Film: Menashe

Einblick in eine streng abgeschottete Welt

MenashePejes, Mikve, Kugel, Tora, Talmud, Tallit, Zizit, Fabrengen – wer mit einem oder mehreren dieser Wörter etwas anfangen kann, der weiß schon, in welcher Welt sich der Film Menashe bewegt. Genau, in der jüdischen, genauer gesagt der ultra-orthodoxen beziehungsweise chassidischen Welt. Man kennt die Bilder schwarzgekleideter Männer mit Hüten und Mänteln sowie den charakteristischen langen Schläfenlocken, die dicht über heilige Schriften gebeugt dasitzen oder im Stehen beten. Die Frauen, die sich um große Kinderscharen kümmern und oft auch das Geld für die Familie verdienen. Viel mehr weiß man allgemein nicht, wie ultra-orthodoxe jüdische Familien leben. Menashe gibt einen seltenen und eigentlich unerhörten Einblick in das Leben seiner gleichnamigen Hauptperson, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Menashe ist seit einem Jahr Witwer und versucht, sich und seinen zehnjährigen Sohn Rieven (entzückend und sehr talentiert: Ruben Niborski) mehr schlecht als recht durchzubringen. Er arbeitet in einem koscheren Lebensmittelgeschäft und muss sich regelmäßig gegen seinen despotischen und herablassenden Chef wehren. Leider ist Menashe auch ein klein wenig schusselig und nicht immer der Verlässlichste. Aber er ist ehrlich und gibt immer sein Bestes – auch als Vater.
So weit, so normal – oder? Nein, ganz normal ist das alles nicht, denn Menashe ist chassidischer Jude aus dem Stadtviertel Borough Park in Brooklyn/New York. Eine streng abgeriegelte Gemeinschaft mit festen Regeln, über die der Ruv, der Rabbi wacht. Und eine dieser Regeln besagt, dass Kinder in einem Haushalt mit zwei Elternteilen aufwachsen müssen. Menashes Sohn darf also nicht bei ihm wohnen, solange Menashe nicht wieder geheiratet hat. In der Zwischenzeit lebt Rieven bei seinem Onkel Eizik und dessen großer (regelkonformer) Familie. Eizik ist so ein weiterer Stachel im Fleisch des sowieso schon nicht mit großem Selbstbewusstsein gesegneten Menashe, denn sein Schwager putzt ihn regelmäßig runter und sagt ihm offen ins Gesicht, dass er ihn für einen unfähigen Volltrottel hält. Der Rabbi ist nicht ganz so brutal, betont aber immer wieder, dass auch für Menashe die drei Grundpfeiler aus der Tora gelten: eine schöne Frau, ein schönes Heim, ein schönes Essen.
Menashe erinnert sich aber noch zu gut an die unglückliche Ehe, in die er mit 22 Jahren gezwungen wurde, und auch wenn er um seine verstorbene Frau Leah trauert, will er sich so schnell nicht wieder binden und lässt alle vom Heiratsvermittler arrangierten Dates ziemlich schnell platzen. Überhaupt kämpft Menashe immer wieder mit den in seinen Augen allzu strengen Regeln der Gemeinschaft. So trägt er nicht den üblichen Hut und Mantel, was sein Sohn öfter kritisiert, außerdem will er lieber fröhliche Stellen in der Tora lesen und lustige Lieder singen und sich auch der allgegenwärtigen Überwachung durch Familie und Nachbarn ein wenig entziehen.
Letztendlich muss er sich jedoch nach der Totenwache zum einjährigen Todestag seiner Frau entscheiden: für ein Leben mit seinem Sohn und einer neuen Frau, nach den Regeln der Gemeinschaft. Oder für ein Leben ohne seinen Sohn.

Menashe ist in vielerlei Hinsicht ein kleines Wunderwerk. Der Film basiert in Grundzügen auf der Lebensgeschichte von Hauptdarsteller Menashe Lustig – was an sich schon paradox ist, denn ultra-orthodoxe Juden dürfen keine Filme schauen und erst recht nicht in welchen mitspielen. Darüber hinaus ist Menashe Lustig aber ein begnadeter Darsteller, der den täglichen Kampf seiner Hauptfigur um persönliche Würde, das pure Überleben und um seinen Sohn mitreißend auf die Leinwand bringt. Auch seine Überforderung mit der Situation, mit seiner und der Trauer seines Sohnes, sind glaubwürdig bis ins Letzte. Die anderen Rollen sind ebenfalls mit chassidischen Juden aus Borough Park besetzt, wo der Film über insgesamt zwei Jahre aufgenommen wurde – wobei es teils riesige Widerstände der Bevölkerung zu überwinden galt. Regisseur Joshua Z. Weinstein ist selbst Jude, allerdings liberaler, was ihm den Zutritt in die enge Gemeinschaft nur zum Teil erleichtert hat. Ein großes Wagnis ist er außerdem eingegangen, als er den Film nahezu komplett in Jiddisch gefilmt hat, was er selbst nicht spricht. Er hat den Darstellern die Szenen und das Skript auf Englisch erläutert, und diese haben sie dann mit ihren Worten gefüllt. Nicht zuletzt durch die geniale (wenn auch oft wacklige) Kameraführung entsteht so ein unglaublich dichtes, nahes und einfühlsames Porträt eines Mannes und seiner Umgebung, eines Jungen, der zwischen dem chaotischen Vater und der geordneten Familie des Onkels hin und her gerissen ist, das man sonst nicht zu sehen bekommt. Man benötigt einiges an Vorwissen über orthodoxes jüdisches Leben, um wirklich alles zu verstehen, was an Ritualen und Verhaltensweisen gezeigt wird, aber grundsätzlich geht es um ein universelles Thema: Ein Vater möchte mit seinem Sohn zusammenleben und ihm ein gutes Zuhause ermöglichen.

Unbedingt anschauen!

:popcorn: :popcorn: :popcorn: :popcorn: :popcorn:

Film: Menashe
Regie: Joshua Z. Weinstein
Genre: Tragikomödie
Produktionsland: USA
Start in Deutschland: 06.09.18, 81 Minuten
Cast: Menashe Lustig, Ruben Niborski, Yoel Weisshaus, Meyer Schwartz

(249)