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Dawn of the death blues

Die Rocking Corpses sind eine untote Zombie-Kapelle aus Tampere in Finnland. Die Idee zur Band hatte der Gitarrist Tony Decay im Jahr 2007, um seine Vorlieben für Zombies und Horror sowie Death Metal und Blues miteinander zu kombinieren. Er übernimmt neben dem Hauptsänger Leper Laze auch die stimmlichen Death-Parts. Das Debüt Rock ’n‘ rot ist 2012 erschienen, und nach und nach, angelockt vom Sound, sind Gitarrist Pestilence Pete, Bassist Maggot Mike und Drummer Tom Bones aus ihren Gräbern gekrochen. Mit Death Blues ist nun das zweite Album bei Inverse Records erschienen, bereit zum Totentanz. Weiterlesen

„… diese Ungeheuerlichkeit, die hier stattfindet“

Aktualisierungen. Texte von Ingeborg Bachmann – kennt man, wenn, dann wahrscheinlich aus der Schule. Das heißt meistens, man kennt sie eigentlich nicht, nicht wirklich oder nicht mehr, diese auf ihre Art radikale Autorin, die sich durch den bräsigen, durch und durch männerdominierten Literaturbetrieb der 50er und 60er Jahre erfolgreich hindurchschrieb und diese Zeit trotzdem nicht lange überleben sollte. Jetzt sind Plätze, Straßen, Literaturpreise und -veranstaltungen nach ihr benannt. Ich selber kenne nur wenige ihrer Texte, und als ich mich dazu mal unter literaturbegeisterten Freund*innen umhörte, bekam ich mehrfach die Antwort: Habe ich früher viel gelesen, fand ich toll, aber ist mir inzwischen zu …
Inzwischen zu. Nicht einfach, sich dem sprachlichen und emotionalen Ausdruck einer anderen Zeit so zu nähern, dass er wieder zugänglich wird, oder hörbar zu machen, wie relevant und lebendig ein kanonisierter Text von „damals“ immer noch und wieder sein kann. Genau dieser Aufgabe haben sich Laut Fragen verschrieben: Hörenswerte, drängende Texte, die unter der Last von Zeit, alten Lesegewohnheiten und Deutungsschichten zu verschwinden drohen, ins Hier und Jetzt zu bringen, dem Inhalt und der Intention verpflichtet, aber völlig frei in der Form – und gerne auch tanzbar.

Auf ihrem äußerst bemerkenswerten Album Facetten des Widerstandes (2020, hier entlang zum Review) hat das Wiener Elektro(post)punk-Duo Texte aus dem antifaschistischen Widerstand musikalisch neu hörbar gemacht. Und nun also Ingeborg Bachmann: Ursprünglich für eine Performance bei der „Langen Ingeborg-Bachmann-Nacht“ im Theaterhaus Jena im Januar 2019 vertonten Maren Rahmann und Didi Disko vier Texte der österreichischen Schriftstellerin, und das Ergebnis ist Mitte Juni unter dem Titel Meine Schreie als EP erschienen. Weiterlesen

Punk Diamond

HRR 791LP BRATS The Lost Tapes Cover.inddUrsprünglich sollte das hier vorliegende Debüt The Lost Tapes – Copenhagen 1979 der Brats beim kleinen dänischen Indie-Label Irmgardz erscheinen, doch kurz vor der Pressung bekamen die Brats ein lukratives Angebot der renommierten CBS, das sie nicht ablehnen konnten. Der Haken dabei – CBS verlangte Exklusivität, und so konnten die Aufnahmen nicht verwendet werden. Ihr damaliges Album 1980 Brats (auch von High Roller Records neu aufgelegt) wurde also für CBS neu eingespielt.

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Es sollte bekannt sein, trotzdem muss es leider wohl noch sehr häufig wiederholt werden, bevor sich etwas ändert: Betroffene von sexualisierter Gewalt und anderen Übergriffen sehen sich grundsätzlich der sehr realen Gefahr gegenüber, nicht ernst genommen zu werden, wenn sie über das Erlebte sprechen oder Anzeige erstatten – sei es bei den Behörden, von Dritten oder in der Öffentlichkeit. Und immer noch werden oft die Betroffenen selbst beschuldigt, dass sie etwa irgendwie „selber schuld“ seien oder aus irgendwelchen Gründen nur jemanden verleumden wollten. Wer trotzdem öffentlich über das Geschehene spricht und Anzeige erstattet, kann sich unter Umständen selber mit juristischen Folgen konfrontiert sehen, wenn ein Übergriff nicht genau so bewiesen werden kann, wie das Gericht es fordert. Ren Aldridge von der Londoner Punk-/Post-Hardcore-Band Petrol Girls schreibt auf Bandcamp dazu:
„On the one hand, the criminal justice system consistently fails and often further traumatises the minority of survivors who decide to report to the police. This system clearly does not protect the majority of survivors and I personally do not believe it holds any answers in dealing with gender based violence. Then on the other hand, when survivors and their allies try to protect one another by speaking out about abusive behaviour, they become vulnerable to libel / defamation law. And in both criminal and libel cases, the burden of truth is placed on the survivor. Literally what does the law expect us to do?“

