Selbstjustiz als einziger Weg zur Gerechtigkeit?

 

Fünf Männer werden erhängt und verstümmelt in einer Turnhalle gefunden. Ein Motiv scheint zu fehlen, bis eMails auftauchen, die das Vergehen der Täter anprangern. Während in Dänemark eine unvergleichbare Hetzjagd beginnt und das Volk zur Selbstjustiz greift, steht das Ermittlerteam vor einem Rätsel. Wer ist der Mörder und warum hat er ausgerechnet diese Männer ausgesucht?

„Schweinehunde“ ist eines der Bücher, die vielversprechend beginnen und dann zur Lesequal mutieren. Obwohl Gesichter und Geschlechtsteile verstümmelt sind und die Hände abgetrennt wurden, kommt das angeblich beste Ermittlerteam Dänemarks nicht auf den Gedanken, dass es eine sexuelle Komponente geben könnte. Während Leser, Medien und das gemeine Volk schnell vermuten, dass die Opfer wohl eher Täter waren, tappen Simonsen, die Comtesse und recht unbedarfte Polizisten im Dunkeln. Sogar als merkwürdige eMails verschickt werden, die klar sagen, dass es sich bei den Leichen um Pädophile handelt, dauert es unendlich lange, bis der Kommissar dann doch mal davon ausgeht, dass Vergewaltiger aufgeknüpft wurden.
Unbegründet bekommt Simonsen freie Hand und unerschöpfliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um den Fall aufzuklären. Dabei fragt sich jeder vernünftig denkende Mensch: Was macht der Mann da? Sinnlos schickt er die Polizisten durch das ganze Land, damit sie dort Informationen einholen, die erheblich schneller und kostensparender per Mail oder Telefon weitergegeben werden könnten – und das geschieht auch. Während Pauline oder wahlweise auch Arne also durch das Land reisen, trudeln im Hauptquartier die angeforderten Infos ein und helfen doch nicht weiter. Immer wieder gibt es Szenenwechsel, die das Agieren der vermeintlichen Täter beschreiben und Dänemark stellt sich gegen die Polizei und schlachtet die nun öffentlich bekannten Pädophilen regelrecht ab.
Aus den USA ist bekannt, dass gegen aus der Haft entlassene Vergewaltiger ähnlich vorgegangen wird, so fremd erscheint einem die Beschreibung also nicht. Und natürlich steht man nicht auf der Seite der Täter – aber man hat doch ein gewisses Maß an Rechtsempfinden.
Das Buch wirkt unzusammenhängend und lieblos. Plötzlich duzen sich zwei Personen, die sich ein paar Sätze weiter im gleichen Gespräch doch wieder siezen. Das Ermittlerteam arbeitet weder zusammen noch effizient, jeder macht, was er will und irgendwie wird der Fall schon gelöst werden. Unvermittelt ist jemand tot und das bereits seit zwei Tagen, konnte aber eben noch aktiv werden. Es ist nicht seltsam, dass Briefe von Verstorbenen versandt werden – das kann durch Dritte geschehen, natürlich, aber der Kommissar wundert sich nicht einmal, versucht nicht, Spuren zu entdecken oder Hinweise auf den Absender. Als schließlich das ganze Land weiß, dass es an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ein großes Interview mit einer involvierten Person geben soll, wissen die Ermittler angeblich immer noch nichts davon, verfolgen keine Mitteilungen auf einschlägigen Homepages und sind überrascht, als am nächsten Tag die Proteste beginnen, zu denen aufgefordert wurde. Ach ja, und Gesetze lassen sich inklusive Gesetzentwurf, Sitzung, Abstimmung etc. binnen weniger als 24 Stunden ändern.
Gefährlich sind zwei Dinge an diesem Roman: Erstens wird zur Selbstjustiz aufgerufen und die Welt strikt in Schwarz und Weiß geteilt. Keine Grautöne, keine Abweichungen. Zweitens, und das finde ich persönlich geradezu dramatisch, werden die Opfer der sexuellen Übergriffe alle gestellt. Zwar gibt es laut Roman eine ungeheuer große Zahl an missbrauchten Kindern, die auch bereit sind, über die Übergriffe zu sprechen. Aber anstatt sie auftreten zu lassen, werden Schauspieler eingesetzt und schließlich kommt raus, vieles ist unwahr. Es wird das Bild einer großen Lüge gezeichnet: Pädophilie existiert kaum, meist sind die Fälle nur ein Produkt reger Fantasie, also ist das alles nicht so schlimm. Das kann absolut nicht Tenor eines Romans sein, der allem Anschein nach auf dieses brisante Thema hinweisen und zumindest fiktiv ein wenig Gerechtigkeit einfordern will.
Die beiden Autoren scheinen leider vollkommen am eigentlichen Ziel vorbeigeschrieben zu haben und gestalteten ein langweiliges Werk, das nur so trieft vor Logikfehlern. Fast erscheint es, als hatten Lotte und Sören Hammer eine Idee und haben ohne Feinabstimmung abwechselnd die Kapitel oder bestimmte Erzählstränge verfasst, die dann einfach aneinandergereiht wurden. Sehr schade, denn die Idee ist gut, die Ausführung jedoch eine glatte Sechs.

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„Es ist nicht genug Platz zum Spielen“, rief er ihr aus der Halle zu.
„Warum nicht?“
„Weil da Männer hängen.“
„Dann spiel um sie herum.“

(Schweinehunde, S. 11)


Lotte und Sören Hammer – Schweinehunde
Übersetzung aus dem Dänischen: Günther Frauenlob
Droemer Verlag, 2011
550 Seiten
16,99 Euro (Hardcover)
Amazon.de
Verlagsgruppe Droemer-Knaur

(1969)