Buch: Cixin Liu – Der dunkle Wald

Ein außergewöhnliches Stück SciFi-Literatur

Liu_CDer_dunkle_Wald_v5_170887Jahr Drei der „Krise“ – die Gesellschaft der Erde versucht nach wie vor, die Tatsache zu akzeptieren, dass eine Flotte hochentwickelter Außerirdischer auf dem Weg zur Erde ist, um sie zu besiedeln, da ihr eigener Planet Trisolaris aufgrund der unvorhersagbaren Bahn dreier Sterne um ihn nahezu unbewohnbar ist. Jedoch wird die Invasion der Trisolarier erst in 400 Jahren kommen – das sollte doch genug Zeit sein, um sich vorzubereiten? Schließlich hat die Menschheit es in nur 150 Jahren geschafft, den Standard der Technologie von Dampfmaschine auf Computer zu heben. Doch die Grundlagenforschung ist noch immer durch die Trisolarischen Sophonen blockiert und Fortschritt daher nur begrenzt möglich. Noch dazu ermöglichen die Sophonen Trisolaris, jedes Gespräch abzuhören und jedes Dokument mitzulesen. Daher ruft der PDC – der Planetenverteidigungsrat – eine einzigartige Maßnahme ins Leben: Die Wandschauer-Initiative. Vier Menschen werden nahezu unbegrenzte Fördermittel zur Verfügung gestellt, um eine Taktik für die Verteidigung gegen Trisolaris zu entwickeln, doch das Wichtigste ist: Niemand außer ihnen darf ihren Plan kennen, da die Sophonen sonst sofort Informationen an Trisolaris weiterleiten könnten. Drei Wandschauer werden aus Politik, Forschung und Diplomatie ausgewählt. Doch der vierte, Luo Ji, ist ein erfolgloser, unmotivierter Unidozent mit einem Interesse für Astronomie und Soziologie. Sein Plan erscheint so einfach wie durchgeknallt: Luo Ji verflucht einen Stern. Und erst über zwei Jahrhunderte später wird sich zeigen, was das zu bedeuten hat.

Der dunkle Wald, der zweite Teil der Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu, steht seinem Vorgänger Die drei Sonnen in keinem Punkt nach, ist aber doch eine andere Art von Buch. Wo Die drei Sonnen ein packender Wissenschaftsthriller war, ist Der dunkle Wald eher eine mitreißende Gesellschaftsstudie. Wir bekommen Einblicke in die frühen Jahre der „Krise“, in denen die Menschheit noch zwischen Hoffnung und dem Phänomen des Eskapismus schwankt: Manche sind der Ansicht, dass der Kampf gegen Trisolaris aussichtslos ist und die Menschheit unausweichlich ausgelöscht werden wird. Sollte man daher nicht lieber Geld in die Entwicklung von Raumfähren stecken, mit denen wenigstens ein Teil der Menschheit entkommen könnte? Doch wie könnte man den Rest einfach zurücklassen, und wie soll man auswählen, wer gehen darf und wer bleiben muss? Der Eskapismus wird früh als Risiko für die Einigkeit der Menschheit erkannt und für illegal erklärt. Doch verschwinden tut er dadurch natürlich nicht.

Cixin Liu macht zum Teil große Zeitsprünge und zeigt die Entwicklung einer Gesellschaft, die auf eine unabwendbare Katastrophe zusteuert, die jedoch nicht zu ihren Lebzeiten eintreten wird. Wie reagiert so eine Gesellschaft? Natürlich denkt jeder an seine Nächsten, doch wie nah sind 400 Jahre entfernte Verwandte wirklich? Und wie viel Hoffnung kann man tatsächlich haben, einen Krieg gegen einen Gegner zu gewinnen, der sich gerade auf den Weg durch die ganze Galaxie gemacht hat, um den eigenen Planeten einzunehmen? Weiter in der Zukunft sieht sich die Gesellschaft dann noch mit anderen Probleme konfrontiert. Ein neues Mittelalter, gefolgt von einer neuen Renaissance. Die Integration von Kälteschläfern aus der „alten“ Welt in eine neue. Die Entwicklung des menschlichen Geistes in der Kälte und Dunkelheit des Weltraums. Cixin Liu hat ein unglaubliches Verständnis für Soziologie und das kollektive Bewusstsein, aber auch einen tiefen Einblick in jeden einzelnen seiner liebevoll ausgestalteten Charaktere.

Diese großen Zeitsprünge bergen natürlich auch die Herausforderung an den Autor, schnell eine realistische Zukunft zu etablieren. Doch Cixin Liu hat sich hier mit seiner Sophonenblockade eine ganz geschickte Hilfe gebaut, denn durch die vollständig blockierte Grundlagenforschung wird es in seiner Welt selbst in 250 Jahren nichts geben, was es nicht in groben Zügen heute bereits gibt. Dadurch kann er realistische, nachvollziehbare Innovationen beschreiben, die nicht abgedreht oder weithergeholt wirken, und sich für den Leser sehr vertraut anfühlen. Eine echte Seltenheit in der Science-Fiction Literatur.

Ein weiterer ungewöhnlicher Aspekt ist, wie wunderschön bildhaft und beinahe romantisch die Sprache von Der dunkle Wald ist. Das mag an der Originalsprache liegen, denn Chinesisch ist im Allgemeinen ja auch sehr blumig und metaphorisch, doch Übersetzung und Lektorat haben hier ein großartiges Stück Arbeit abgeliefert, um diesen Stil beizubehalten.

Der dunkle Wald ist außergewöhnlich in so vielen verschiedenen Gesichtspunkten, nicht zuletzt auch darin, dass der zweite Teil einer Trilogie oft der „schlechteste“ ist, doch hier hat Cixin Liu ein wirkliches Meisterwerk abgeliefert. Wer bereits Die drei Sonnen gelesen hat, für den sollte Der dunkle Wald ein absolutes Muss sein. Wer das noch nicht getan hat – worauf wartet ihr noch??

Der letzte Teil der Reihe, Jenseits der Zeit, ist übrigens in Übersetzung, und der Erscheinungstermin ist für April 2019 geplant.

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Cixin Liu: Der dunkle Wald
Heyne Verlag, 12. März 2018
Taschenbuch, 816 Seiten
€ 16,99
Ebook € 13,99

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