Tina

ti_GetränkEgal ob Steampunk, Cyber, Gothic-Leute, Mittelalter oder Metalheads – die Vielfalt ist wunderbar groß auf dem WGT in Leipzig. Eine Stadt trägt schwarz, obwohl auch das „normale“ Stadtfest parallel dazu stattfindet. Nach zwei Jahren Zwangspause geht’s in Leipzig wieder rund, auch ohne Bändchen kann man viel unternehmen, sich vom Flair berauschen lassen oder das dunkelbunte Publikum beobachten. Wir sind ganz kreativ – wir fahren einen Tag ins Heidnische Dorf. Gesagt, getan. Mit dem 9-EUR-Ticket geht es erstaunlich gut, obwohl die Züge wirklich sehr gut gefüllt sind. Und kaum ist man da,  sieht man schondie ersten bekannten Gesichter.

ti_Finsterforst1Im Heidnischen Dorf angekommen, wird erst mal eine Runde über den immer wieder hübschen Mittelaltermarkt gedreht und das erste Pils getrunken. Heute steht das Dorf im Zeichen des Pagan-/Black Metal. Den Anfang machen auf der Hauptstage Feuerdorn, die wir jedoch verpassen, weil wir noch emsig mit Shoppen beschäftigt sind. Als Nächstes gehen Finsterforst an den Start. Bei der Gelegenheit läuft mir doch tatsächlich ein Webzine-Bloggerkollege über den Weg! Die Schwarzwälder heizen der Menge richtig ein. Wenn sogar der Steampunker mitsamt großem Zylinder nicht mehr aus dem Headbangen rauskommt, kann das einfach nur gut sein. Leider höre und sehe ich die Schweden von Fejd nur von weitem, eine zweite Marktrunde mit lecker Essen steht an, um dann bei ti_Varg3ti_Stiefelden Wölfen von Varg fit zu sein. Endlich sind auch die Moshpits und eine Wall of death zurück, und nicht nur bei Titeln wie „Fara til ranar“ und „Wir sind die Wölfe“ geht richtig die Post ab. Das erste Mal am heutigen Tag verlangt das Publikum Zugaben. Varg lässt es sich nicht nehmen und spielt natürlich eine. Nach Konzertende geht es für uns leider auch schon wieder in Richtung Heimat, es war superschön. Endlich wieder Festivalfeeling! Man hat viele tolle Leute getroffen, und zu Hause stehen auch wieder total verstaubte Konzertschuhe – so muss das!

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Phoebe

p_IsländischeSopranistinDer Sonntag ist mal wieder einer der Tage, wo ich es mir ziemlich lange im schönen Garten gemütlich mache, bevor ich losziehe. Mein erstes Ziel ist die Musikschule Leipzig Johann Sebastian Bach. Die isländische Sopranistin Gudrun Ingimars präsentiert zusammen mit dem in Leipzig lebenden Pianisten Samuel Waffler nordische Gesänge. Lieder von isländischen Komponisten sowie Edvard Grieg werden auf bezaubernde Weise aufgeführt. Dazwischen erklärt die Sängerin Hintergründe zu den Kompositionen, erzählt uns ein wenig, wie das Leben in Island so ist. Putzige kleine Anekdoten. Das Publikum ist begeistert!
P_MoonARTNachdem mir am Tag davor so vom Varieté im Krystallpalast vorgeschwärmt wurde, ist das mein nächster Weg. Ist ja gleich um die Ecke! Leider bin ich nicht mehr reingekommen, genau eine Festivalbesucherin vor mir hat die letzte Einzelkarte zugeteilt bekommen. Nächstes Jahr dann … Ein wenig planlos und auch hungrig stolpere ich auf ein paar lecker aussehende Essensstände am Markt zu. Hier findet ja parallel das „normale“ Stadtfest statt, und die Fischsemmel ist vom Feinsten. Nachdem meine avisierten nächsten Programmpunkte erst recht viel später stattfinden, gehe ich in die Galerie MoonART am Thomaskirchhof. Hier ist eingeladen zu Ausstellung, Konzert und Lesung. Man darf sich durch 5000 „echte“ Fotos wühlen, Bilder, entstanden bei ehemaligen WGTs. Man kann durch die damals so berühmten GESTUS – Wave Gothic Mondkalender blättern. Die Ausstellung „Krieg und Frieden“ mit Werken von internationalen Malern und dem Fotografen Gerd Lehmann ist sehenswert. Aber ganz besonders schön finde ich, wie der Schriftsteller Patrik Thiele aus seinen Büchern liest, Geschichten, die mich an den Film Eyes wide shut oder die Erzählung „Der Außenseiter“ von Lovecraft erinnern. Die Sängerin und Pianistin Flora performt zwischendurch kleine Stücke. Schön.
P_Collection1Danach freue ich mich auf das gemütliche und stilvolle Schauspielhaus. Als Erstes steht für mich eine unbekannte Band auf dem Programm, die mir aber beim Durchklicken auf YouTube gefallen hat und mir auch empfohlen wurde. Collection d’Arnell-Andréa packen mich gleich zu Anfang. Die französische Coldwave-Neoklassik-Band gibt es schon seit 1986, und fast alle Gründungsmitglieder sind noch dabei, auch Chloé St Liphard, die Sängerin. Très charmante bedankt sie sich beim vollkommen begeisterten Publikum. Ein Bandkollege mit besserem Englisch erklärt uns, dass sie schon 1993 beim WGT eingeladen waren. Sie freuen sich sichtlich, und sie bekommen Standing Ovations.
P_LindyFayDann kommt die Band um Lindy-Fay Hella, die allen von Wardruna als Sängerin bekannt ist, auf die Bühne. Eine bemerkenswerte Frau mit einer wunderschönen, vollen Stimme, die ganz allein vorne im Rampenlicht durch Mittanzen mit der Musik eine tolle Show hinlegt. Von diesen beiden Bands bin ich begeistert.
Anschließend gibt es nachts um 1 Uhr wieder Erdbeermarmeladetoast als Brotzeit, weil wieder alle Imbisse beim Heimfahren schon zu haben.

