuku (Tokio)

Am gleichen Tag des Punk Festivals findet unter dem Namen Slap of Cemetery auch noch ein Psychobilly Event statt, in einem Club namens Loft mitten im Rotlichtviertel Kabuchiko (1 Chome-12 Kabukichō in Google Maps). Glücklicherweise ist dies ebenfalls in Shinjuku und in Laufweite vom Anti-Knock, und der Beginn um 24 Uhr passt optimal in den Zeitplan. Also machen wir uns auf zur zweiten Party des Tages, die wieder in einem Keller stattfindet. Der Eintritt kostet hier 18 Euro, aber auch im Loft muss man zusätzlich das erste Getränk bereits am Einlass mitbezahlen. Das Loft wirkt von innen nicht so undergroundig wie das Anti-Knock, aber hier finden auch verschiedenste Veranstaltungen statt.IMG_8172
Kaum dass wir unsere Getränke geholt haben, werden wir schon wieder angesprochen und haben dieses Mal Glück. Wir können uns bestens auf Englisch unterhalten, und schnell werden wir auch allen anwesenden Freunden vorgestellt. Mittlerweile habe ich das erste Bier geleert, und mein Gesprächspartner ist entsetzt, dass ich nichts zu trinken habe. Konsequent schleppt er mich zur Bar und ordert Nachschub „for my friend from Germany“, und das bei einem Preis von wieder sechs Euro pro 0,33 l Flasche. Dabei kennen wir uns noch nicht einmal fünf Minuten, aber so haben wir die Japaner erlebt, grundsätzlich wahnsinnig offen und freundlich.
Die DJs, vIMG_8140_2on denen einer wirklich aussieht wie die japanische Ausgabe von James Dean, legen guten Rock ’n‘ Roll auf, es wird fleißig getanzt, allein oder paarweise. Witzigerweise kann man genau beobachten, wer schon einmal auf einem Rockabilly Festival in England war, die Kleidung ist dann authentischer, und der Tanzstil ist einfach anders. Auf jeden Fall können wir nun „in Japan Rock ’n‘ Roll tanzen“ von der Things-to-do-in-Life-Liste streichen.
Generell ist das Publikum hier aber sehr gemischt, von normal wirkenden Studenten über Rockabillys bis hin zu Psychobillys ist alles vertreten. Auch hier sind viele altersmäßig über dreißig wie im Anti-Knock. Die Konzertnacht eröffnen schließlich The Discovers, die zwar nichts Besonderes, als Vorband aber okay sind. Die folgenden The Sugar Nuts sind da schon originIMG_8127_2eller, sie haben sich dem Sixties Beat verschrieben, und die beiden Sängerinnen verkörpern diesen Stil mit ihrem Aussehen und den choreografierten Tanzbewegungen perfekt. Dice for Lights treten zwar Psychobilly-gerecht mit einem großen Kontrabass auf, weisen aber eindeutig Hardcore-Einflüsse in ihrem Sound auf. Eine ungewöhnliche Mischung, die aber auf jeden Fall Spaß macht.
Spike sind dann das Highlight des Morgens, denn mittlerweile ist es gegen vier Uhr in der Früh, aber niemand zeigt sich müde, im Gegenteil. Die Bandmitglieder müssen vom optischen Eindruck her alle um die sechzig sein, rocken aber die Bühne. Sie sehen aus wie 30er Jahre Gangster, ihr Sänger Spike hat dem Namen entsprechend statt einer Tolle zwei lange Teufelshörner in der Frisur. Das Publikum wurde von Dice for Lights vorher entsprechend aufgewärmt, und nun kommt es auch zu den für Psychobilly typischen Wrecking-Aktionen. Allerdings wird hier nicht wie bei uns „aufeinander eingeknüppelt“, sondIMG_8180ern die an sich gleichen Armbewegungen finden auf typisch japanisch höfliche Art und Weise statt, damit man sich ja nicht gegenseitig weh tut. Teilweise wirkt das Wrecking wie in Zeitlupe. Nichtsdestotrotz ziehen irgendwann ein paar Jungs auch ihre Shirts aus, um ihre Tattoos zu präsentieren. Da sind die typisch männlichen Machomechanismen trotz aller kulturellen Unterschiede dann doch dieselben wie in Europa. Mit diesen Eindrücken einer tollen Nacht verabschieden wir uns nach der Show, schließlich sind wir seit 24 Stunden auf den Beinen. Zum Glück wohnen wir gleich ums Eck.

loft-prj.co.jp/

Für die Späteinsteiger: Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3

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