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Film: One more Time with Feeling

Schönheit in der Hölle

Nick Cave Film One more timeAm gestrigen 8.9.16 lief weltweit nur an diesem einen Tag One more Time with Feeling in den Kinos, ein Film vom australischen Regisseur Andrew Dominik über Nick Cave zum neuen Studioalbum Skeleton Tree, das heute, am 9.9.16 erscheint. Viel erfuhr man im Vorfeld nicht, außer dass es Studioaufnahmen und Interviews mit den Musikern zu sehen geben würde, außerdem natürlich Einblicke in die neuen Songs. Vielleicht eine Art Fortführung der teilfiktionalen Nick-Cave-Biografie 20.000 Days on Earth aus dem Jahr 2014? Als beinharter Nick-Cave-Fan ist es aber auch egal, der Mann könnte zwei Stunden über Telefonbücher philosophieren, und man würde ihm ergriffen an den Lippen hängen. Drei Jahre sind seit dem gefeierten Album Push the Sky away vergangen, viel ist passiert im Leben von Nick Cave und seiner Familie, sodass ich nicht gedacht hätte, jetzt schon bald wieder ein neues Album in Händen halten zu dürfen.

One more Time with Feeling ist in Schwarz-Weiß gedreht, mit einer ambitionierten 3D-Kamera, in den Kinos lief allerdings auch eine 2D-Version, was mir sehr entgegenkam. Der Regisseur begleitet Nick und die Bad Seeds ins Studio, zeigt neben der besonderen musikalischen und persönlichen Beziehung zwischen Nick und Warren Ellis die Fertigstellung des Albums Skeleton Tree, was teilweise wie ein langes Musikvideo wirkt. So nahe wie hier kommt man den neuen Songs wahrscheinlich so schnell nicht wieder. Besonders sticht hier die erste Single „Jesus alone“ hervor, die vom ersten Moment an Gänsehaut verbreitet. Über der gesamten Szenerie – Studio, Interviews, Autofahrten – liegt eine besondere Ernsthaftigkeit, eine Melancholie, ein Trauerschleier. Jeder Zuschauer weiß, was am 14. Juli 2015 passiert ist, doch konkret angesprochen wird es erst etwa ab der Hälfte des Films: Arthur Cave, Sohn von Nick Cave und Susie Bick, Zwillingsbruder von Earl, ist im Alter von 15 Jahren nach der Einnahme von LSD von den Klippen in seinem Heimatort Brighton gestürzt und kurz darauf im Krankenhaus verstorben. Ein schier unüberwindbarer Schlag für die Familie, der vor allem den Sprachkünstler Nick seiner Worte beraubt hat. Die Arbeiten am neuen Album waren zu diesem Zeitpunkt bereits zur Hälfte fortgeschritten und wurden nun unterbrochen. Der Film zeigt, wie Nick nach einiger Zeit versucht, mit dem weiterzumachen, was er ist, was sein ganzes Wesen ausmacht – der Musik, der Kunst. In Interviewpassagen erklärt er, wie leer, wie wortlos er ist, wie wenig Sinn alles noch ergibt, was er schreibt oder sagt. Dass es nach einem solchen Trauma keinen Raum für Kreativität mehr gibt. Schritt für Schritt erkämpft er sich diesen Raum zurück, doch man merkt ihm bei jedem Wort, bei jedem Klavieranschlag an, wie schwer es ihm fällt. Seine Stimme klingt gebrochen, er ringt um die richtigen Worte, bedeutungsvolle Sätze, die Trauer hat sich in sein Gesicht eingegraben. Resigniert wirkt er, zurückgenommen. Einmal sagt er sinngemäß: „Etwas geschieht, die Welt ist danach die gleiche, doch man selbst ist vollkommen anders, ein anderer Mensch. Man verändert sich, wird von einem bekannten zu einem unbekannten Menschen.“ Auch seine Frau Susie Bick kommt zu Wort, beschreibt, wie ihre Arbeit als Modeschöpferin ihr hilft, wie sehr Nick sie bestärkt, zu arbeiten, sich abzulenken. Das Ehepaar flüchtet sich gemeinsam in die Kreativität, die doch so schwerfällt. Das ganze Haus der Familie ist noch von Arthur durchzogen. Überwindbar ist so ein Trauma nicht, doch an einem Punkt sagt Susie, dass sie beschlossen haben, trotzdem glücklich zu sein, weiterzumachen. Ein bewundernswerter Entschluss, der ihnen alle Kraft abverlangt, vor allem, wenn Nick erzählt, wie schwer es ist, gerade mit dem Mitgefühl der Umwelt umzugehen, wie sinnentleert die ehrlich gemeinten Worte seiner Mitmenschen ihm erscheinen.
In einer Szene zeigt Susie ein Bild von einer Windmühle, das die Jungen im Alter von etwa fünf Jahren gemalt haben – wenn ich es richtig verstanden habe, zeigt es die Rottingdean Windmill, bei der sich Arthur mit einem Freund traf, um das LSD zu nehmen, das bei beiden einen schlechten Trip ausgelöst hat und nach dem Arthur auf dem Heimweg an den Klippen die Orientierung verlor. Susie will nicht abergläubisch wirken, aber sie kann den Gedanken an eine Art Vorhersehung nicht unterdrücken. Auch Nick quält sich mit dem Gedanken, in seinen alten Song- und anderen Texten die Katastrophe vielleicht heraufbeschworen zu haben.
Earl Cave hat auch einige Auftritte in dem Film, in einer Szene gibt Regisseur Andrew Dominik ihm eine Pocketkamera, mit der er selbst Aufnahmen von den Dreharbeiten machen soll. In einem Interview erklärte der Regisseur, dadurch wollte er dem Jungen das Gefühl vermitteln, Teil des Films zu sein und nicht nur ein Objekt der Kamera. Im selben Interview berichtet Dominik, dass Nick Cave selbst die Idee zu dem Film hatte und auch für die Kosten aufkam, auch wenn der Schnitt in Händen des Regisseurs lag. Susie und Earl konnten ihr Veto einlegen, wenn Szenen mit ihnen nicht darin auftauchen sollten.