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Mrs.Hyde

Als Erstes sind wir bei Hapax in der Volkspalast Kuppelhalle, die ein tolles abwechslungsreiches Set hinlegen, dabei aber stets sehr düster sind. Das begeistert mich so sehr, dass Ritual Howls nebenan in der Kantine dagegen langweilig wirken. Der Bass wummert viel zu laut, sodass alles gleich klingt, und die Band verschwindet im Nebel. Schade, dann doch lieber auf der Karli essen gehen und die Platte daheim hören. Als wir im Stadtbad eintreffen, spielen Hørd noch. Zu gern hätte ich Kalte Nacht gesehen, und wegen Sjöblom blutet mir förmlich das Herz, aber zwecks Risikominimierung hatten wir die Moritzbastei bereits im Vorfeld gestrichen. Außerdem ist der erste Auftritt von Dark ein weiteres Must-See. Die Überschneidungen sind dieses Jahr für mich besonders hart.
DunkelAber Dark liefert ab und tranportiert mich mit seinem elektronischen Gothic und seinem Aussehen zurück in die Neunziger nach Hamburg, wo ich viel unterwegs gewesen und tief in Sachen Gothic sozialisiert worden bin. Da verbindet mich persönlich unheimlich viel. Schön sind auch die Tänzerinnen und die Videos im Hintergrund, damit die Show nicht statisch wird, wenn ein Mann allein auf der Bühne steht.
TobiasBernstrup1Das ist zwar beim Synthie-Pop des nun folgenden Tobias Bernstrup der Fall, doch sein Auftritt als intergeschlechtliches Alienwesen mit nackten Brüsten umgeht das Problem mühelos. Dazu erinnert mich sein Bühnenausdruck zum Teil an David Bowie. Zur Aftershow geht es am Sonntag traditionell zur Gothic Pogo Party im Werk II, wo Zona Utopica Garantita noch auf der Bühne stehen und den Saal mit DAF-Einfluss zum Kochen bringen. Auf der Party läuft auf beiden Areas quasi ausschließlich Italo Disco und Synth Wave, was auf Dauer leider recht monoton wirkt. Da wäre nächstes Jahr wieder mehr Abwechslung erwünscht und mehr Gitarrenmusik. Schließlich nennt es sich Pogo-Party. Wir erfreuen uns aber an den zahlreichen Kleidungsstücken original aus den 80ern und unterhalten uns, bis es hell wird, denn viele Gesichter hat man schließlich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

