Doomsday

Vierzig Jahre haben Die Krupps mittlerweile auf dem Buckel, und sie waren nicht nur wegweisend in der jungen Elektro- und EBM-Szene der Achtziger Jahre. Als die Gitarren in den Neunziger Jahren Einzug halten, sind sie mit dem neuen Genre Industrial Metal der bahnbrechende Wegbereiter für viele weitere Bands. Zwischenzeitlich ist Engler nach Austin, Texas, gezogen, und es ist zumindest gefühlsmäßig etwas ruhiger um die Band geworden. Auch wurden die jüngsten Alben bei den Kritikern eher zurückhaltend aufgenommen. Aber die Double-Headliner-Show zusammen mit Front Line Assembly (Link zum Bericht) ist eingeschlagen wie eine Bombe, umso mehr bin ich auf das neueste Werk Vision 2020 Vision gespannt, das bereits 2019 erschienen ist. Die Krupps, das sind Ralf Dörper, Herr der Sounds am Synthesizer, Gitarrist Nils Finkeisen, zweiter Gitarrist und Keyboarder Marcel Zürcher, Schlagzeuger Paul Keller und natürlich Sänger Jürgen Engler, der außerdem auf das berühmte Steel-O-Phon einschlägt.


Mit klassischer EBM-Elektronik eröffnet der Titeltrack „Vision 2020 Vision“, doch dann setzen mit Wucht die Metal-Gitarren ein. Soll man dazu stampfen oder moschen? Am besten beides gleichzeitig. Als die Stimme von Engler einsetzt, habe ich kurz „Fatherland“ im Ohr, doch dann reißt mich der Track auch schon weiter. Das ruhigere Zwischenstück ist stark inszeniert und fügt sich bestens ein. Und inhaltlich? Die düstere Zukunftsprognose ist längst eingetroffen, schaut nur nach Hongkong, Iran, Frankreich, Chile … „Welcome to the blackout“ schlägt musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Thrash-Metal föhnt mächtig die Haare nach hinten, Finkeisen und Zürcher leisten hier ganze Arbeit, und die elektronischen Spielereien von Dörper dazu machen das Ganze perfekt. Im Anschluss orientiert sich „Trigger warning“ deutlich mehr am EBM, der aber natürlich immer wieder von Gitarrenattacken begleitet wird. Ein besonderes Gimmick ist das Besetzt-Zeichen vom Telefon, das zwar irgendwie nervt, weil es sich in die Hirnrinde fräst, aber auch für das gewisse Etwas sorgt. Kurzes Zwischenfazit nach drei Songs: Die Krupps sind zurück, und das mit Macht. Das mit Wolfsgeheul angereicherte „Wolfen (her pack)“ ist etwas düsterer von der Stimmung her. Dafür sorgen nicht nur die ruhigeren Parts, sondern auch die gesprochenen Parts von Engler, die eine ganz eigene Intensität besitzen und bei denen auch das Steel-O-Phon hervortritt. Doch natürlich werden auch hier Gitarrenattacken eingesetzt. Beim folgenden „Extinction time“ harmonieren diese wunderbar mit dem harten EBM-Rhythmus, was bei mir Erinnerungen an das legendäre „Metal Machine Music“ mit dem Accu§er-Gitarristen Frank Thoms weckt. Hier wird auf die weltweit steigenden Umweltprobleme Bezug genommen.
Völlig unerwartet sind Die Krupps bei „Carpet crawlers“, einem Genesis-Cover, plötzlich ruhig und gefühlvoll. Sie interpretieren den Song in einer Synthie-Pop-Variante, was ich als gewöhnungsbedürftig empfinde, zumal ich sogar meine, ein Saxophon auszumachen. Beim anschließenden „Fires“ kehren die Gitarren zwar zurück, aber der Track ist irgendwie eigenwillig und verhalten und zündet bei mir leider nicht. Der Song selbst scheint auf Arthur Browns „Fire“ Bezug zu nehmen, den die Jungs ja auch schon mal gecovert haben. Mit „Obacht“ präsentieren Die Krupps auch eine Rammstein-Coverversion. Nee, Moment, das scheint ein eigener Song zu sein. Der plötzlich deutsche Gesang, der noch dazu deutlich Till Lindemann in seiner prägnanten Aussprache imitiert, führt erst einmal aufs Glatteis. Bitte nicht falsch verstehen, der Song ist handwerklich tadellos, wenn man Neue Deutsche Härte mag. Aber Die Krupps haben es einfach nicht nötig, sich anzubiedern, denn sie sind ein maßgeblicher Einfluss, ohne den es Rammstein nicht gegeben hätte.
Dafür rückt „DestiNation doomsday“ alles wieder auf die Spur. Das Tempo wird hier zwar etwas herausgenommen, doch das lässt den eingängigen Refrain intensiver wirken. Der Song ist eine einzige Abrechnung mit Donald Trump, und Engler wird in Austin sicherlich noch einiges mehr mitbekommen als wir. Trumps Außenpolitik bekommt in „Allies“ auch gleich ihr Fett weg, und das Wortspiel „lies lies – all lies – allies“ ist äußerst gelungen, ebenso der Wechsel zwischen den EBM- und Metal-Sequenzen. Noch deutlicher wird es in „Fuck you“, der Titel sagt schon alles. Im ersten Moment mag das ausgelutscht und plakativ erscheinen, macht aber im Zusammenhang mit den Lyrics wirklich Sinn. Musikalisch erinnert mich „Active shooter situation“ vom Elektro-Anteil her an DAF, die ja alte Bekannte von Jürgen Engler aus der Zeit vom Ratinger Hof sind. Die Gitarren wiederum sorgen für den typischen Krupps-Sound. Zum Abschluss wird mit dem Verantwortlichen der zuvor beschriebenen Szenarien abgerechnet: „Human“, in dem es treffend heißt: “ A killer by nature, a dangerous creature, a natural born killer“.

Fazit: Die Krupps sind zurück, und das mit Macht. Die Erfinder des Industrial-Metal behaupten ihe Positon mit einem starken Album, das an IV – Paradise now und die späten Neunziger anknüpft. Aber das nicht nur musikalisch, sondern gerade auch mit den düsteren Lyrics, die eine kaputte Zukunft vorhersagen. Teilweise haben sich die Prognosen seit der Veröffentlichung des Albums sogar schon erfüllt. Dass Die Krupps sich auf Vision 2020 Vision so deutlich politisch positionieren, mag vielleicht nicht jedem gefallen, ist aber auf der Höhe der Zeit und verdient allen Respekt. Lediglich der Mittelteil mit den Coverversionen ist eine kleine Klippe, die den Fluss des Albums unterbricht und den Punktabzug erklärt. Als Bonus-Tracks am Ende hätte ich die Songs besser aufgehoben gefunden. Vielleicht wäre weniger hier mehr gewesen.

Anspieltipps: Vision 2020 Vision, DestiNation Doomsday
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Die Krupps: Vision 2020 Vision
Oblivion (Spv), Vö. 15.11.2019
MP3 10,00 € erhältlich über Bandcamp
CD-Digi + DVD 17,99 € und 2LP 29,99 € erhältlich über Nuclear Blast
Homepage: https://www.diekrupps.com/
https://www.facebook.com/diekruppsofficial
https://www.facebook.com/spvhannover/

Tracklist:
01 Vision 2020 Vision
02 Welcome to the blackout
03 Trigger warning
04 Wolfen (her pack)
05 Extinction time
06 Carpet crawlers (Genesis-Cover)
07 Fires
08 Obacht
09 DestiNation doomsday
10 Allies
11 Fuck you
12 Active shooter situation
13 Human

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