Mythen im Metal – Das kleine Latinum

… oder warum jede Mittelalter-Rock-Band, die was auf sich hält, einen unaussprechlichen lateinischen Namen braucht

Als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums, satte sieben Jahre lang mit Latein gefoltert, ist man für gewöhnlich extrem froh, wenn man nach dem Abitur nie wieder etwas von dieser „toten Sprache“ hören muss. Dumm nur, wenn man dann in die schwarze Szene eintaucht und diverse Mittelalter-Rock-Metal-Folk(etc.-etc.)-Bands für sich entdeckt – und fast alle davon einen lateinischen Bandnamen haben, ganz abgesehen von massenweise lateinischen Songtexten. Aber warum ist das so? Wird man wirklich mittelalterlicher, wenn man ein „-us“ im Bandlogo hat?

Prinzipiell muss man sich erst einmal von dem Gedanken verabschieden, dass im Mittelalter Latein die vorherrschende Sprache war. In der Kirche, ja, da wurde es verwendet, aber selbst ein guter Teil der Mönche wusste oft nicht so genau, was sie da betete, besonders im Frühmittelalter. Karl der Große musste tatsächlich eine Kampagne starten und seine Kirchenmänner dazu anhalten, Latein zu lernen, nachdem er feststellte, dass in seinem ganzen riesigen Reich nur noch eine Handvoll Männer lateinische Texte lesen konnten. Später wurde Latein dann zwar zur Sprache der Wissenschaftler, doch richtig populär wurde diese erst wieder am Übergang zur Renaissance, als nach dem Fall Konstantinopels 1453 viele klassische Schriften in den Westen gelangten. Und selbst dann darf man sich nicht vorstellen, dass die gelehrten Herren sich in gepflegt-klassischem Latein Marke Cäsar oder Cicero unterhielten. Was sie sprachen und schrieben wird gemeinhin als Mittellatein bezeichnet (oder von meinem alten Lehrer auch schmählich „Küchenlatein“ geschimpft); vergleichbar ist dies mit „Simple English“. Laut Wikipedia stellt dies eine sehr vereinfachte Version dar: mit wenig komplexer Grammatik, geringerem Wortschatz und so gut wie keiner Rechtschreibung – Cicero hätte vermutlich einen Nervenzusammenbruch bekommen, falls er diese Sprache überhaupt als Latein identifiziert hätte.

Was hat das jetzt mit unseren Musikern zu tun? So einiges. Damals wie heute wollten Spielleute ihr Publikum unterhalten. Und damals wie heute wollten die Herren Musiker auch verstanden werden – deshalb haben sie auch im Mittelalter die Sprache des Volkes benutzt, sei es nun zum Beispiel Mittelhochdeutsch oder Altfranzösisch. Im Mittelalter auf einem Marktplatz auf Latein zu singen wäre ungefähr so klug gewesen, als wenn Helene Fischer im Musikantenstadl plötzlich auf Chinesisch sänge.

Natürlich argumentieren die Latein-Verfechter gerne, dass die allermeisten überlieferten Texte aus dem Mittelalter doch eben genau auf Latein geschrieben sind. Das ist aber auch klar, denn geschrieben wurden sie von Mönchen, der einfache Pöbel konnte ja seine Texte gar nicht niederschreiben. Die Texte der Mönche wiederum hatten meist religiöse Inhalte, und die Sprache der Kirche war eben Latein. Sobald es um weltliche Themen ging, wurde allerdings zur Landessprache gegriffen, siehe die erhaltenen Texte der Minnesänger, in denen es zum Teil doch recht deftig zur Sache ging.

Eine populäre Fundgrube für diverse Mittelalter-Bands ist das Llibre Vermell de Montserrat, ein Manuskript mit Liedtexten aus dem 14. Jahrhundert. Die meisten Texte darin sind lateinisch – allerdings wurde auch diese Sammlung von Mönchen geschrieben. Und zwar, weil die frommen Herrschaften es gar nicht gern hatten, dass sie des nächtens von feiernden und singenden Pilgern mit eher profanen Liedtexten wachgehalten wurden, die sich hauptsächlich um zwei Themen drehten: Trinken und Sex. Deshalb schrieben diese Mönche extra für die Pilger angemessenes Liedgut, das trotzdem tanzbar war. Ob die Pilger nun außerhalb des Klosters auch nur die frommen lateinischen Texte verwendeten, sei nun einmal dahingestellt.

Und was ist nun mit lateinischen Bandnamen? Auch hier muss ich meine Leser leider enttäuschen, die sind gleich doppelt ein Anachronismus. Einerseits eben, weil damals so gut wie niemand etwas mit einer lateinischen Bezeichnung hätte anfangen können, andererseits war im Mittelalter der Bandname noch gar nicht erfunden. Wie auch – es gab keine Albenveröffentlichungen, keine Poster, keinen Bravo-Starschnitt und schon gar kein Facebook. Eine Truppe Spielleute brauchte also gar keinen besonderen Namen.

Trotzdem – ein jeder von uns assoziiert Mittelalter und Latein. Wenn sich eine Mittelalter-Band heutzutage also einen lateinischen Namen gibt, ist das wohl gar nicht so unüberlegt. Und ich werde auch weiterhin mit Grauen an meine Schulzeit erinnert werden, wenn ich die Bandnamen höre.

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