Hello my darkness!

Nachdem der letzte Katzenclub wegen Sturzbachregen verschoben werden musste (neuer Termin: 26.9.20, mit Adam Usi auf der Bühne), ist es heute Abend endlich wieder soweit. Eine der derzeit möglichen kleinen Fluchten aus dem Alltag ist der Soundgarden mit Biergarten im lauen Spätsommerlüftchen, bei bester Beschallung durch die Pagan DJs mit Freunden. Young & Cold Records sind mit einem Merch-Stand vertreten und haben auch gleich zwei ihrer formidablen Acts mitgebracht: DIAF und Elvis de Sade. Düster-leidenschaftliche Musik aus Niederbayern, die sich einer Kategorisierung erfolgreich entzieht sowie von Eurodance beeinflusster Postpunk und Darkwave – wenn das nicht spannend klingt! Zumal DIAF aus Niederbayern heute sein Live-Debüt feiert, was man per se schon mal unterstützen sollte. Tickets sind wie immer kostenlos, dafür aber auch begrenzt, frühes Erscheinen lohnt sich also, und die Zeit bis zu den Konzerten kann man ja hervorragend mit Freund*innen im Soundgarden verquatschen.
DSC_5563Eigentlich miassad i jetzad ois auf Boarisch schreibm, wos i eich üba an DIAF und sei Musi erzäin mecht. Weil da Niko, oisa da Mo hinta DIAF, auf Boarisch singa duad, und da Name vo seina Band is hoit a Boarisch. Aber da wahrscheinlich jetzt schon einige Leser*innen leicht panisch sind, wechsele ich wieder ins Hochdeutsche – es sollen ja schließlich alle verstehen, wie der erste Live-Auftritt von DIAF (Bayrisch für „tief“) in der Kranhalle so war. DIAF – das ist eine Melange aus Darkwave, altem Gothic, viel Pop, ein bisschen Neofolk, ein bisschen Postpunk und den schon erwähnten bayrischen Texten. „Der bayrische ‚She Past Away‘ oder ‚Falcos Erbe‘?“, fragt der Pressetext zum ersten Album Weida (Ende Juli digital bei Young & Cold Records erschienen, die LP kommt im Oktober), und das fasst es schon ganz gut zusammen.
Um acht geht es dann endlich los, die verfügbaren Plätze in der Kranhalle sind alle belegt, und Niko wird mit großem Jubel nach dem sakralen Intro empfangen. „Splitter“ eröffnet den Auftritt auf der gemäß der Bandoptik in tiefrotes Licht getauchten Bühne ruhig, aber umso intensiver. Niko begrüßt uns, „Hallo München, ich hoffe, es geht euch guad!“, um sich dann seine Gitarre zu schnappen und energisch in die „Erbsündt“ einzusteigen, die dritte Single aus dem Album Weida. „Wie schaut’s aus? Seid’s bereit fürs Ritual? Auf geht’s!“ Natürlich sind alle bereit, was der laute Jubel zeigt. Viele tanzen schon im Sitzen mit, was bei den einprägsamen Synthie- und Gitarrenmelodien von „Ritual“ auch überhaupt nicht schwer ist. Etwas mühsamer ist da der „Weg“, denn „oan Schritt vorwärts, zwoa Schritt zruck“, singt Niko, aber auch „werd scho wern“. Das bayrische Universalmotto für alles, das wir gerade jetzt besonders dringend brauchen. Verpackt ist das alles in eine ebenso unwiderstehliche Melodie wie bei „Ritual“, die zusammen mit Nikos leidenschaftlichem Vortrag für ordentlich Stimmung in der Bude sorgt. Bei „Nacht“, der zweiten Single aus dem Album, wird dann auch dementsprechend mitgesungen und mitgeklatscht, und das ist richtig schön. Bei „Liacht“ fliegen dann Lederjacke und Sonnenbrille in die Ecke, und Niko wirbelt wild mit der Gitarre über die Bühne. Ein furioser Höhepunkt des ersten Live-Auftritts von DIAF, und natürlich wird Niko noch mal zu einer Zugabe zurückgeholt. „Berg“ trägt er nur mit der Gitarre vor, eine ruhige, intime Angelegenheit, und der Refrain „koa Berg is z’steil“ wird mich noch lange begleiten. Ein schöner Abschluss dieses kurzen, aber intensiven Konzerts (das ihr in voller Länge auf YouTube nachschauen könnt), bei dem vor allem auch die zwischen den Songs eingespielten schaurigen Sprachsamples des Mühlhiasl für sehr viel Atmosphäre gesorgt haben, die aus dem Film Herz aus Glas von Werner Herzog stammen, wie mir Niko im Nachhinein verraten hat.

