Buch: Rick Yancey – Die 5. Welle

Wie wird man die Menschheit los?

Zuerst kam die Dunkelheit, dann das Wasser, dann ein Virus, das den Großteil der Menschheit ausgelöscht hat. Dann kamen die Silencer – und plötzlich kann jeder Freund dein Feind sein.
Vor dem Ereignis, das die Menschen nun nur noch als „die Ankunft“ bezeichnen, war Cassie ein ganz normaler Teenager. Mittelmäßig in der Schule, vernarrt in ihren kleinen Bruder, zu schüchtern, um ihren großen Schwarm Ben anzusprechen. Jetzt ist sie auf der Flucht, denn seit der Ankunft zählt nur noch eins: Überleben, um jeden Preis. Ihre oberste Regel „Traue niemandem“ gerät ins Wanken, als der ruhige Evan sie schwer verletzt findet und gesundpflegt. Doch der einzige Freund, den sie zu haben scheint, hütet ein Geheimnis.
Nur einige hundert Meilen entfernt wird Ben vom Militär aufgegabelt und zum Soldaten ausgebildet, mit dem Ziel, den „Anderen“ – Außerirdische, die unseren Planeten besetzen wollen – so viel Widerstand zu leisten wie möglich. Doch auch er beginnt zu zweifeln: Wem kann er überhaupt trauen?
Wie wird man die Menschheit los? Man nimmt ihr die Menschlichkeit …
Die 5. Welle beginnt wie eine durchschnittliche Sci-Fi-/Endzeit-Geschichte, wird jedoch sehr bald tiefgründiger. Rick Yancey spielt mit Erwartungen, nimmt Bezug auf verschiedenste Science-Fiction-Filme und bringt den Leser damit in die gleiche Situation wie die handelnden Personen: Man weiß, dass da etwas da ist. Etwas Bedrohliches, nicht von unserem Planeten. Doch was genau man zu erwarten hat, bleibt über den größten Teil des Buches vollkommen im Dunkeln. Haben die Aliens eklige Tentakeln? Humanoide Form? Sind sie so groß wie Amöben? Niemand weiß es.
Anfangs steht vor allem Cassie im Vordergrund und gibt der Geschichte einen Touch von Suzanne Collins‘ Die Tribute von Panem, gemischt mit Die Zwölf von Justin Cronin, kommt jedoch nie abgekupfert daher. Cassies Einsamkeit, die ständige Angst vor etwas, das sie nicht genau greifen kann, kreieren eine unheimlich beängstigende, aber auch spannende Stimmung. Man muss einfach weiterblättern. Die Ungewissheit wird so drückend, dass man sich fast wünscht, die Aliens würden sich einfach auf die Erde beamen und alles niederschlachten, was noch lebt – doch natürlich tun sie das nicht. Auf dieser subtilen, unruhigen Stimmung basiert die gesamte Spannung von Die 5. Welle.Die Perspektivenwechsel zwischen den Hauptpersonen halten die Handlung stets spannend und lebendig und sind außerdem sehr gut geschrieben. Bens Resignation, Cassies beginnender Wahnsinn – jeder Charakter bekommt sehr individuelle Züge. Oft wird der Leser direkt angesprochen („Wussten Sie, dass …?“), was ihn in eine interessante Position bringt. Man fühlt sich nicht verbunden mit den Charakteren, sondern als wäre man ein Beobachter, der Cassie und Ben hilflos zusehen muss. Ebenso ahnungslos und gespannt, ob sie den nächsten Tag überleben werden, wie sie selbst.
Sehr bald kommt zur grundsätzlichen Spannung des Buches noch ein weiterer Faktor hinzu. Anfangs ist Cassies Regel, niemandem zu trauen, sehr einfach nachvollziehbar. Doch bald schleichen sich erste Zweifel ein. Evan rettet ihr immerhin das Leben. Genau wie Ben vom Militär gerettet wird. Und doch … Yancey füttert den Leser geschickt mit kleinen Zweifeln, um ihn dann wieder zu beruhigen und in eine ganz andere Richtung zu lenken und ihm dann komplett den Boden unter den Füßen wegzureißen. Die 5. Welle ist ein echter Pageturner, der von subtiler Spannung und intensiven Gefühlen lebt. Die Charaktere haben viel Tiefe und entwickeln sich teilweise in ganz andere Richtungen, als man erwartet hätte. Das Ende beantwortet viele Fragen, lässt aber genug für die Fortsetzung offen, die im Herbst auf Englisch erscheinen soll. Für Fans von Endzeitromanen wie Justin Cronins Übergang-Reihe ist Die 5. Welle ein sehr empfehlenswertes, fesselndes Buch, das man problemlos in einem Rutsch weglesen kann. Es erscheint im April beim Goldmann Verlag.
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Rick YanceyDie 5. Welle
Goldmann Verlag, 2014
480 Seiten
16,99€
Ebook: 13,99€Goldmann
http://the5thwaveiscoming.com/

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