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torshammare

t-Hands-StandNachdem ich es gestern nicht mehr in die agra-Markthalle geschafft habe, geht es heute ins Shopping-Paradies, das allerdings sehr viel übersichtlicher als in den letzten Jahren ist. Ein Drittel weniger Stände als sonst sind es, und das merkt man sehr deutlich. Es ist zwar angenehm, dass die Gänge zwischen den Ständen breiter sind, doch da weniger Leute da sind, wirkt die große Halle wirklich recht leer. „Meine“ beiden Stände sind aber natürlich wieder dabei, ich mache die übliche Ratschrunde bei Edition Roter Drache und Hands – diese Freund*innen hatte ich jetzt teilweise drei Jahre nicht mehr gesehen, und das ist viel zu lange.
Musikalisch ist das heute ein Höllentag, nämlich der Tag der höllisch schwierigen Entscheidungen. In fast allen Locations spielen spannende Bands, und auf dem Headlinerslot sind quasi alle Muss-Bands dieses Jahres versammelt. Eine Entscheidung ist eigentlich unmöglich, aber ich gebe zu, dass ich mit Winterkälte, Garmarna, Tobias Bernstrup, Lindy-Fay Hella und Sjöblom schon einen sehr breiten Geschmack habe. Erst einmal geht es aber ins Alte Stadtbad, das bei Suir noch sehr übersichtlich gefüllt ist. Prinzipiell ist die Musik von Suir sicher interessant – atmosphärischer, eindringlicher Shoegaze, Cold Wave … -, mich erwischen sie heute allerdings auf dem falschen Fuß, und ich höre mir das für mich recht zähe Set vom Vorraum aus an. Andere sind hingegen sehr begeistert, wie ich nachher höre, sodass es wohl heute wirklich an mir lag.
t-Lizette-Lizette-SoBei Lizette Lizette habe ich solche Probleme zum Glück nicht, denn auf diesen Act freue ich mich sehr. Zweimal habe ich Lizette Lizette schon auf dem NCN gesehen, in sehr intimer Umgebung, und ich bin gespannt, wie die ebenso intime Musik der nonbinären Künstler*in (und Lebensgefährt*in von KiteNicklas) vor etwas größerer Kulisse wirkt. Die Songs werden clever auf der großen Leinwand von den dazugehörigen – sehr, sehr guten – Videos begleitet, sodass auch für Zuschauer*innen, die nicht mit Lizette Lizette vertraut sind, keine Gefahr der Langeweile besteht. Es sind aber auch viele Fans im Publikum, sodass schon bald Stimmung herrscht und eifrig getanzt und gejubelt wird. Das Songmaterial ist gewohnt stark („Sober up“, „Rest“ oder der neue Song „Sorry“), die Bühnenperformance gewohnt zurückhaltend (aber nicht unauffällig) und eindringlich. Superfin!
Danach muss ich mich wirklich für den Abendslot entscheiden und lande in der Moritzbastei – ich will unbedingt Sjöblom anschauen, das Soloprojekt von Johan Sjöblom zusammen mit Robert Eklind, und die davor spielenden Bands sind auch hochkarätig. Von DSTR/Daniel Myer kriege ich allerdings dann doch nicht mehr viel mit (war aber natürlich gut), bei den Griechen Kalte Nacht stehe ich aber bereit.
t-Kalte-Nacht-SoDas Duo war schon bei uns Band der Woche und hat mich auf Konserve bisher sehr überzeugt. Dieser gute Eindruck wird live noch um Welten übertroffen – Kalte Nacht sind für mich DIE Live-Überraschung des Festivals. Hingehen, anschauen, wenn sie mal in eurer Nähe spielen! Dynamischer, tanzbarer Cold Wave vom Feinsten mit der sensationellen dunklen Stimme von Myrto – ich tanze ohne Pause, alle sind glücklich, die Konzerttonne kocht. Großartig!
t-Sjöblom-SoNoch viel großartiger ist aber dann der Auftritt von Johan Sjöblom und Robert Eklind, und ich schwelge mich durch die Songs („Brand new life“, „Tape, „Telephone“ und noch so viele andere melancholische Indie-Perlen mehr). Die Konzerttonne ist voll, in den ersten Reihen um mich herum stehen viele Fans, und auch von weiter hinten kommt immer wieder lauter Jubel. Heute sind alle da, um Sjöblom zu sehen, und die Stimmung ist etwas ganz Besonderes. Das merken auch die beiden Männer auf der Bühne und sind sichtlich gerührt. Danach reden meine Mitbewohner*innen und ich am Merch noch ein bisschen mit einem glücklichen Johan, lassen Geld da, nehmen ein Foto mit und lassen den Abend gemütlich in der fast leeren Moritzbastei ausklingen, bevor wir nach Hause laufen. Was für ein wunderschöner Konzerttag!