DSC_5728Bayrisch geht’s mit Elvis de Sade weiter, wenn auch nur örtlich gesehen – das Quartett ist nämlich in München beheimatet und war auch schon mal Band der Woche bei uns im Webzine. Seit 2017 gibt es die Formation, ursprünglich gegründet von Sänger Leo und Gitarrist/Soundprogrammer Andreas. Für die Live-Auftritte hat man sich dann aber recht schnell noch Bassist Felix und Synth-Frau Cosima dazugeholt und ist mittlerweile zur Band zusammengewachsen. Wie der Bandname vielleicht schon verrät, möchte man die Popkultur mitsamt ihren Abgründen ausloten (siehe auch das schöne Interview für Mucbook) – Elvis war eine schillernde Figur mit Licht- und Schattenseiten, der Marquis de Sade ein Mensch, der Abgründiges erforscht und Grenzen ausgelotet hat. Genau diese Gegensätze wollen Elvis de Sade auch in ihrer Musik vereinen, die Leichtigkeit des Pop, die Schwere und Düsternis des Darkwave und Gothic, alles erweitert mit zahlreichen Samples und einer ganz eigenen Note. Wie sich das anhört, kann man auf der im April 2020 erschienenen Debüt-EP Angelus Novus antesten. Oder eben jetzt gleich beim zweiten Konzert des Abends, bei dem die Band nach den frustrierenden letzten Monaten endlich ihre Platte live präsentieren kann. Nebeneinander stehen Andreas, Leo, Cosima und Felix auf der Bühne, wodurch leider gerade Felix auf der rechten Seite im Schatten oft kaum zu sehen ist, was aber die Gleichwertigkeit der Bandmitglieder sehr schön demonstriert. Los geht’s mit „Juliette“, das ich bisher nicht kannte, das ich aber gern bald wieder hören würde! Songs von Angelus Novus gibt es natürlich auch zu hören, darunter den herrlich finster-melancholischen Eröffnungstrack „Cheering from the other side“ („hello my darkness“!) oder das catchy coldwavige „Rusty phone“, bei dem die 80er-Referenzen unüberhörbar sind. Einen Song kündigt Leo als „unseren kleinen Ecstasy Blues“ an, und da verspricht er nicht zu viel – „Feel the grasp“ kann man definitiv so beschreiben. Mit „Questions in my eyes“ und „A world for us“ wird noch mehr Repertoire präsentiert, das nicht auf der EP enthalten ist und das nach baldigen weiteren Veröffentlichungen schreit. Man merkt der Band die Freude an, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, und zumindest Leo nutzt den Raum auch aus, um zu tanzen (wir sind alle brav und bewegen uns nur auf den Stühlen, das aber dafür sehr nachdrücklich). Andreas, Cosima und Felix widmen sich hochkonzentriert ihren jeweiligen Instrumenten – Andreas hat ja neben der Gitarre noch den Computer im Blick, und Cosima setzt neben ihrem Synth noch Akzente auf einem Drumpad.
Ein weiterer Anlass zur Freude ist auch die Veröffentlichung des Videos zu „Sorrows vanish these nights“, „unserem persönlichen kleinen, kitschigen Liebessong“. So kitschig ist er aber gar nicht, immer noch düster genug … also gerade richtig. Das weiß das Publikum auch zu würdigen und spendet begeistert Beifall – wie natürlich schon während des bisherigen mitreißenden Auftritts. Auch Elvis de Sade werden noch mal zu einer Zugabe zurückgeklatscht, und mit „Mirror reflection“ nimmt der Konzertabend dann endgültig sein Ende.

Live-Musik ist in diesen Zeiten noch mal mehr etwas Besonderes als sowieso schon. Jeder der kostbaren Abende ist speziell und wird vom Publikum hungrig aufgesogen. Die heutigen Bands haben aber darüber hinaus auch noch wirklich gut zusammengepasst und eine tolle Bandbreite an catchy Dunkelheit präsentiert. Hoffentlich bieten sich ihnen bald wieder Live-Gelegenheiten, um die aktuellen Scheiben spielen und bei noch mehr Leuten für Begeisterung sorgen zu können. Danke an den Katzenclub, das Feierwerk und Young & Cold Records, danke an die Bands, DJs und die wie immer sehr vernünftigen Gäste für diesen fast normalen Abend in definitiv nicht normalen Zeiten!

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Setlist DIAF:

1. Splitter
2. Erbsündt
3. Ritual
4. Weg
5. Nacht
6. Liacht

7. Berg

Setlist Elvis de Sade:
1. Juliette
2. Cheerings from the other side
3. Feel the grasp
4. Question in my eyes
5. Rusty phone
6. Sorrows vanish these nights
7. A world for us

8. Mirror reflection

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