Konzert: 27.10.2016 – The Mission + The Awakening – Backstage Werk

And I’m gettin‘ blown away

1986 – 2016: Dreißig Jahre existiereIMG_2301n The Mission nun schon, und das ist natürlich ein perfekter Anlass für eine Tour, die nach viel zu langer Zeit endlich wieder einmal auch in München Station macht. The Mission gehören neben Fields of the Nephilim und den The Sisters of Mercy zu den drei legendären großen englischen Gothic-Rock-Bands. Bevor Wayne Hussey zu den Sisters kam, spielte er bei Dead and Alive, der Band des erst kürzlich verstorbenen Pete Burns. Er und Craig Adams verließen die Sisters nach Streitigkeiten mit Andrew Eldritch, um The Mission zu gründen. Ohnehin hatte Wayne einen großen Anteil am Entstehungsprozess des wohl besten Sisters-Album First and Last and Always. Trotzdem trauen sich doch einige, heute im Sisters-of-Mercy-T-Shirt zu erscheinen.

Der Einlass erfolgt mit einer halben Stunde Verspätung, die äußeren Ränge im Werk sind mit schwarzen Tuchbahnen abgehängt, um den Raum zu verkleinern. Denn leider spielt ausgerechnet heute auch Peter Murphy, der Sänger von Bauhaus, in Augsburg, sodass sich die süddeutschen Schwarzkittel zwischen gleich zwei Legenden entscheiden müssen. Das ist wirklich sehr schade. Der Vorteil ist wiederum, dass durch das verkleinerte Werk fast Wohnzimmeratmosphäre entsteht und man auch während des Konzerts genügend Platz zum Atmen hat.
IMG_2225Der Verzögerung zum Trotz eröffnen The Awakening pünktlich um 20 Uhr den heutigen Abend. Sie begleiten The Mission auf allen Europa-Terminen der Tour. 1996 wurde die Band von Sänger und Songwriter Ashton Nyte in Johannesburg gegründet. Mittlerweile lebt die Band aber in den USA, wo es trotz Amokläufen, Killer Clowns und Trump sicherer ist als in Südafrika. Sie spielen teils elektronisch unterstützten Gothic Rock, der beim überwiegend schwarz gekleideten Publikum sehr gut ankommt. Die Songs werden mit ordentlich Applaus honoriert, und The Awakening haben sichtlich Spaß an ihrem halbstündigen Auftritt. Ashton Nyte bedankt sich mehrmals beim Publikum und bei The Mission für die Möglichkeit dieser Tourteilnahme. Besonders hervorheben möchte ich die wirklich sehr gelungene Coverversion von „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel. Nach dem Konzert ist auch ihr Merchandisestand völlig verdient eng umlagert, und alle Bandmitglieder signieren bereitwillig CDs und sogar T-Shirts und stehen sehr sympathisch zu einem Plausch bereit.
Die folgende Umbaupause zieht sich in die Länge, aber witzigerweise läuft mittendrin „Metal Guru“ von T-Rex. Dazu muss man wissen, dass The Mission früher einmal unter eben diesem Namen, The Metal Gurus, Glamrock-Auftritte absolvierten. Ein Live-Video dazu befindet sich auch auf der Deluxe-Ausgabe des neuen Albums Another Fall from Grace.

Doch um 21:10 ist es endlich soweit, das Saallicht verdunkelt sich, und das Intro von „Damn Busters“ ertönt. Nacheinander betreten Drummer Mike Kelly, Gitarrist Simon Hinkler, Bassist Craig Adams und Mastermind Wayne Hussey die Bühne. Auch Evi Vine ist dabei, die heute bei mehreren Songs den weiblichen Backgroundgesang übernehmen wird und die auch schon auf dem neuen Album zu hören ist. Die Band startet mit der Hymne „Beyond the Pale“ auf Children (1988), und schon die ersten Klänge von Waynes berühmter zwölfsaitiger Gitarre mit ihrem ureigenen Sound nehmen mich gefangen. Als dann auch noch seine unverwechselbare Stimme einsetzt, bekomme ich Pipi in die Augen. Beim Refrain zeigt das Publikum auch gleich seine Mitsingqualitäten. Der Song geht quasi nahtlos über in den Klassiker „Serpents Kiss“ vom Album The First Chapter (1986), bevor die wunderschöne Ballade „Swoon“ von Neverland (1995) einen ruhigen Moment liefert. Vorher entschuldigt sich Wayne dafür, dass die Band schon so lange nicht mehr in München aufgetreten ist. Mit dem rockigen „Tyranny of Secrets“ folgt der erste Song des neuen Albums Another Fall from Grace (2016), der vom Publikum begeistert aufgenommen wird. Anschließend fragt Wayne Hussey: „Who has already heard the new album?“ Jubel. „And who has actually bought it?“ Wieder Jubel, die Münchener sind also gut vorbereitet.
Das nächste Lied vom Album Gods own Medicine (1986) leitet er folgendermaßen ein: „I think you can sing along to this one.“ Wer könnte das nicht? „Take me down and lead me to the Garden of Delight!“, und so lässt Wayne das Publikum den Refrain zum Teil allein singen. Die folgenden Stücke „Dance on Glass“, wieder von Gods own Medicine, „Blood on the Road“ und „Afterglow“, wieder von Neverland, werden weniger euphorisch abgefeiert. Nach „Blood on the Road“ macht Wayne etwas Werbung: „That one is also on the new record. You should buy it, it’s a really good record.“ Dem kann ich in unserer Webzine-Review (Link) nur beipflichten. Aber dann geht es wieder ab. „Like a Child again“ vom Album Masque (1992) entwickelt sich zur Liebeserklärung von der Band ans Publikum und umgekehrt. Bei den Textzeilen „You can make me happy and I hope you feel the same. You make me feel just like a child, a child again“ zeigt Wayne mit dem Finger auf mich und schaut mir durch die Sonnenbrille hindurch in die Augen, sodass ich wieder ein paar Tränchen wegblinzeln muss. Das folgende „Met-Amor-Phosis“ ist die tolle neue Hit-Single, auf der Ville Valo von HIM mitgewirkt hat. Seine Parts werden wieder von Evi Vine übernommen. Den euphorischen Reaktionen im Publikum nach bin ich nicht die einzige Person, die „Tower of Strength“, wieder von Children, quasi wörtlich nimmt. Und mit der Überhymne „Wasteland“, noch einmal von Gods own Medicine, endet das reguläre Konzert, und die Band verschwindet ohne große Abschiedsgesten hinter der Bühne.

