The beauty of noise

Connoisseure härterer elektronischer Musik müssen meist quer durch die Republik reisen, um auf den einschlägigen Festivals und Veranstaltungen ihrer Leidenschaft für Noise, Drum’n’Noise, Rhythm’n’Noise etc. nachkommen zu können. Zum Glück gibt es seit einigen Jahren die Dark Infection in München, eine Partyreihe mit gelegentlichen Konzerten, bei der wir mit ordentlich Gewummer auf den Ohren verwöhnt werden. Feinste Bandauswahl (Proyecto Mirage, Phasenmensch + ICD-10, Winterkälte, P•A•L), tolle Gast-DJs (Udo Wiessmann, Sans-Fin, Victoria Fenbane) und die Residents der DI-Crew (Sordid, Mephisto) haben bisher immer für leuchtende Augen und wehe Füße am nächsten Tag gesorgt. Kein Wunder, dass die Vorfreude auf die große Sause zum fünfjährigen Bestehen der Dark Infection riesig ist. Konzerte, illustre Gast-DJs, zwei Floors, quasi ein Mini-Festival – wow!!
DSC_7658Los geht’s um kurz nach acht mit Strobo.Lolita, hinter dem die im Ruhrgebiet beheimatete Victoria Nyctophilia steckt und die eine DER Newcomer*innen im Rhythm & Power Noise der letzten Jahre ist. 2020 ist ihr Debütalbum Hysteria bei HANDS erschienen und hat die Szene mit seinem noisigen und gleichzeitig extrem tanzbaren Sound ordentlich aufgewirbelt. Hysteria ist alles andere als „hysterisch“ (was sowieso über viele Jahrhunderte nur die Standardbeleidigung für Frauen war, die nicht dem männlich-rationalen-gefühlskalten Ideal entsprachen), sondern eine extrem coole Platte, die noisig-verzerrt, mit hämmernden, unwiderstehlichen Rhythmen und kleinen, feinen Details ein wahres Gewitter an selbstbewussten Emotionen auf die Welt loslässt. Und genauso cool wird auch der Auftritt von Strobo.Lolita, der … mit atmosphärisch-zurückhaltenden Orchesterklängen beginnt. Die Bühne ist in schummriges Lila und viel Nebel getaucht, die Spannung steigt während des langen Intros, bis schließlich dann doch ein Lärmgewitter losbricht. Erst noch im Midtempo-Bereich angesiedelt, zum Warmtanzen (was die locker gefüllte Kranhalle auch sofort tut), später immer schneller und unerbittlicher. Noise meets Rhythm meets Industrial meets Techno. Nicht nur „Der Teufel“ sitzt den Tänzer*innen im Nacken und geht höllisch in die Füße, die anderen Tracks dieses meisterhaft aufgebauten Sets lassen ebenso keine Zeit für Gedanken, hier regiert pure Emotion, das absolute Fallenlassen in diesen musikalischen Angriff auf alle Synapsen. Victoria selbst geht genauso im Sound auf, steht kaum eine Sekunde still, während sie feinste Krachkaskaden aus den Gerätschaften zaubert, lässt die Haare fliegen und lebt ihre Musik geradezu auf der Bühne. Nach einer guten Stunde geht diese erste Portion Lärmglück des Abends furios zu Ende, und sicher nicht nur ich bin hin und weg.

DSC_7968Als nächster Konzertact steht mit Mono No Aware aka Leif Künzel einer der ganz Großen des Genres auf dem Programm, und wie ein ganz Großer huscht er unprätentiös zehn Minuten nach dem Ende von Strobo.Lolitas Auftritt auf die Bühne und macht Krach. Ein kleiner Soundcheck? Nein, nein, es geht schon richtig los, und die Leute müssen erst wieder zurück in die Kranhalle eilen.
„Mono no aware“ ist der japanische Begriff für „die Schönheit/Zerbrechlichkeit/Vergänglichkeit der Dinge“ und beschreibt das Gefühl der Freude und gleichzeitigen Melancholie über etwas, das gerade noch da ist, aber schon bald nicht mehr da sein wird. Wer genau hinhört, entdeckt ebendiese Verflechtung gegenwärtiger Schönheit mit der Traurigkeit über die Vergänglichkeit des Moments in Leifs Schaffen, und wer jetzt sagt „Moment mal, krachiger und lärmiger geht’s doch kaum, wo ist da jetzt bitte schön Melancholie und Schönheit?“ … der muss noch mal genauer hinhören. Ja, Tracks wie „The future is not formated“ (vom 2020er Album Shinshoo), „Odoroku“ (vom 2002er Album Kika no sekai) oder „Impulse response“ (vom 2019er Album Mujoo) sind perfekte Noise- und Rhythmus-Attacken, aber eben so vielschichtig aufgebaut, dass darin Platz für ganz viele Emotionen und Assoziationen ist. Natürlich lässt sich dazu aber auch ganz vortrefflich tanzen und die Welt um sich herum vergessen, während das Set immer intensiver wird und Leif ebenso mitgerissen auf der Bühne dazu abgeht. Die Schönheit dieser brachialen Musik zu beschreiben ist nicht einfach, Fans wissen, wie es sich anfühlt, anderen wird es sich nicht erschließen. Ich werde jedenfalls innerlich ganz ruhig und friedlich, kann völlig im Moment und den Sounds aufgehen, muss nicht nachdenken, nur spüren. Pures Lärmglück eben, das Mono No Aware hier aus ganz neuen und teilweise richtig alten Tracks zu einem organischen Ganzen verbindet. Ganz, ganz wunderbar!

Prächtig aufgewärmt geht es nach den Konzerten mit der Party weiter, die mit ausnahmsweise zwei Floors die mittlerweile mächtig angewachsene Gästeschar lockt.
In der Kranhalle bleibt es brachial, Aura Kamikura und Udo Wiessmann liefern je zwei DJ-Sets ab, die sich gewaschen haben und die stundenlang für eine brechend volle Tanzfläche sorgen. Rhythm, Industrial Techno, Beats, Noise, Visuals als Untermalung, zuckende Körper, qualmende Schuhsohlen, glückliche Gesichter – wie schon eingangs gesagt, für so etwas muss man sonst sehr weit fahren, wenn man aus München oder Umgebung kommt. Wahnsinn! Als frühmorgendliches Zuckerl gibt es auch noch das Live-Set von 16Pad Noise Terrorist, der mit seinem noisigen Drum’n’Bass noch mal eine ganz andere Art von experimenteller elektronischer Musik beisteuert. Die Resident-DJs Mephisto und Sordid runden die Nacht in der Kranhalle mit ebenfalls sehr guten Sets ab.
Auf der kleinen Tanzfläche im Kranhallen-Café wechseln sich Mephi und DJ Se7en (von der Soleil Noire) ab und bieten eine breite und liebevoll ausgesuchte Mischung düsterelektronischer Musik, die mal härter, mal melodischer aus den Boxen schallt und eine perfekte Ergänzung zum Programm in der Kranhalle darstellt.

Vielen Dank an die Veranstalter*innen, alle Helfer*innen, alle Künstler*innen des Abends, vielen Dank an HANDS für den Stand und die kleine Label-Night in München, und vor allem vielen Dank an die so zahlreich erschienenen, feierwütigen Gäste. Die Nacht war legendär und wird in dieser Form hoffentlich eine Fortsetzung finden. Die nächste „normale“ Dark Infection findet jedenfalls am 06. Mai statt, tragt es euch in den Kalender ein.

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