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Yggdrasil

Y_Finsterforst_nTag 3 der Hitzeschlacht war also angebrochen. Ein wenig müde (ja, man merkt, dass man nach zwei Jahren ohne WGT ein wenig aus der Übung ist), also erst einmal einen Kaffee, damit ich Pläne schmieden konnte, die ich dann meistens eh wieder über Bord geworfen habe. Seltsamerweise passierte mir das öfters! Meinen treuen Begleiter (Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50) in die Tasche gepackt und ab Richtung Stadtmitte. Dort begegnete mir ein Freund, den ich auf dem WGT öfters gesehen habe als in München über das ganze Jahr verteilt. Prompt kam von ihm „das wird zur Gewohnheit“, und wir mussten lachen. Mein Weg führte mich dann hinaus zum Heidnischen Dorf zur völlig unchristlichen Zeit von 15:20 Uhr, wo am helllichen Nachmittag Finsterforst auftraten. Eine recht überschaubare Menge an Metallern ließ mich nichts Gutes erahnen. Da ich die Musik von Finsterforst mag und sie mich schon einige Jahre begleiten, stellte ich mich trotzdem in die zweite oder dritte Reihe vor die Bühne, um vielleicht doch das ein oder andere Mal meine Haare zu schütteln. Tatsächlich lief mir eine ganz liebe Bloggerkollegin über den Weg. Wahnsinn, dachte ich mir! Nach so langer Zeit lerne ich sie mal persönlich kennen. Sie gesellte sich neben mich, und wir genossen das, was da kam. Es kam Black Metal der mal rasanten, mal atmosphärischen Sorte, immer wieder unterbrochen von wunderschönen träumerischen Akustik-Einlagen, die zum Schwelgen einluden. Das Publikum war gut dabei und feierte recht frenetisch, doch als die Bandhymne „Zeit für Hass“ kam, begann der Wahnsinn. Das war der reinste Abriss. Ein Glück, dass ich Sonnencreme dabei habe, dachte ich mir, denn das war so geil, dass ich keine Sekunde missen wollte, um in den Schatten zu gehen.
Y_Collection-DArnell-Andrea_nAm Abend im Schauspielhaus dann ein wunderschönes Kontrastprogramm zu meinem bisherigen Tag. Collection D’Arnell Andréa, eine französische Cold Wave / Death Rock / Avantgarde Band, die bereits seit dem fast schon biblischen Jahr 1986 besteht. Ich muss gestehen, dass ich nur ihre alten Werke kannte, ihre letzten aber nicht, und somit war ich unvorbereitet auf das Kommende. Pustekuchen, vom ersten Moment an hatten sie mich gefangen genommen! Der wilde Mix aller möglichen wirklich dunklen Ströme des Gothic vereint. Herrlich oldschool, und ich dachte öfters auch an die Ende der Achziger/Anfang der Neunziger Gothic Ära.
Y_LindyFayHella_nMein Schatz hat mich überredet zu Lindy-Fay Hella mitzugehen, was sich als wirklich goldener Tipp entpupppte! Wenn man Nordic Folk mag, kommt man an Lindy-Fay Hella (Mitglied von Wardruna) nicht vorbei! Für mich neben Andrea „Nebelhexe“ Haugen (Hagalaz Runedance – RIP) die beste Stimme für diese Art von Musik. Das erhabene Ambiente des Schauspielhauses rundete diesen wundervollen Abend ab.

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Ankalaetha

Eigentlich hätte ich zum Noise-Tag ins Täubchental gewollt, stelle aber schon vor dem Aufstehen fest: Tanzen, oder gar durchtanzen, ist heute nicht drin. Und was will ich bei Noise, wenn ich nicht tanzen kann? Wir lassen es also stattdessen einfach mal ganz, ganz ruhig angehen und machen uns erst nach 17.00 Uhr auf zum Volkspalast. Hapax in der Kuppelhalle machen einen guten Eindruck, soweit ich das von meinem Sitzplatz auf der Treppe aus beurteilen kann. Bevor das Set zu Ende ist, gehen wir die Kantine finden, die hat allerdings noch zu. Aber immerhin kriege ich so auch da wieder einen Sitzplatz, hinter dem Soundpult sogar.
Live @ Volkspalast (Kantine)Man sollte meinen, dort wäre der Sound angemessen bis gut, aber leider ist das nicht wirklich der Fall. Schade, auf Ritual Howls hatte ich mich sehr gefreut, aber so wird das Ganze dann doch ziemlich eintönig, und hätte ich mich aufraffen können, wären wir vielleicht sogar nicht erst beim vermutlich letzten Song gegangen, um vor der großen Menschenmenge an der Tram zu sein. Zumindest dieser Plan geht allerdings auf, und wir kommen stressfrei zur Moritzbastei, wo wieder gut Platz ist und Gelegenheit, etwas Warmes zu Abend zu essen, bevor wir uns zusammen mit torshammare von Kalte Nacht ordentlich beeindrucken und anschließend von Sjöblom verzaubern lassen.

Hier geht’s zum WGT-Montag!

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