Buch: Christiane Spies – Mondherz

Werwölfe und historische Realität – kann das klappen?


Kombinationen aus Fantasy und historischem Roman sind eine schwierige Sache, schon so mancher Autor ist daran grandios gescheitert. Christiane Spies stellt sich in ihrem Erstling Mondherz gleich dieser Herausforderung, indem sie ihre Geschichte im spätmittelalterlichen Ungarn ansiedelt und mit reichlich historisch belegten Persönlichkeiten bevölkert – und einige von ihnen zu Werwölfen macht.
Die Protagonistin in Mondherz ist Veronika, eine junge Adlige. Durch Zufall kommt sie einem geheimen Werwolfsbund auf die Spur, der seit Jahrhunderten die Geschicke der europäischen Herrscherhäuser mitlenkt. Sie wird von einem der Werwölfe gebissen und muss alles zurücklassen, was ihr lieb ist. In den Wirren der türkischen Angriffe auf Belgrad schließlich muss Veronika feststellen, dass es eine dunkle Prophezeiung gibt, die sie persönlich zu betreffen scheint – und dass sie zu einem Spielball der mächtigsten Männer ihrer Zeit zu werden droht. Einzig der junge Adlige Gabor, ebenfalls ein Werwolf, scheint zunächst ihr Verbündeter zu sein – aber in den Kriegswirren wird Veronika von ihm getrennt und findet entsetzt heraus, dass auch Gabor ein dunkles Geheimnis vor ihr verbirgt. Gleichzeitig droht ihre neue, wölfische Seite immer wieder, ihre menschlichen Gefühle zu übermannen.

Die Ausgangslage in Mondherz ist also mehr als spannend. Anfangs hatte ich Bedenken, ob eine Erstlingsautorin wohl den Spannungsbogen über beeindruckende 660 Seiten halten können würde, doch diese haben sich schnell zerstreut. Die Charaktere sind so packend ausgestaltet und trotz ihrer animalischen Seite so zutiefst menschlich, dass das Buch fast noch zu kurz erscheint.
Auch die Kombination aus Fantasy und historischem Roman zahlt sich aus: Das Buch ist auffallend gut recherchiert und zeichnet ein realistisches Bild der spätmittelalterlichen Türkenkriege, des Kampfes um die ungarische Thronfolge und des Lebens am Hof von Buda. Deutsche Autoren widmen sich nur äußerst selten dieser Epoche in Südosteuropa, vielleicht wegen der sprachlichen Problematik oder der spärlichen Quellenlage. Und wenn, geht es in den allermeisten Fällen um Dracula, den Fürsten der Walachei, kombiniert mit Vampiren. Dracula kommt zwar als Nebenfigur vor, allerdings sind Vampire im Buch endlich einmal kein Thema – eine willkommene Abwechslung zum derzeitigen Einheitsbrei auf dem Fantasy-Markt. Es ist befreiend, einen ganzen Roman lesen zu können, ohne dass die ansonsten so starke Heldin in Gegenwart eines glitzernden Vampirs sofort stereotyp zum schmachtenden Weibchen mutiert. Man muss der Autorin ein großes Lob aussprechen: Gekonnt umschifft sie jegliche Fantasy-Klischees und schafft eine Protagonistin, die aus sich selbst heraus zu einer starken, selbstständigen Frau wird und dennoch in ihrer Epoche nicht wirkt wie ein Fremdkörper.
Positiv ist auch anzumerken, dass in Mondherz Geschichte nicht weichgezeichnet wird, wie das leider oft bei Frauenromanen der Fall ist. Massaker, die es nun einmal leider im Spätmittelalter gab, werden auch entsprechend geschildert, ebenso der allgegenwärtige Rassismus, der insbesondere die Roma traf, und der für moderne Leser beinahe grotesk anmutende, fanatische Türkenhass. Dabei zeichnet Spies dennoch ein ausgewogenes Bild des ausgehenden Mittelalters: Die Menschen sind nicht verbohrt oder ungebildet, sondern eben einfach Kinder ihrer Zeit. Auch für die streng christlich erzogene Veronika ist es ein schwieriger Lernprozess, als sie feststellt, dass die „ketzerischen“ Hussiten auch Menschen sind – und dass sie in den Augen vieler ihrer Mitmenschen nun zu einem Monster geworden ist. Gerade diese innere Zerrissenheit macht Veronika so sympathisch und lässt den Leser mit ihrem Schicksal mitfiebern.

Spies hat sich also mit ihrem Roman ordentlich etwas vorgenommen, und sie meistert die Hürden fabelhaft. Die Handlung fesselt den Leser, die Fantasy-Elemente sind ausgewogen und wirken nicht überzogen – und ganz nebenbei lernt man noch etwas über einen Aspekt der Geschichte, der in der deutschen Literatur bisher viel zu kurz kommt.

Dieses Buch ist definitiv ein Must-Read sowohl für Fans von historischen Romanen als auch von Fantasy.

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Christiane Spies: Mondherz.
Knaur, März 2012
Taschenbuch, 660 Seiten.
Taschenbuch bei Amazon: 14,99 €.
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