CD: Rio Reiser – Alles und noch viel mehr

Alles und noch viel mehr

Rio1[1]Zum 20. Todestag am 20.08.2016 von Rio Reiser, dem unvergesslichen „König von Deutschland“, erschien eine neue Sammlung seiner besten Lieder bei Sony Music. Schon wieder eine Best Of könnte man jetzt denken, denn es sind ja schon diverse Collections erschienen. Und die alten und langjährigen Fans haben ohnehin schon alles daheim. Aber diese sind so gar nicht die direkte Zielgruppe, sondern vielmehr geht es zum einen darum, den einflussreichsten deutschen Musiker der Neuzeit entsprechend zu würdigen, und zum anderen damit auch einer neuen Generation vorzustellen, die ihn vielleicht noch nicht kennt.

Dies wird vor allem deutlich, wenn man sich die Künstler anschaut, die Rio zu Ehren jeweils eine Coverversion beigesteuert haben: Allesamt namhafte deutschsprachige Interpreten, die entweder in den letzten Jahren oder auch in jüngster Vergangenheit in den Charts waren und damit quasi ein Sprachrohr der jungen Generation.

Die CD kommt in einem weißen Digi-Pack mit einem tollen Artwork daher. Es ist durchgehend mit Songzitaten durchsetzt, und im Booklet sind alle Texte abgedruckt. Man merkt deutlich, dass das Album für den Grafiker nicht ein Job unter vielen, sondern wirklich eine Herzenssache gewesen ist.Rio_Cover[1]

Die Songs von Rio Reiser stehen ohnehin für sich, daher möchte ich im Rahmen dieser CD-Besprechung nur auf die Coverversionen der Doppel-CD eingehen, die vielleicht auch für die alten Fans interessant sind. Nun ist das mit Coverversionen ja so eine Sache: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie, und was ein gutes Cover ausmacht, darüber gehen die Meinungen ebenfalls auseinander. Manche haben die Einstellung, dass das Original nicht verändert werden darf und so getreu wie möglich neu eingespielt werden muss, was ich persönlich als langweilig und verzichtbar empfinde. Für mich ist es eine gute Coverversion, wenn neue Facetten im Song aufgezeigt werden und ein Künstler es schafft, den Song klingen zu lassen, als hätte er ihn selbst geschrieben, vielleicht sogar in einer ganz anderen Musikrichtung. In Anlehnung an das RioReiser-Album ***, in aller Regel Sternchen genannt, bewerte ich die einzelnen Songs mit eben diesen Sternchen.

1. Rio Reiser – Wann? (Version 2016)
In enger Zusammenarbeit mit Rios Bruder Gerd Möbius ist diese Neuaufnahme entstanden, im Original auf dem Album Blinder Passagier von 1987. Hier zeigt sich eindrucksvoll, dass die Texte und Musik von Rio zeitlos sind. Die Arrangements wurden an die heutige Zeit angepasst und der Song somit zu einem aktuellen Popsong transformiert. Aber ob es die posthume Neubearbeitung unbedingt gebraucht hätte? Sicherlich nicht, aber um Rio einer neuen Generation vorzustellen ist die Vorgehensweise konsequent und das Ergebnis gelungen.
*****

2. Johannes Oerding – Für immer und dich
Das ist keine leichte Nummer, und Johannes Oerding gibt sich alle Mühe, verliert aber gerade in den Höhen die Kraft in der Stimme, allein daher schon kann der Song mit der Intensität des Originals nicht mithalten. Rios Stimme ist nun mal einzigartig. Auch die musikalische Umsetzung mit Akustikgitarre, Bass, Schlagzeug und Klavierbegleitung, mit der der Song startet, überzeugt mich nicht. Den dramatischen Synthieeinsatz zum Finale finde ich ebenfalls übertrieben. Bei Rio wird seine Stimme vom Keybord getragen und von der Gitarre regelrecht umspielt, und das Schlagzeug gibt sanft den Takt. Die Dramatik erzeugt Rio allein mit seiner Stimme, mehr braucht es dazu nicht.
**

3. Namika – Zauberland
Namika, die von der deutschen Hip-Hop-Szene beeinflusst und deren Debütalbum erst letztes Jahr erschienen ist, zeigt sich musikalisch sehr reif. Statt zu Hip Hop greift sie eher zu ihren marokkanischen Wurzeln. Die Percussioninstrumente und die übrige Instrumentierung erzeugen für mich eine arabische Atmosphäre, die somit sehr von Rios Zauberland abweicht, mit seinem elektronischen Klangteppich und Streichersamples. Zauberland wird oft als Abgesang auf die DDR interpretiert, den Rio 1988 schon vorausgeahnt hat. Namika hat ihre Version vielleicht auf den arabischen Frühling bezogen, der ebenfalls kein gutes Ende gefunden hat.
*****

4. Gregor Meyle – König von Deutschland
Aus der beschwingten NDW-Nummer macht Gregor Meyle mal eben nicht das naheliegenste, nämlich einen lustigen Bluegrass-Song. Zur Gitarre fidelt die Geige, eventuell ist auch ein Banjo dabei. Der Rhythmus passt super dazu, und Meyle singt genauso lässig wie Rio seinerzeit. Außerdem passt er, wo es nötig ist, den Text an die Neuzeit an: „Ich würd‘ … Donald Trump wie Waldi in die Waden beißen.“ Macht mächtig Spaß!
*****