Herausgekommen ist dabei ein wunderschöner Film, der Trauer in berührenden, hochgradig ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern zeigt, die dennoch nichts verschleiern oder beschönigen. Nick Cave am Klavier in Großaufnahme, wie er seine Gefühlswelt darlegt, nackt präsentiert –  diesem morbiden Zauber kann man sich nicht entziehen. Musik, in der seine ganze Seele liegt, die ganze Kraft, die er aufbringen kann nach diesem Schicksalsschlag. Arthur selbst wird nicht gezeigt in dem Film, aber das ist auch nicht nötig, er ist die ganze Zeit präsent. Es ist bewundernswert, dass Nick am Ende doch einige versöhnliche Worte findet, dass er und seine Familie versuchen wollen, mit Liebe und Zusammenhalt weiterzumachen. Dass es doch mehr Schönheit in der Hölle gibt, als man vorher gedacht hätte. Und dieser Satz beschreibt den neuen Nick Cave, die neue Familie Cave wohl am besten. Das Leben nach dem Unglück ist die Hölle, aber es geht weiter, und man entdeckt nach und nach trotzdem gute Seiten daran.

Im Abspann holen einen allerdings trotzdem noch einmal die Tränen ein, als Arthur und Earl gemeinsam den Marianne-Faithfull-Song „Deep Water“ singen, noch mit knabenhaft brüchigen Stimmen, jedoch ganz eindeutig mit dem Talent ihres Vaters. Herzzerreißend.
Regisseur Andrew Dominik vermutet, dass der Film für Nick Cave nicht als Trauerarbeit dienen sollte – und so wirkt One more Time with Feeling auch nicht -, sondern eher als eine Art Lebenszeichen an alle, die sich während der ersten großen Trauerphase bei ihm gemeldet haben, außerdem eine Art Generalstatement für die Presse, um damit schmerzlichen Interviewfragen im Zusammenhang mit dem neuen Album zu entgehen. Man wünscht ihm von Herzen, dass dieser Plan aufgeht.
Der Filmtitel bezieht sich übrigens auf eine Szene, die Nick Cave wiederholen soll, und dieses Mal eben mit ein wenig mehr Gefühl. Man könnte noch so viel mehr über Nick Cave, den Menschen und Musiker, schreiben, über diesen Film, der laut Abspann zum Teil fiktional sein soll, was man aber kaum glauben kann. Als Fan sollte man diese Hommage an Arthur, an einen Menschen, der die Welt viel zu früh verlassen hat, sowieso sehen, aber auch als Musikliebhaber generell. Denn bei aller Trauer spielt natürlich das neue Album eine große Rolle, und das ist definitiv fantastisch geworden (aber dazu mehr an anderer Stelle). Ein großer Dank an den Regisseur für dieses einzigartige rohe wie einfühlsame Werk und an die Familie Cave für einen Einblick in ihre Gefühlswelt.

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One more Time with Feeling
Erscheinungsjahr: 2016
Regisseur: Andrew Dominik
Darsteller: Nick Cave, Susie Bick, Earl Cave, die Band Bad Seeds
Länge: 1Stunde, 52min

Filmseite

https://www.youtube.com/watch?v=svru1jNLIK8

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