Konzertreview: 28.07.2013 – Free and Easy Festival – Russkaja, Le Fly und Gasmac Gilmore

Энергия!

Polka-Abend im Backstage ist angesagt, was bei annähernd 40° in diesem heißesten Juli seit 2003 eine schweißtreibende Angelegenheit zu werden verspricht. Im Rahmen des Free and Easy-Festivals kommen Gasmac Gilmore, Le Fly und Russkaja in die schnell eingerichtete Backstage-Werk-Sauna, um denjenigen einzuheizen, denen noch nicht warm genug ist.

Tote Esel

Die Wiener Gasmac Gilmore eröffnen den Abend mit schnellem, knackigem Balkan-Punk, der sofort in die Beine geht. Gut, zumindest in die Beine des Docs, der sich bei den Temperaturen wohlzufühlen scheint und den kompletten Sonntag an der Isar lag, im Gegensatz zu mir, die ich zu arbeiten hatte. Meine Tanzbereitschaft hält sich von dem her arg in Grenzen, wie auch die der restlichen hitzegeschädigten Besucher, die apathisch vor der Bühne stehen.

Noch ist es leer im Werk, die meisten sitzen noch bei einer Hopfenkaltschale draußen, was sich aber relativ schnell ändert, je länger das Konzert andauert. Gasmac Gilmore spielen schnell, Musik, die mehr zum Moshen denn zum Tanzen einlädt, wenn man mich fragt. Grundsätzlich gefällt die wüste Mischung des Quartetts, die für meinen Geschmack genau die richtige Härte aufweist und den derzeit gehypten La Brass Banda gehörig den Hintern versohlt!
Derzeit sind die Jungs jedenfalls fleißig unterwegs auf der Dead Donkey-Tour, die sie unter anderem aufs Summer Breeze führen wird. Tourdaten, Videos und Musik, aber keinerlei Infos, mit wem man es hier eigentlich zu tun hat, gibt es auf http://www.gasmacgilmore.com/.

St. Pauli Tanzmusik

Weiter geht’s, ganz planmäßig, mit den Hamburgern von Le Fly, die sich gleich mal unbeliebt machen, indem sie die wahnwitzige Ansicht vertreten, Astra sei das beste Bier. Na, erst mal ein Augustiner auf den Schock! Weniger Balkan, dafür mehr Spaßpunk mit deutschen Texten, das ist die Musik von Le Fly. Tanzbar ist das nur bedingt, aber dennoch bewegen sich einige Tapfere mehr oder weniger schnell im Takt, ein Unterfangen, bei dem man in dieser Hitze durchaus einen Herzinfarkt riskiert. Denn obwohl es draußen mittlerweile abgekühlt hat, sogar vereinzelte Regentropfen runterkamen und ein angenehm kühler Wind den Schweiß trocknet, ist es im Werk immer noch brütend heiß, und mein Gefühl sagt mir, dass das auch so bleiben wird. Leider erschließt sich mir Le Fly musikalisch nicht so, mir ist das zu banaler Einheitsbrei, wie er überall in der Republik produziert wird. Nach einer guten Dreiviertelstunde habe ich genug gesehen bzw. gehört und stapfe wieder nach draußen, die nassen Klamotten in den Wind halten.

Legen wir los mit Energieaustausch!

Endlich – Russkaja! Energiegeladen geht’s direkt los, „Energia“, der Titel des aktuellen Albums, ist Programm und Eröffnungssong. Jetzt ist mir die Hitze auch egal – ich muss einfach loshüpfen und die Sau rauslassen! Die Temperatur steigt nach dem ersten Lied schon so stark an, dass Sänger und Frontsau Georgij Alexandrowitsch das Publikum auffordert, die Shirts auszuziehen, und selbst gleich mal mit gutem Beispiel vorangeht. Schön ist der Anblick zwar nicht, aber definitiv lustig. Mit den abgelegten Textilien, so der geniale Masterplan für das Tanzkollektiv, lässt sich nämlich wunderbar Ventilator spielen, was auch prompt von allen Beteiligten in die Tat umgesetzt wird. Shirt schwingen, hüpfen und dabei das Atmen nicht vergessen – so weit, so kompliziert. Mittlerweile tropft Kondenswasser von der Decke und ich kriege Fantasien, dass das Werk eigentlich ein wunderbares Schwimmbad abgeben würde, fülle man die Tanzfläche mit Wasser.

Lied Nummer drei ist schließlich der heiß ersehnte „Psycho Traktor“, aber das ist schließlich ein Konzert, keine Spaßveranstaltung: Ein armes Schwein auf der Tanzfläche hält plötzlich ein Pappschild hoch, auf dem ein nach unten weisender Pfeil zu sehen ist. Gerogij erklärt auch postwendend, das sei die Mitte, um die sich jetzt alles drehen solle. „Wenn Mitte umfällt, meine Damen und Cherren, nicht drauftrampeln, aufcheben!“, heißt es mit charmantem russischen Akzent. Und so geschieht es: Alle Tänzer bilden eine Art Anarcho-Polonaise, die sich im Uhrzeigersinn um die Mitte dreht – ein großer Spaß, aber jetzt kommt zum Hitzschlag noch die Gefahr von Schwindel und damit verbunden Erbrechen, Kreislaufkollaps etc. hinzu – ich jedenfalls bleibe, wo ich bin, hüpfe fröhlich und singe lautstark mit.

Die Kollektivgefühlsbewusstseinserweiterung nimmt jedoch gerade erst ihren Anfang – „Legen wir los mit Energieaustausch!“ bleibt das Motto des Abends. Ob „Change“ oder „Radost‘ moja“, vollkommen egal, ob auf Deutsch, Englisch oder Russisch, alles, was sich die österreichisch-russische Turbopolkisten auf der Bühne einfallen lassen, das Publikum dankt es ihnen.
Zugabe? Nach anderthalb Stunden am Rande des hitzebedingten Zusammenbruchs habe ich eigentlich keine Lust mehr, doch Ulrike Müllner betört mit einem wunderbaren E-Geigen-Medley, das eine kurze Atempause verschafft, und weiter geht’s! Der Rausch, in den man sich getanzt hat, trägt weiter – das ist wohl die Kraft des Kollektivs!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Bilder: Peter Seidel

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