Rhythm is a dancer

Nein, keine Angst, hier wird nicht plötzlich über Eurodance der Neunziger berichtet (aber wer jetzt einen Ohrwurm hat, keine Ursache), über Rhythmus und Tanzen allerdings schon. Vor allem das Tanzen zu rhythmischem Lärm elektronischer Art, wie zum Beispiel Rhythm’n’Noise, Dark Techno, Power Electronics, Power Noise, mal melodischer, mal industrial-verzerrter. Für Nicht-Fans schwer erträglich, für Fans pure Glückseligkeit und Tanzen in Trance. In München widmet sich seit einigen Jahren die Party- und Konzertreihe Dark Infection diesen Musikrichtungen, für die die Fans im sonst eher lärmarmen Süden Deutschlands auch aus anderen Städten anreisen. So auch zum 6-jährigen Jubiläum im Januar, das mit zwei hochkarätigen Live-Acts aus dem Haus HANDS und einer amtlichen Party gefeiert wird.
DSC_0003Den Auftakt macht Monya, seit 2019 mit ihrem Album Straight ahead und der EP Einweg Ausweg Ende Teil der HANDS-Familie, in der Dark/Industrial-Techno-Szene aber schon über zwanzig Jahren eine feste Größe. Die gebürtige Polin mit Wohnsitz in Berlin hat sich schon lange als DJ einen Namen gemacht, 2011 mit Corresponding Positions ihr eigenes Label gegründet, diverse EPs veröffentlicht, mit vielen namhaften Künstler*innen der Szene zusammengearbeitet und vor allem auch live gespielt. Diese langjährige Erfahrung merkt man auch vom ersten Moment auf der Bühne der Hansa 39. Monya beginnt ihr Set noch recht ruhig, auch das Publikum steht noch etwas abwartend ein paar Meter von der Bühne weg, man beschnuppert sich quasi erst noch. Doch schon bald bewegen sich die ersten Köpfe, die ersten Füße, Monya steigert Intensität und Tempo, zaubert hochkonzentriert hämmernde Rhythmen, durchzogen von vielfältigen Einflüssen, aus ihren Geräten, und da ist es, dieses ganz besondere Gefühl bei solchen Events. Augen schließen, tanzen, in der Musik aufgehen, nichts mehr denken. Dass es Monya auf der Bühne ähnlich geht, sieht man an ihrem gelegentlichen leichten, glücklichen Lächeln, und das beschreibt den Auftritt eigentlich am besten. Harte, tanzbare Musik, rhythmisch und relativ „clean“ (also wenig Verzerrungen), die laut aus den Boxen schallt und ein leises, feines Glück hervorruft. Für zu Hause seien allen Fans des Genres, die Monya noch nicht kennen, die oben erwähnten aktuellen Veröffentlichungen ans Herz gelegt, live ist aber natürlich noch viel besser.

DSC_0251-Verbessert-RRAls zweiter Live-Act des Abends steht Maschinenkrieger KR52 auf dem Programm, auch schon seit Jahrzehnten eine feste Größe in der rhythmischen Noise-Szene, lange Jahre im Tandem mit Disraptor unterwegs, jetzt wieder ein Soloprojekt. Zum aktuellen Album Stroke unit (2020, HANDS) heißt es im Pressetext „rhythm’n’noise terror for the clubs“, und das beschreibt den Sound von Maschinenkrieger KR52 ziemlich gut. Laut und noisy, extrem tanzbar, brutal und dissonant, trotzdem rhythmisch und klar strukturiert. Das mittlerweile auch etwas zahlreicher anwesende Publikum lässt sich nicht lange bitten und tanzt das ganze Set über durch, angeheizt durch Rico auf der Bühne, der seine Musik mit vollem Körpereinsatz an den Geräten erzeugt und dazwischen wie eine kontrollierte Urgewalt herumspringt. Rhythm’n’Noise in gelebte Bewegung übersetzt, Töne in Kraft, die irgendwie aus dem Körper abgeleitet werden muss, eine Einheit von Mensch und Maschinensound. Die Stücke sind hart und oft dissonant, voller scharfer Kanten und Reibungen, gönnen kaum eine Pause, und auch das macht glücklich. Dementsprechend groß ist ebenso wie bei Monya auch hier der Beifall am Ende des Sets, und auch Maschinenkrieger KR52 ist live eine absolute Empfehlung.

Danach kann man sich erst mal in Ruhe frische Getränke holen und Sozialkontakte pflegen, man kann aber auch einfach gleich auf der Tanzfläche bleiben, denn natürlich ist die Party genauso hochkarätig besetzt wie die Live-Acts. Wie schon bei der 5-Jahresfeier im Januar 2023 ist zum Beispiel Aura Kamikura aus Leipzig angereist und bringt die Tanzfläche mit ihren zwei unfasslich großartigen Sets zum Glühen. Auch Udo Wiessmann (Winterkälte/HANDS), der die Dark Infection von Anfang an begleitet, ist wieder dabei und sorgt mit seinen zwei perfekt aufgebauten Sets für qualmende Füße. Die Residents Mephisto und Sordid runden mit ihren ebenfalls sehr, sehr guten Sets diesen großartigen Abend voller Musik ab, für die wir hier in München normalerweise quer durch die Republik zu den einschlägigen Festivals fahren müssen.

Vielen Dank an das Veranstalterteam für den Mut und das Herzblut, die Dark Infection als feste Größe in München zu etablieren, vielen Dank an HANDS für den Stand und die kleine Label-Night, an alle auf der Bühne und hinter dem DJ-Pult und vor allem vielen Dank ans tanzwütige und feierfreudige Publikum, das im Lärmglück geschwelgt und eine wunderschöne Atmosphäre verbreitet hat. Es war rundum toll! Die nächste Dark Infection gibt es leider erst am 30.11., aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

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