IMG_2281Aber nicht mit uns! Es wird gepfiffen, gejohlt, geklatscht, ganze fünf Minuten lang, in denen der Roadie gleich zweimal eine Akustikgitarre einstöpselt und testet. Ein wahrlich erlösender Moment, als Wayne und Evi erscheinen und eine gefühlvolle Akustikversion von „Island in a Stream“ vom ersten Album Gods own Medicine (1986) präsentieren. Als Nächstes folgt zusammen mit der Band die fantastische Powerballade „Butterfly on a Wheel“ von Carved in Sand (1990), bevor es zum göttlichen „Severina“, wieder von Gods own Medicine, heißt „dancing by the light of the moon.“ Mit diesem Highlight verabschiedet sich die Band erneut, lässt sich aber noch einmal auf die Bühne zurückklatschen. „Never’s longer than Forever“ ist eine tolle Ballade vom neuen Album, die in Zusammenarbeit mit Martin Gore von Depeche Mode entstanden ist. Beim folgenden Neil-Young-Cover von „Like a Hurricane“, das The Mission auf The First Chapter unnachahmlich zu ihrem eigenen Song gemacht haben, beginnt Wayne die erste Strophe sehr langsam, bevor der Song sich immer mehr steigert. Jetzt brauche ich endgültig mein Taschentuch. Der letzte Song „Deliverance“, wieder von Carved in Sand, reißt alle noch einmal mit, denn wir haben wahrlich Erlösung gefunden. Das ganze Werk singt mit wie ein Mann. Die Band verabschiedet sich endgültig vom Publikum, doch Wayne kehrt noch einmal zurück mit einem Strauß Rosen, die er an die glücklichen Fans in der ersten Reihe verschenkt. Vielen Dank an Wayne Hussey und The Mission, die mich seit dem Zillo-Festival 1994 in Durmersheim begleiten. Ich war klein, jung und gruftig, lebte in einer Kleinstadt und kannte die Band noch nicht (es war eine Zeit ohne Internet), und damals wie heute zweiundzwanzig Jahre später passiert es sprichwörtlich: „And I’m gettin‘ blown away“.

Fazit:
Trotz 2x drei Zugaben war mir das Konzert eigentlich viel zu kurz, haben The Mission doch so viele grandiose Hymnen geschrieben. Vor allem „Belief“ habe ich schmerzlich vermisst, aber natürlich kann eine Band, die ihr 30. Jubiläum feiert, nicht alle ihre Hits an einem Abend spielen. Außerdem variieren sie ihre Setlist von Show zu Show, wie es heute nur noch wenige Künstler machen. Das Münchner Publikum war sehr gut drauf, was ja leider nicht unbedingt immer eine Selbstverständlichkeit ist. Trotzdem haben mir mitreisende englische Hardcore-Fans gefehlt, sodass ich nächstes Mal nach Berlin oder besser gleich London reisen werde. Nichtsdestotrotz war es ein toller und würdiger Abend, zu der auch die Vorband hervorragend gepasst hat.

Setlist The Awakening:
o1 Razors burn
02 Descent
03 Indian Summer Rain
04 Upon the Water
05 Fault
06 Angelyn
07 Maree
08 Martyr
09 Sound of Silence
10 Dark Romantics

Setlist The Mission:
Intro – Damn Busters
01 Beyond the Pale
02 Serpents Kiss
03 Swoon
04 Tyranny of Secrets
05 Garden of Delight
06 Dance on Glass
07 Blood on the Road
08 Afterglow
09 Like a Child again
10 Met-Amor-Phosis
11 Tower of Strength
12 Wasteland

13 Island in a Stream
14 Butterfly on a Wheel
15 Severina

16 Never’s longer than Forever
17 Like a Hurricane
18 Deliverance

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