Rezension: Joe Bausch – Knast

Eine eigene Welt

knast
Joe Bausch
arbeitet als Arzt in der Justizvollzugsanstalt Werl und berichtet hier aus seinem Arbeitsalltag: vom Antritt zum ersten Dienst bis zu den verschiedenen Abläufen innerhalb der dicken Mauern, wie sich der Verlust des selbstbestimmten Lebens auf einen Untersuchungshäftling und Verurteilten auswirkt, was bedeutet lebenslänglich, Sicherungsverwahrung sowie vieles mehr. Er lässt auch viel Persönliches einfließen, wie etwa dass er bereits in seiner Kindheit Kontakt zu Straffälligen hatte, die auf dem Bauernhof seiner Eltern mitgearbeitet haben. Natürlich kommen auch seine Schauspielausbildung und seine Rolle als Rechtsmediziner im Kölner Tatort zur Sprache.

Aufmerksam wurde ich auf den Knast durch ein Interview in der BR-Reihe „Nachtlinie“. In dokumentarischer Art und Weise erzählt Bausch in seinem Buch von seiner Arbeit, von seinen Patienten und Kollegen und dem Umgang miteinander sowie untereinander, aber immer wieder mit einer gehörigen Portion Empathie. Angereichert werden die Zeilen auch durch persönliche Geschichten mit den Gefängnisinsassen, die den Berichtsstil etwas auflockern. Mitunter werden auch strafrechtliche Vergleiche zwischen früher und heute gezogen und Geschichtliches dargestellt, hier fehlen dann auch nicht die persönlichen Einschätzungen des Justizarztes, zum Beispiel in Bezug auf die Unterbringungsart in Gemeinschafts- oder in Einzelzellen. Die „Kleine Typologie der Verbrecher“ ab Seite 140 bietet Informationen, die man nicht persönlich kennenlernen möchte. Es wird auch der Missstand von Behandlungsmöglichkeiten für psychisch-kranke Inhaftierte zum Ausdruck gebracht. Besonders beeindruckt war ich von den abschließenden Seiten über die Frage, wann und wie es sich entscheidet, dass ein Mensch das Böse kennenlernt bzw. erlernt. Hier geht er auch mit unter anderem von ihm gemachten Untersuchungen in der Hirnforschung innerhalb der dicken Mauern ins Detail.

Alles in allem Informatives, Kritisches und Bedrückendes – immer mit einem sachlichen Unterton. Dies gilt es aber nicht als schlecht zu bewerten, ich glaube, dass dies Bauschs persönlicher Distanz zu seinem Job entspringt.

Joe Bausch, Jahrgang 1953, arbeitet als Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt Werl und ist bekannt als Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Kölner Tatort. (Quelle: Ullstein Buchverlag)

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Joe Bausch: Knast
Ullstein Buchverlag, März 2012
288 Seiten
gebundene Ausgabe € 19,99
Taschenbuch (ab 12.07.13) € 9,99
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