Konzert: 18.12.2016 New Model Army + Wolfling – Melkweg, Amsterdam – Weihnachtskonzert

XXX-Mas in Amsterdam

IMG_3039Arbeitstechnisch müssen recht kurzfristig noch vier Tage Urlaub dieses Jahr verbraten werden. Daheim hocken ist doof, lieber einen Kurztrip planen. Nur, wohin soll es gehen? Schon wieder London? In Prag war ich letztes Jahr. Warum nicht Amsterdam? Da spielen außerdem „rein zufällig und ganz nebenbei“ New Model Army ihr Abschlusskonzert der Weihnachtsminitour, die für die treuesten Fans über Nottingham, London, Paris und Köln nach Amsterdam führt, das die drei XXX im Stadtwappen trägt. Diese sind überall in der Stadt gegenwärtig.
Nachdem ich letztes Jahr erstmalig das legendäre Weihnachtskonzert von New Model Army im Kölner Palladium besucht habe (Link zum Bericht), ist die Show im berühmten Melkweg in Amsterdam eine neue Erfahrung, zumal ich die Stadt noch nie besucht habe. Somit ist das eine prima Gelegenheit, einen Kurzurlaub mit Konzertvergnügen zu verbinden.

Als wir auf die Straße zum Melkweg einbiegen, trifft uns erst mal der Schlag. Vor einem Irish Pub steht ein überwiegend schwarz gekleideter Mob von 150 bis 200 Menschen. Aber auf fast jedem Kleidungsstück stehen die drei Worte New, Model und Army. Überwiegend englische Fans stimmen sich hier friedlich auf das Konzert ein, schließlich liegt das Melkweg nur dreißig Meter weiter. Zumindest die Weihnachtstour lassen sie sich vom schlechten Kurs des Pfund nicht vermiesen.
Das Melkweg selbst ist ein schöner Live-Club in einem alten roten Backsteingebäude, größenmäßig ungefähr zwischen der Halle und dem Werk im Münchener Backstage. Links und rechts gibt es mit zwei Treppenstufen erhöhte Bereiche, sodass zusammen mit der ca. 1,60 Meter ungewöhnlich hohen Bühne auch kleine Menschen eine optimale Sicht auf das Bühnengeschehen haben. Nebenbei macht das auch den lästigen Pressegraben überflüssig. Zusätzlich gibt es eine Empore mit bis zur Bühne reichenden seitlichen Catwalks, die bei Bedarf geöffnet werden können.
IMG_3047Als Wolfling pünktlich um 20 Uhr den Abend eröffnet, ist es noch nicht einmal halb voll. Der Amsterdamer Musiker, der alleine mit seinem Mandoloncello auftritt, ist heute ein Überraschungsgast. Laut seiner Facebookseite hat er erst am heutigen Tag die Anfrage bekommen, im Vorprogramm von New Model Army aufzutreten. Seine Lieder bewegen sich irgendwo zwischen Mittelalter, Seemannsliedern und Traditionals. Seine Stimme wird schön vom Mandoloncello untermalt, aber mir persönlich sind auf Dauer die einzelnen Lieder einfach zu lang. Während seiner halbstündigen Spielzeit bringt er es so gerade mal auf fünf oder sechs Songs. Trotzdem wird sein Auftritt gebührend mit dem verdienten Applaus honoriert. Früher war er bei der Punkband Brezhnev aktiv, die mir beim Reinhören spontan besser gefiel. Schon während Wolfling hat sich der Saal merklich gefüllt, und nun strömen auch die letzten Besucher ins Melkweg, sodass nun auch die bislang geschlossenen Catwalks geöffnet werden.

