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Alles, nur kein Pop

Vlimmer_MenschenleereVlimmer ist das musikalische Projekt von Alexander Leonard Donat, der darüber hinaus in Berlin auch das DIY-Label Blackjack Illuminist Records betreibt. Trotz einer beeindruckenden Serie von achtzehn thematisch zusammenhängenden EPs und dem Debütalbum Nebenkörper ist Vlimmer Neuland für mich, das ich nun mit Menschenleere entdecken möchte. Mittlerweile ist zwar längst auch das dritte Album Zerschöpfung erschienen, aber das muss nun erst noch einmal warten. Weiterlesen

Ground control to Milan Tom

Das bereits 1980 gegründete Künstlerkollektiv Laibach muss ich wohl nicht wirklich vorstellen, daher nur kurz: Sie sind ein Teil der Bewegung Neue Slowenische Kunst (NSK), die 1984 ins Leben gerufen worden ist. Ein immer wiederkehrendes Motiv in ihrem langen Schaffen ist die Ästhetik und Symbolik, Sprachgebrauch und die Musik totalitärer Systeme. Laibach sind ein ewiges Mahnmal daran, dass faschistische Elemente noch immer in der Gesellschaft vorhanden sind und leider wieder überall auf der Welt aufleben.
2019 haben sie die Musik für die finnische Nazi-Persiflage Iron Sky: The coming race beigesteuert. Das Stück „Love is Still Alive“ haben sie auf einer EP gleich achtmal bearbeitet, die nun live präsentiert wird. Weiterlesen

The beauty of noise

Connoisseure härterer elektronischer Musik müssen meist quer durch die Republik reisen, um auf den einschlägigen Festivals und Veranstaltungen ihrer Leidenschaft für Noise, Drum’n’Noise, Rhythm’n’Noise etc. nachkommen zu können. Zum Glück gibt es seit einigen Jahren die Dark Infection in München, eine Partyreihe mit gelegentlichen Konzerten, bei der wir mit ordentlich Gewummer auf den Ohren verwöhnt werden. Feinste Bandauswahl (Proyecto Mirage, Phasenmensch + ICD-10, Winterkälte, P•A•L), tolle Gast-DJs (Udo Wiessmann, Sans-Fin, Victoria Fenbane) und die Residents der DI-Crew (Sordid, Mephisto) haben bisher immer für leuchtende Augen und wehe Füße am nächsten Tag gesorgt. Kein Wunder, dass die Vorfreude auf die große Sause zum fünfjährigen Bestehen der Dark Infection riesig ist. Konzerte, illustre Gast-DJs, zwei Floors, quasi ein Mini-Festival – wow!! Weiterlesen

De-Industrial

Zwei Wörter, die ich mit Sylvgheist Maëlström (noch) mehr als mit anderen Industrial- und Rhythm&Noise-Acts verbinde, sind „Dystopie“ und „Räumlichkeit“. Die vorherigen zwei Alben Norillag und Pripyat stellten mir postapokalyptische Landschaften in den Kopf, in denen unter einem leeren Himmel, vor einem ausgeräumten Horizont, unendlich weit weg, jeder verrostete Zahn des liegengebliebenen Schaufelbaggers einzeln zu klingen beginnt. Wie wird sich dann erst das neue Album anhören, nach und während all der Desaster dieser letzten paar Jahre? Schnell noch mal über das wie immer wunderbare Cover-Design aus dem Hause Hands gefreut und losgehört. Weiterlesen

Brutal avantgardistisch

TMD_CoverUnd das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Die Holländer The Monolith Deathcult haben mit V3-Vernedering den finalen Teil ihrer Trilogie veröffentlicht. Sie haben ihren Technial Death Metal schon zuvor in Sachen Brutalität und Geschwindigkeit ausgereizt, scheuen Industrial-Einflüsse nicht und wagen nun einen weiteren Schritt in Richtung Avantgarde. Das geht hin bis zu Frosch-ähnlichem Gesang, den man eher vom Grindcore her kennt, wie beispielsweise von der Band Gutalag. Perfekt wird das alles beim Video zu „Gone sour, doomed“.

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Deuteriumoxid (Schweres Wasser)

Manche Musik trägt so viel mit sich, dass man nach einigen Songs erst mal tief durchatmen muss. Bei Amanda Palmer geht mir das so, bei Kristin Hershs Veröffentlichungen mit 50 Foot Wave, und zunehmend auch bei Marie Landos Electro-Industrial-Projekt grabyourface. Gab es auf dem 2018 erschienenen Longplayer Keep me closer neben dem Tiefdunkel der Texte noch musikalische Kontra-/Lichtpunkte und Verschnaufpausen, eine (genretypische) Schönheit des Düsteren, fiel das folgende Summer on Saturn (2019) wesentlich kürzer aus und gleichzeitig noch viel dunkler, schwerer, im besten Sinne roher – drei Songs, die den Status einer eigenständigen Veröffentlichung völlig ausfüllen. Auch das 2020 entstandene Sea ist mit sechs Songs eher kurz, und das ist gut so. Hochkonzentriertes verdient auch vollste Konzentration beim Hören, wie sie über Albumlänge nur schwer zu halten ist. Und diese EP verdient die Aufmerksamkeit nicht nur, sie nimmt sie sich, sie packt einen, so ungefähr um den Magen herum, und zieht einen mit, halb hinhören ist hier eh nicht, also besser gleich gründlich zugehört. Weiterlesen

