Pisse für alle

pisseNein, den Bandnamen muss man nicht verstehen oder mögen, man kann ihn auch für infantil halten. Dennoch lohnt sich die musikalische Auseinandersetzung mit Pisse unbedingt. Bereits 2012 haben sich die vier Jungs zur Bandgründung in Hoyerswerda zusammengefunden, die unbestätigten Gerüchten zufolge allesamt Ronny heißen sollen. Im Internet machen sie sich rar, und dennoch haben sie sich im Punk-Untergrund mit schweißtreibenden Shows und diversen EPs einen Namen gemacht. Bereits im Januar haben sie ihre erste LP herausgebracht, die sinnigerweise den schlichten Namen LP trägt.
Mit einer Art vielleicht am Theremin erzeugten Alarmsirene geht es los, bevor der Rhythmus herrlich kaputt scheppert und Ronny „Die fetten Kinder“ stimmlich hervorpresst. Geil, ich tanze innerlich bereits Pogo. „Duracell“ hingegen ist monoton in Szene gesetzt und wirkt auf mich wie eine Mischung aus DAF und Kraftwerk, was bezogen auf die Thematik äußerst gelungen ist. Aber wem das zu steif ist, nun rumpelt „Angenehm straff“ in bester gewohnter Manier aus den Boxen, und auch „Draußen zuhause“ sollte die Up-Tempo-Fraktion glücklich machen. Statt „Zuviel Speed“ könnte man auch zu viel Gras meinen, denn eine Kirmesmelodie vom Keyboard wird wie von verdächtigen Nebelschwaden mit allerlei spacigen Klängen bereichert. Bei diesem Ausflug in die Siebziger muss ich gleichzeitig irgendwie an einen Western-Saloon denken.
Das Quietschen eines Schneidegeräts (zumindest klingt es genau wie meins) eröffnet „CO2 Bilanz“, in dem das Theremin für mich der heimliche Star ist, auf dem eine außerirdische Science-Fiction-Filmmelodie gespielt wird. In „Feind/Fehler“ bellt Ronny den Gesang richtig raus, dazu der schnelle Rhythmus – Klasse, so muss das. Auch die „Fliegerbombe“ steht dem in nichts nach, auch wenn der Text hier recht emotionslos vorgetragen wird. Aber das wird als Stilmittel eingesetzt und vergrößert die Bandbreite von Pisse. Ebenso das folgende „Kündigung“, das recht düster ausgefallen ist für Pisse-Verhältnisse, auch wenn die prägenden Stilmittel Rhythmus und Theremin erhalten bleiben. Zum Abschluss dominieren bei „Jenny L“ Keyboardklänge und Kinderblasinstrumente, wenn ich das richtig interpretiere, und schließlich kräht ein Hahn. Und wer das jetzt nicht versteht, diejenigen haben Pisse einfach nicht kapiert.

Fazit: Auch auf der ersten Langrille LP bleiben Pisse ihren musikalischen Prinzipien treu. Inspiriert von Punk, New Wave und den Genialen Dilletanten ziehen sie ihr unverwechselbares Ding durch. Vor allem der Stakkato-Gesang und das Theremin sorgen für das Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Punk-Szene, und die kaputten Texte sorgen für ein Übriges, ganz zu schweigen von den skurillen Samples, die immer wieder eingestreut werden. Und noch einmal in aller Deutlichkeit für diejenigen, die Pisse einfach nicht kapiert haben: Pisse sind großartig! Pisse für alle!

Anspieltips: Die fetten Kinder, Angenehm straff, Zuviel Speed
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Pisse: LP
Phantom Records/Harbinger Sounds, Vö. 19.01.2020
MP3 gegen Spende über Bandcamp (bitte nicht knausern), LP 12,00 £ über Harbinger Sounds https://harbingersound.bigcartel.com/product/pisse-s-t-lp

Homepage: https://pisse.home.blog/
https://pisse.bandcamp.com/
https://phantomrecords.bandcamp.com/
https://harbingersound.bigcartel.com/

01 Die fetten Kinder
02 Duracell
03 Angenehm straff
04 Draußen zuhause
05 Zuviel Speed
06 CO2 Bilanz
0i Feind/Fehler
08 Fliegerbombe
09 Kündigung
10 Jenny L

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