IMG_3053Dreißig Minuten später verdunkelt sich der Saal, und New Model Army betreten unter lautem Jubel die Bühne, halten sich aber nicht lang auf und beginnen ihr Set direkt mit „Burn the castle“. Auch das Publikum hält sich nicht lang auf und beginnt wiederum direkt mit dem Pogo, und auch ich springe mitten rein. Das folgende „White light“ von The love of hopeless causes (1992) wird vom gesamten Saal begeistert mitgesungen. Bereits jetzt sitzen einige Fans auf den Schultern von anderen. Eine Frau und ein Mann stehen sogar auf Schultern und werden von ihren Trägern mittig im Saal hintereinander platziert. Das ergibt ein tolles Bild und erzeugt eine Wahnsinnsatmosphäre, wie man sie eben nur bei New Model Army erleben kann. „Winter“, „Part the waters“ und „Eyes get used to the darkness“ folgen in der Reihenfolge wie auf dem neuen Album Winter (Link zur Rezension). Das letztgenannte scheint nicht nur mein Lieblingslied davon zu sein, denn im Pogo geht es mächtig ab. Spätestens jetzt reißen sich die meisten dazu ihr Shirt vom Leib, dabei vollbringt die Lüftungsanlage im Melkweg Höchstleistungen. Sie ist die beste, die ich je in einem Live-Club erleben durfte. Zu „Fate“, wieder von The love of hopeless causes, wird die nächste Runde der Lastenträger ausgerufen. Ein Mädchen versucht diese zu fotografieren, aber als viele zum Refrain begeistert die Arme hochreißen, trifft es das brandneue Samsung Galaxy S7, das im hohen Bogen drei Meter weit durch die Luft fliegt. Man mag es kaum glauben, aber das Handy findet seinen Weg unbeschadet zur Besitzerin zurück. „Fate“ hat Justin Sullivan mit „looking for wisdom but I’ve still not found it“ angekündigt, bevor er zu „Devil“ wieder die Pommesgabel auspackt. Die Ansprache dazu kürzt er ab, schließlich waren alle Anwesenden auf mindestens einem der regulären Tourkonzerte im Herbst dabei und kennen diese schon, etwa die Hälfte trägt ein T-Shirt der aktuellen Tour. Witzigerweise sind aber auch einige Shirts der 30-Jahre- Tour von The Mission und der 40-Jahre-Killing-Joke-Tour dabei, die ja ebenfalls erst kürzlich stattfanden. Aber dann meint Justin: „Then later you find out that the Devil is not so cool at all. Maybe this is wisdom.“

IMG_3071Zu „Angry planet“ von Between wine and blood (2014) muss ich mich sicherheitshalber zur Seite zurückziehen, denn hier fliegt mal wieder die Kuh, wie man so schön sagt. Mit „Born feral“ wird es wieder etwas ruhiger, und so steht auch hier wieder jemand auf den Schultern seiner Kumpels. Ich kann es kaum glauben, als Ceri Monger den Bass herrlich rumpeln lässt und ich die ersten Klänge von „No rest“ vom zweiten Album No rest for the wicked (1985) erkenne. „There is no rest for the wicked ones, dear God what have we done?“ Ans Ausruhen denkt hier wahrlich niemand, und ich habe den ganzen Song lang Gänsehaut, aller Pogoaction zum Trotz. Die Ballade „Autumn“ von Today is a good day (2009) bietet dennoch eine willkommene Erholungspause. „Everything is beautiful, but only because everything is dying“, und alle singen mit. Danach kündigt Justin „Stormclouds“ von Between dog and wolf (2013) an mit „This is s song about living.“ Auch heute darf „51st state“ nicht fehlen, das dem verstorbenen Freund Ashley Cartwright gewidmet wird, „who is the original writer of this song“. Wieder einmal besticht „Between dog and wolf“ durch die Drums/Percussions von Michael Dean und Ceri Monger. Überhaupt ist der Sound im Melkweg großartig. Dann werde nicht nur ich durch das schöne, aber selten gespielte „Stranger“ vom Album Eight (2000) überrascht, sodass wieder viele Leute auf die Schultern anderer gehoben werden. Mit „Wonderful way to go“ von Strange Brotherhood (1998) endet das reguläre Konzert traditionell und entfesselt noch einmal die Pogomeute.

