Legal, Illegal, Scheißegal

IMG_2409Ich habe Slime bislang nur einmal live gesehen, und das mit einem Akustikset im Rahmen der Lesetour zu ihrer Bandbiografie Deutschland muss sterben, geschrieben von dem Schweizer Journalisten Daniel Ryser. Das war ein toller Abend und kann auch im Webzine (Link) nachgelesen werden. Entsprechend bin ich gespannt, welche Energien bei einer regulären Rockshow freigesetzt werden.

Um 20 Uhr herrscht in der Theaterfabrik noch gähnende Leere, und auch als eine halbe Stunde später die Vorband Outsiders Joy die Bühne betritt, ist es noch nicht einmal halb voll. Viele ziehen es offensichtlich vor, draußen noch zu rauchen oder kommen erst später direkt zum Auftritt von Slime. So haben es die drei in der großen Halle naturgemäß schwer, Schwung ins Publikum zu bringen, das während der ersten Songs noch dazu mehrere Meter Abstand zur Bühne hält. Mir persönlich gefallen die eher langsamer angelegten Songs nicht so wirklich, da sie mit den deutschen Lyrics schon fast etwas schlagerhaft wirken. Außerdem empfinde ich einige Texte als zu platt und plakativ. Respekt für ihre Einstellung, aber wenn gefühlt jeder driIMG_2341tte Text sich gegen Nazis richtet, ist mir das zu viel. Der englischsprachige Song „Refugees welcome“ dagegen rockt ordentlich, und endlich fangen ein paar Leute auch an zu tanzen. Diese Richtung sollten Outsiders Joy weiterverfolgen und ausbauen. Anschließend wird es wieder eher ruhiger, sodass Sänger Party schließlich fragt: „Sollen wir lieber einfach aufhören, und dann kommt Slime?“ Zwei oder drei Songs später ist die halbe Stunde Spielzeit dann aber ohnehin vorbei.

Nun wird es langsam merklich voller, und die Spannung steigt. Alle Musiker machen die letzten Abstimmungen ihrer Instrumente selbst und verschwinden dann wieder. Nici trägt dabei eine witzige Coverversion des Dead Kennedys T-Shirts „Nazi Punks fuck off“, bei ihr heißt es „Nazi Trumps fuck off“. Schließlich wird als Intro auf nüchtern-trockene Nachrichtensprecherweise der Text zur Indizierung von „Bullenschweine“ vorgelesen, glaube ich, denn leider ist die Einspielung nicht sehr laut, und viele bekommen das scheinbar gar nicht mit, denn der Gesprächegeräuschpegel bleibt gleichbleibend hoch, sodass der Text schwer zu verstehen ist. Anschließend betreten Nici (Bass), Alex Schwers (Schlagzeug), Michael „Elf“ Mayer (Gitarre), Christian Mevs (Gitarre) und Sänger Dirk „Dicken“ Jora die Bühne.

Gleich zu Beginn knallen uns Slime ihren Hit „Schweineherbst“ um die Ohren. Sie verströmen eine Wahnsinnsenergie, und sofort wird klar: Die Band ist genauso heiß auf den heutigen Abend wie das Publikum, das den Text enthusiastisch mitsingt. Und es geht direkt weiter mit „Wir geben nicht nach“ und „Alle gegen alle“, die ebenso begeistert aufgenommen werden. Nach dem dritten Song brechen die letzten Dämme, es fliegt unvermeidlich der erste Bierbecher, und es wird ordentlich gepogt. „We don’t need the Army“ wird den englischen Cockney Rejects gewidmet. Zwischendrin erzählt Dicken, wie die AFD in Hamburg versucht hat, einen Auftritt von Slime auf dem Hamburger Hafengeburtstag verbieten zu lassen und initiiert die Parole: „Ganz München hasst die AFD!“, die von einem gewaltigen Sprechchor aufgenommen wird. Der Song „Störtebeker“ ist dem FC St. Pauli gewidmet, auch wenn dieser zu diesem Zeitpunkt auf einem traurigen 18. Tabellenplatz dümpelt, wie Dicken sagt. Dennoch werde man dem Verein auch in die dritte Liga folgen, und die Totenkopfflagge wird weiter am Millerntor wehen. Dem sportlichen Tiefpunkt zum Trotz entwickelt das Publikum absolute Höchstleistungen. Wie entfesselt rasen 50-60 Leute durch den Moshpit, hier fliegt die Kuh, wie ich es in München derart noch nie bei einem Konzert erlebt habe! Schade, dass ich nicht so geistesgegenwärtig gewesen bin, den Moment filmisch festzuhalten.