5. Annett Louisan – Halt dich an deiner Liebe fest
Wenn so ein niedliches Püppchen mit ihrer unnachahmlichen Weise den Ton-Steine-Scherben-Klassiker „Halt dich an deiner Liebe fest“ haucht, hätte ich einen sicheren Homerun erwartet. Und der Song ist von ihr sicherlich nicht schlecht gewählt und klingt in der Bearbeitung ganz nach Annett Louisan. Aber die Sehnsucht, die in Rios Stimme liegt, die kann selbst sie nicht erreichen. Aber zugegeben, gerade hier, bei dem vielleicht schönsten deutschsprachigen Liebeslied, liegt die Messlatte extrem hoch. Außerdem wurde der Song leider am Ende eingekürzt, wenn Rio zum Ende hin eigentlich noch „an deiner Liebe“ mehrfach wiederholt – eine Stelle, die ich als besonders intensiv empfinde.
****

6. Echt – Junimond
Echt wurden von mir immer als Schülerband belächelt, wahrscheinlich vor allem, weil die Schule in meiner Heimatstadt gerüchteweise für ihre eher laschen Verhältnisse bekannt war. Doch mit dieser sensiblen Bearbeitung des neben „König von Deutschland“ wohl bekanntesten Song von Rio haben Echt bewiesen, dass man sie durchaus ernst nehmen kann. Im Gegensatz zum relativ schlicht instrumentierten Original wurden bei Echts Aufnahme deutlich mehr Spuren verwendet, ohne den Charakter des Songs zu verfälschen. Auch die Stimme von Kim Schmidt passt hervorragend. Zu Recht wurde dies der zweitgrößte Erfolg ihrer Karriere nach „Du trägst keine Liebe in Dir“.
*****

7. Fettes Brot – Ich bin müde
Dieser von Rio geschriebene Song entstammt dem Album Keine Probleme von Wolfgang Michels. Hip Hop ist nun weniger mein Ding, aber so richtig Hip Hop ist das Lied gar nicht. Die Umsetzung ist interessant, will aber trotz des Beats und der fetten Produktion bei mir nicht zünden. Irgendwie nervt mich auch die jaulende Gitarre im Hintergrund.
**

8. Söhne Mannheims – Mein Name ist Mensch
Yeah, Söhne Mannheims. Betroffenheitspop von und mit Xavier Naidoo kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Aber was ist das? Diese Version fesselt mich tatsächlich. Die Vielzahl der Sänger unterstreicht den Text irgendwie, und die um einiges größere Band als Ton Steine Scherben damals kann dadurch die mystische Stimmung des Originals noch verstärken. Naidoo hält sich mit seinen nervigen Stimmcolorationen zum Glück zurück, und die Gitarre macht wunderschön wah wah und verbreitet pure 70er Stimmung. Gelungen.
*****

9. Nena – Schritt für Schritt ins Paradies
Im Grunde genommen spielt Nena den Song einfach neu ein, ohne ihn groß zu verändern, auch wenn sie und die Band ihn natürlich auf ihre Weise interpretieren, so dass hier schon auch Unterschiede herauszuhören sind und kein 70er-Jahre-Flair mehr vorhanden ist. Der Song klingt einfach moderner. Die größte Veränderung erfährt der Song im letzten Drittel, das auf eine interessante Art und Weise instrumental zu Ende geht.
****

Fazit: Wer noch kein Album von Rio Reiser besitzt oder Rio gar tatsächlich noch nicht kennt, für diejenigen gilt eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.

Wer wie ich jedoch schon jedes Album von Rio Reiser hat, für diejenigen ist zumindest das normale Album verzichtbar. Ob man an der Doppel-CD mit den Coverversionen gefallen findet, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich vergebe dafür
:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Rio Reiser: Alles und noch viel mehrRio2[1]
Sony Music, VÖ: 19.08.2016
MP3 Download 10,99 €, CD 17,99 €, 2CD 20,99€, LP 22,99 €
erhältlich über Amazon: amazon.de

Homepage:
rioreiser.de
tonsteinescherben.de

Alles und noch viel mehr -Die 2 CD Premium Edition

CD 1
1. Rio Reiser – König von Deutschland
2. Rio Reiser – Alles Lüge
3. Rio Reiser – Junimond
4. Rio Reiser – Für immer und dich
5. Rio Reiser – Zauberland
6. Rio Reiser – Blinder Passagier
7. Rio Reiser – Wohin gehen wir?
8. Rio Reiser – Über Nacht (Tatort-Titelsong Der Pott)
9. Rio Reiser – Manager
10. Rio Reiser – Ich denk an dich
11. Rio Reiser – Wann?
12. Rio Reiser – Menschenfresser
13. Rio Reiser – Nur dich
14. Rio Reiser – Geld
15. Rio Reiser – Jetzt schlägt’s 13
16. Rio Reiser – Nimmst du mich mit
17. Rio Reiser – Inazitti
18. Rio Reiser – Übers Meer
19. Ton Steine Scherben – Lass uns ein Wunder sein
20. Ton Steine Scherben – Halt dich an deiner Liebe fest

CD 2
1. Rio Reiser – Wann (Version 2016)
2. Johannes Oerding – Für immer und dich
3. Namika – Zauberland
4. Gregor Meyle – König von Deutschland
5. Annett Louisan – Halt dich an deiner Liebe fest
6. Echt – Junimond
7. Fettes Brot – Ich bin müde
8. Söhne Mannheims – Mein Name ist Mensch
9. Nena – Schritt für Schritt ins Paradies

(1019)