Natürlich weiß jeder, dass hier nicht das Ende des Abends ist, zumal sich die Band nur halbherzig verabschiedet hat. Nur Marshall Gill hat seine Guiness-Dose einem Fan gereicht. So dauert es auch nicht lange, bis die Band zurückkehrt und Justin sich zunächst im Namen seiner Mitstreiter namentlich bei den mitreisenden Helfern bedankt, ohne die eine Tour nicht möglich wäre, und dann wird „Stupid questions“ von Thunder and consolation (1989) präsentiert. Bei der Überleitung zur dritten Strophe bedeutet Justin etwas hektisch seinem Kollegen Marshall Gill an der Gitarre, diese weiterzuspielen, denn er hat tatsächlich einen Texthänger, während das gesamte Publikum den Song weitersingt. Das sorgt für reichlich Gelächter bei der Band und im Publikum. Dean IMG_3064White verlässt sogar kurz seinen Platz am Keyboard, und auch Justin muss über sich selbst lachen. Das macht ihn so sympathisch. Es geht dann einfach mit dem Refrain weiter, bevor „Christian militia“ vom ersten Album Vengeance (1984) einen Ausflug in die früheste Vergangenheit macht, und trotzdem ist der Text brandaktuell. Die Zugabe endet sensationell mit „Poison street“ von The ghost of Cain (1986), was habe ich lange darauf gewartet, das live zu erleben. Ich bin glücklich und schreie es aus mir heraus: „And just a drink – oho – a toast to the the days to come. Now Poison Street won’t break us any more!“
Nun verabschieden sich New Model Army endgültig von den Fans. Vor allem Justin wirkt sichtbar erschöpft, irgendwie auch kein Wunder am Ende einer langen Tour. Das Saallicht wird eingeschaltet, und die Musik läuft wieder vom Band. Doch obwohl viele im Publikum nicht weniger erschöpft sind, macht sich niemand auf den Weg ins Hotel, sondern es wird eisern vor der Bühne ausgeharrt und Lärm erzeugt. Schließlich kehrt die Band noch einmal auf die Bühne zurück und spielt den Song, der der New-Model-Army-Fanfamilie ihren Namen gegeben hat – „Family“ von Thunder and consolation (1989): „Give me some place that I can go, where I don’t have to justify myself. Swimming alone against this tide. Looking for family, looking for tribe.“ Das nenne ich mal eine Familienfeier. Schließlich wünscht uns Justin alles Gute und viel Glück, denn es sind schwierige Zeiten, und als Abschluss des heutigen Abends und damit auch der diesjährigen Tour folgt passend „I love the world“. Dieser werden wir uns nun wieder stellen müssen, aber im März beginnt ja zum Glück der zweite Teil der Winter Tour, der mit Wörgl in Österreich am 11.03., Regensburg am 12.03. und Augsburg am 14.03. auch drei Termine im süddeutschen Raum beinhaltet.

Fazit: Es war nicht nur geil, es war göttlich! Das Melkweg ist vielleicht der beste Live-Club, in dem ich je gewesen bin. Sound, Licht, Luft, Sicht, alles spitze. Im Vergleich zum Weihnachtskonzert im Kölner Palladium letztes Jahr (Link zum Bericht) hat es mir hier besser gefallen, einfach weil es hier gemütlicher war. Ins Palladium passt schätzungsweise das Dreifache an Leuten. Aber wie auch immer, ich kann nur jedem Fan die Reise zu einem der Weihnachtskonzerte dringend empfehlen, denn die Stimmung dort ist einfach unvergleichlich.
Erst auf dem Heimweg wird mir bewusst, dass die beiden großen Klassiker „Green and grey“ und „Purity“ gefehlt haben. Die Stimmung war aber so sensationell, dass es diese gar nicht gebraucht hat. Für mich definitiv das Konzerthighlight des Jahres, das sechs von fünf Moschern verdient hat.

Setlist:
Burn the castle
White light
Winter
Part the waters
Eyes get used to the darkness
Fate
Devil
Angry planet
Born feral
No rest
Autumn
Stormclouds
51st state
Between dog and wolf
Stranger
Wonderful way to go

Stupid questions
Christian militia
Poison street

Family
I love the world

(680)