IMG_2519Nun braucht Dicken erst einmal eine Raucherpause und verschwindet im Backstage, dafür übernimmt Elf den Gesang bei den folgenden zwei Coverversionen von „Gefangen in der BRD“ vom KFC und „Massenhysterie“ von den Targets. Dicken ist zurück und nun wird zur Akustikgitarre gewechselt, und Elf bekommt einen Barhocker. Die zwei dargebotenen Songs „Zweifel“ und „Zu kalt“ sind eine willkommene Pogo-Erholungspause und erzeugen einen schönen Moment, der Lust auf mehr macht. Gerne würde ich auch noch einmal ein reines Akustikkonzert besuchen, denn Slime können eben nicht nur rocken, und die Qualität der Songs tritt besser zum Vorschein. Mit „Gewalt“ geht es halbakustisch weiter, bevor Elf mitten im Lied die Gitarre wechselt und losrockt. Nach „Goldene Türme“ widmet Dicken den Song der Band, die dafür die maßgebliche Inspiration war: „Halleluja! Der Turm stürzt ein! Ton Steine Scherben!“ Die Pogo-Meute wird nicht müde, und so könnte „Brüllen, zertrümmern und weg“ fast das Motto des Abends sein. Mit dem legendären „Deutschland muss sterben“ endet der reguläre Auftritt, zum Schluss springt dann auch der erste Stagediver in die Menge.
Die Pause ist nur von kurzer Dauer, dann sind Slime zurück, und weiter geht die Sause mit „A.C.A.B.“, das die Menge schon am Gitarrenintro erkennt und den Refrain schon längst singt, bevor Dicken überhaupt zurück auf der Bühne ist. Mit „Legal, illegal, scheißegal“ folgt die nächste Hymne, und die Stagediver fliegen mittlerweile im 30-Sekunden-Takt. Dann stellt Dicken fest: „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist. Immer diese schlimmen Coverversionen von Wölfi, dem linken Spießer. „, womit gleichzeitig dem Sänger der Kassierer gehuldigt und der nächste Song angekündigt wird. „Religion“ und der „1,7% -Promille-Blues“ lassen den Abend ausklingen.

Fazit:
Natürlich gehören Slime nach mittlerweile 37 Jahren Bandgeschichte inzwischen zum alten Eisen, aber das brennt dafür immer noch verdammt heiß und zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen. Christian Mevs spielt die Gitarre trotz ergrautem Bart noch immer wie ein junger Gott, und Elf und Dicken versprühen Energie wie eh und je. Auch Nici fügt sich optimal in die Band ein. Sie haben eindrucksvoll bewiesen, dass in Sachen harter kompromissloser Deutschpunk nachwievor niemand an Slime vorbeikommt. Slime sind eine lebende Legende. Geiles Konzert!

Setlist Outsiders Joy:
01 Rasierapparat
02 Dadäpawede
03 Fünf Minuten Ruhm
04 Was ich mag
05 Punkrockseil
06 Welt retten
07 Nazi-Radar
08 Refugees welcome
09 Nichts ist gut
10 Atom
11 Neue braune Welle
12 Stell Dir mal vor
13 Nazischwein
14 Von der Muse geküsst

Setlist Slime:
01 Schweineherbst
02 Wir geben nicht nach
03 Alle gegen Alle
04 Sie wollen wieder schießen (dürfen)
05 Alptraum
06 We don’t need the Army
07 Himmel brennt
08 Störtebeker
09 Gefangen in der BRD (KFC)
10 Massenhysterie (Targets)
11 Zweifel (Akustik)
12 Zu kalt (Akustik)
13 Gewalt
14 Goldene Türme
15 Sich fügen heisst lügen
16 Artificial
17 Brüllen, zertrümmern und weg
18 Untergang
19 Deutschland muß sterben

20 A.C.A.B.
21 Legal, Illegal, Scheißegal
22 Gewinnen
23 D.I.S.C.O.
24 Linke Spießer
25 Religion
26 1,7% -Promille-Blues

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