Die Schönheit der Veränderung

Okay, das ist – anders. Ich las ja schon, dass dieses Album eine spürbare Entwicklung in neue Richtungen zeige, aber gleich von einem Extrem ins andere? Denn das läuft hier jetzt schon zehn Sekunden lang und ich höre: Stille. Wohltuende Ruhe. Friedliches Nichts. Irritierter Blick zum Mute-Knopf, nö passt, hm, vielleicht mal die Kabel kontr… – ah, jetzt, weit weg in der Ferne taucht etwas auf. Es schwebt und scheppert sachte näher, aber es dauert eineinhalb Minuten, bis die charakteristischste aller Zerr-Bassdrums einsetzt und unmissverständlich sagt: Wir sind hier immer noch bei Mono no aware. Aber wie!

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Doomsday

Vierzig Jahre haben Die Krupps mittlerweile auf dem Buckel, und sie waren nicht nur wegweisend in der jungen Elektro- und EBM-Szene der Achtziger Jahre. Als die Gitarren in den Neunziger Jahren Einzug halten, sind sie mit dem neuen Genre Industrial Metal der bahnbrechende Wegbereiter für viele weitere Bands. Zwischenzeitlich ist Engler nach Austin, Texas, gezogen, und es ist zumindest gefühlsmäßig etwas ruhiger um die Band geworden. Auch wurden die jüngsten Alben bei den Kritikern eher zurückhaltend aufgenommen. Aber die Double-Headliner-Show zusammen mit Front Line Assembly (Link zum Bericht) ist eingeschlagen wie eine Bombe, umso mehr bin ich auf das neueste Werk Vision 2020 Vision gespannt, das bereits 2019 erschienen ist. Die Krupps, das sind Ralf Dörper, Herr der Sounds am Synthesizer, Gitarrist Nils Finkeisen, zweiter Gitarrist und Keyboarder Marcel Zürcher, Schlagzeuger Paul Keller und natürlich Sänger Jürgen Engler, der außerdem auf das berühmte Steel-O-Phon einschlägt.
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Im Rhythmusrausch

Nitzer Ebb treten wieder auf? Und es gibt sogar eine Tour? Da sind wir doch sofort dabei! Als die Ankündigung vor einem Jahr kam, waren nicht nur wir von Schwarzes Bayern euphorisch, ist es doch viele Jahre her, dass die Band uns hier in München beehrt hat. Auch sonst hat man sich sehr rar gemacht, und viele sind nach den EBM-Göttern ausgehungert. Doch die Ernüchterung folgte bei vielen Oldschool-Fans nach den Auftritten auf dem WGT und dem Amphi auf dem Fuß, denn die kalte, brutale EBM-Härte ist einem clubbigeren, technoideren und etwas leichter zugänglichen Sound gewichen. Skandal! Frevel! Daher gehen wir als Fans des schönen alten Testosteron-EBMs mit etwas gemischten Gefühlen in diesen Abend, wollen uns aber definitiv selbst von den „neuen“ Nitzer Ebb ein Bild machen. Dass Daniel Myer mit Liebknecht dabei ist, ist ein zusätzlicher Anreiz, denn mit einem Myer-Projekt kann man gar nichts falsch machen. Bleibt nur noch die Frage, wie viel Leute den Weg an einem Dienstag ins Backstage finden – beim Konzert 2010 war es überraschend leer … Weiterlesen

Auf einer trostlosen Überlandstraße in einer gottverlassenen Gegend mitten in der Nacht fährt im Regen ein Auto vorbei

GRÜN-WASSER-CoverGrün Wasser sind Keely Dowd (Vocals & Production) und Essej Pollock (Electronics & Production) aus Chicago. Die beiden Freundinnen gründeten ihr gemeinsames Projekt 2015; 2016 erschien ihr erster Longplayer Nein/9, zwei Jahre später Predator/Prey. Keely Dowd macht kein Geheimnis daraus, dass sie in diesen ersten Jahren der Band mit Alkoholismus und Depressionen zu kämpfen hatte. Sie gewann. In den Lyrics das dritten Albums Not ok with things spielen nicht nur die Folgen von und der Kampf gegen Abhängigkeit und Krankheit eine große Rolle, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen, die beide hervorbringen oder befördern: Zwänge, Sprachlosigkeit, soziale Hierarchien, destruktive Rollenbilder, toxische Beziehungen. Keine leichte Kost, sollte man meinen, aber wie klingt das in Musik übersetzt? Anders, und: catchy.

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