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Linksradikaler Schlager

SWISS + DIE ANDERN aus Hamburg St. Pauli mischen seit 2014 den deutschen Untergrund auf. Drei EPs und fünf Alben später, das jüngste Orphan ist kürzlich erschienen, haben sie sich empor gearbeitet. Markenzeichen der Band ist ein harter Crossover-Sound aus Punk und Hip Hop, der stellenweise den Crossover der 90er und Bands wie Rage Against the Machine und System of a Down aufleben läßt. In den deutschsprachigen Texten werden vor allem linksorientierte Themen angesprochen, und sie positionieren sich klar gegen Homophobie und rechts. Markant ist dabei nicht nur der meist gerappte Sprachgesang von Sänger SWISS, sondern auch, dass die Band immer wieder mit Gastsängern aus der Hip-Hop- und Punkszene zusammenarbeitet. Weiterlesen

Wundertüte

cover-TEKE-TEKE-ShirushiTEKE::TEKE, bitte, was? Aber von Beginn an: TEKE::TEKE wurde im kanadischen Montreal vom Gitarristen Serge Nakauchi-Pelletier, Drummer Ian Lettre und Posaune-Spieler Etienne Lebel gegründet. Rhythmus-Gitarrist Hidetaka Yoneyama, Bassist Mishka Stein, die Multi-Instrumentalistin Yuki Isami und Sängerin Maya Kuroki vervollständigen die Band. Als solche haben sie mit Coverversionen im Surf-Stil der in der westlichen Welt sträflich unbekannten japanischen Legende an der Gitarre, Takeshi Terauchi, begonnen. Doch dieses Konzept wurde schnell zu eng, sodass sie ihren Sound in der Breite weiterentwickelten, was schließlich in das Debütalbum Shirushi gemündet ist.
Zugegeben, ich habe von Surf Rock keine Ahnung und von japanischem Folk noch weniger. Aber ich finde den Sound von TEKE::TEKE so abgefahren, dass ich mich dennoch an eine Rezension wagen muss. Weiterlesen

Tanz den Widerstand

Kein Projekt wie viele andere. Maren Rahmann, Schauspielerin, Performerin und Musikerin, vertonte historische Arbeiterlieder und Widerstandstexte mit dem Akkordeon, Didi Disko machte derweil mit Collapsing New People Electropop, New Wave, Postpunk. 2016 fanden sie sich zu Laut Fragen zusammen. Zusammen spielen sie Electro-Postpunk, aber nicht nur; man hört auch Anleihen ans 20er-Jahre-Cabaret, (Noise-)Pop, viele (großartige) Wave-Fragmente und immer wieder Noise-Einsprengsel, Geräuscheffekte, akustische Illustrationen. Songs mit Hörspielementen, Hörspiele in Songform, Popsongs mit Irritationen und Brüchen oder musikalische Bruchstücke, die sich zu einem Song-Ganzen fügen; ein bisschen klingt es, wie wenn Ton Steine Scherben Brecht’sches Theater spielen würden. Schon musikalisch ist das Album also eine Ausnahmeerscheinung. Die ungewöhnliche Form ist aber kein Selbstzweck und der Titel kein loses Etikett. Arbeiteten Laut Fragen auf ihrem ersten Album Utopie + Untergang (2017) noch mit eigenen Texten, kamen sie mit Facetten des Widerstandes zur Gründungsidee zurück: Sie vertonen Texte aus dem antifaschistischen Widerstand in Österreich und Zeitberichte von Widerstandskämpfer*innen gegen das NS-Regime. Wie sie im Making-of-Video erklären, war die Frage bei der musikalischen Umsetzung für sie immer: Wie kann, wie sollte genau dieser Text musikalisch umgesetzt werden? Keine leichte Frage: Was ist eine angemessene Form von Musik für Texte, die im Exil, auf der Flucht, in Haft, im KZ entstanden oder vom dort Erlebten erzählen? Weiterlesen

Wie eine Abrißbirne

Paranoid-OutRaisingHell_ALBUM-front_klein偏執症者 (Paranoid) aus dem schwedischen Frösön begeisterten mich bereits mit ihrem letzten Album Heavy mental Fuck-Up! (Link zur Rezension). Nur zu gern mache ich mich nun über ihr neuestes Werk, Out raising hell, her. Das Trio ist unverändert geblieben, dabei sind also Henrik Låsgård mit Gitarre und Gesang, Joakim Staaf-Sylsjö mit Bass und Gesang und Schlagzeuger Emil Bergslid, die vorher schon bei Bands wie Mob 47, Brottskod 11 und Warvictims gespielt haben. Der japanische Einfluss ist sofort auf dem Cover erkennbar: ein dämonischer Samurai-Krieger, der ein Nieten-Outfit wie von JudasPriest-Sänger Rob Halford trägt. Metal, Japan und Crust Punk – die dritte, bitte. Weiterlesen

Nirvana? Langweilig!

Kummer-im-WestenErneut begleiten wir den Protagonisten Anton Kummer, den wir schon mit Düsterbusch City Lights kennengelernt haben (Link zur Rezension), wo er zu Zeiten der DDR mit dem Club Helden des Fortschritts Punk- und New-Wave-Konzerte veranstaltet hat. Mittlerweile ist die Mauer gefallen und die DDR als solche ist Geschichte.
Kummer im Westen, natürlich ist der Titel doppeldeutig zu verstehen. Nach dem Ende der DDR macht Anton Kummer die ersten Erfahrungen im glorreichen Westen. Doch so toll, wie er es sich immer ausgemalt hat, alles, wovon er immer geträumt hat, so toll ist das in der ersten Zeit dann doch nicht. Mit der Wirklichkeit konfrontiert ist er schnell ernüchtert und erleidet einigen Kummer. Weiterlesen