Konzert: 25.04.2019 – Kai und Funky von Ton Steine Scherben mit Gymmick + Maik Negraschus – Backstage Club, München

Söder hätte Sprechverbot

P1190318Bassist Kai Sichtermann, Gründungs- mitglied von Ton Steine Scherben um den charismatischen Sänger Rio Reiser, und Funky K. Götzner, Mitglied seit 1974, haben sich 2015 mit dem Nürnberger Liedermacher Gymmick zusammengetan, um 30 Jahre nach der damaligen Auflösung die Songs von Ton Steine Scherben und Rios Solowerk im akustischen Gewand wieder auf die Bühnen der Republik zu bringen. 2017 haben sie die Doppel-CD Radio für Millionen herausgebracht, auf der nicht nur die alten Songs neu interpretiert, sondern auch einige neue Stücke eingespielt wurden. Für mich sind Ton Steine Scherben die wichtigste und einflußreichste deutsche Band überhaupt, um so mehr bin ich auf den heutigen Abend gespannt, wie die Songs im reduzierten Gewand zur Geltung kommen.

Der Club im Backstage ist heute auch auf dem Rang geöffnet, um dem Andrang Herr zu werden. Dadurch wird es zum Glück nicht zu eng vor der Bühne, denn kurz vor acht drängen die Leute hinein, die vorher noch draußen den lauen Abend genossen haben. Auch Gymmick habe ich dort mit Freunden zusammen sitzend erspäht. Kai und Funky laufen ohne Berührungsängste vor der Show noch durch den Club, werden aber auch nicht weiter behelligt. Um acht ist es dann voll, doch wir müssen uns noch etwas gedulden.
P1180757Mit kurzer Verspätung betritt Gymmick schließlich die Bühne, kündigt dann aber zur Überraschung aller Anwesenden einen Freund namens Maik Negraschus an, den man recht spontan gebeten hat, im Vorprogramm ein paar Songs zu spielen. Maik begrüßt das Publikum und fragt direkt, wer morgen arbeiten müsse. Damit leitet er sein Set ein: „Das schönste am Alltag ist ja der ‚Feierabend‘, und so heißt auch das erste Lied!“ Er begleitet sich selbst auf der Akustikgitarre und hat eine angenehme Stimmfarbe. Es folgt das groovige „Wochende“. „Jawoll!“ ruft irgendjemand aus dem Publikum, und Maik antwortet mit: „Dankeschön. Keine Angst, ich mach nicht so lange, dass die anderen nicht mehr können“, womit er die Lacher auf seiner Seite hat. „Die kommen gleich!“, fügt er noch an. Den nächsten Song „Dessert“ kündigt er folgendermaßen an: „Man muss erst die Dinge finden, die einem das Leben versüßen.“ Sehr gefühlvoll bietet er den Song dar, und so tanzen spontan zwei Damen miteinander dazu. Nach dem verdienten Applaus erklärt Maik: „Eins spiel ich noch, und dann kommen Kai und Funky von Ton Steine Scherben mit Gymmick!“ Die Reaktionen im Publikum fallen aber etwas mager aus, daher meint er ironisch: „Na, das war ja sehr euphorisch.“ Nun wird es natürlich doch noch laut. „Der Song eben war ja ein eher unrealistisches Liebeslied, daher dachte ich, ich schreib mal ein realistisches Liebeslied, und das geht so.“ Ein letztes Mal lauschen wir dem Singer/Songwriter, anschließend preist Maik seine CD Aufbruch zu Preisen eines Longdrinks an und bittet um Unterstützung, damit er sich auch irgenwann mal wieder einen Longdrink leisten könne. Damit bedankt und verabschiedet er sich. Ein sympathischer kurzer Auftritt mit schönen Songs, der Lust auf mehr macht.

P1180799_2Nach der kürzesten Umbaupause aller Zeiten (schlicht keine!) betreten Gymmick, Kai und Funky mit ihren Bühnengetränken direkt nach ihm unter lautem Jubel die Bühne und nehmen ihre Plätze ein. Funky hat auch einen Whisky dabei für den kleinen Genuss zwischendurch. Kurz die Gitarre nachgestimmt, dann hauen die Drei direkt zu Beginn den Hit „Mein Name ist Mensch“ raus. Das Münchner Publikum singt direkt mit, die sonst obligatorische Aufwärmphase fällt heute aus. Das folgende „Durch die Wüste“ wird sehr rhythmusbetont umgesetzt, was mir gut gefällt und Gymmick nicht mehr auf seinem Barhocker hält. Kai am Bass und Schlagzeuger Funky waren ja von jeher die Rhythmusfraktion bei Ton Steine Scherben. Beim heutigen Akustikgig benutzt Funky allerdings an die Lautstärke angepasst ein Cajun (eine Sitztrommel) und eine kleine Trommel. Nach „Land in Sicht“ wird es erst mal Zeit für eine kurze Handtuchpause und einen Schluck Bier, denn mittlerweile ist es ziemlich warm geworden im Club. Mit der Stimmung steigt auch stetig die Raumtemperatur. Kai wirkt am Bass etwas introvertiert, sitzt aber auch spärlich beleuchtet im Halbdunkel, was diesen Eindruck auch erzeugen kann. Funky wirkt da als Drummer schon etwas engagierter. Nun wendet sich Gymmick das erste Mal direkt ans begeisterte Publikum: „Das nächste Lied handelt von freier Liebe!“, damit folgt „Laß uns ’n Wunder sein“. Die Stimmung ist wirklich gut, und so lässt Gymmick das „düp düp düp“ im „Arbeitslosen-Reggae“ (alternativer Songtitel zu „Mole Hill Rockers“) schließlich die Menge alleine singen. Ein bisschen Eigenwerbung für die CD muss natürlich auch sein: „Wir wollten da nicht nur alte Scherben-Songs draufmachen, sondern auch ein paar neue. Und eins davon ist das nächste.“ Der Song „Am Jenseits“ mag zwar neu sein, fügt sich aber problemlos ein. Wieder macht der heftig schwitzende Gymmick Gebrauch von seinem Handtuch, und reicht dann Funky den nassen Lappen, der irgendwie kein Bühnenhandtuch hat. Nicht unbedingt schön, aber besser als nichts. „Das war ein neues Lied, und damit Neues entsteht, muss erst was Altes einstürzen“, erklärt Gymmick und lösP1190029t damit Jubel und Freude aus. Klar, dass „Der Turm stürzt ein“ von allen Anwesenden mitgesungen wird. Ich habe Gänsehaut trotz der mittlerweile tropischen Temperaturen, und zum Ende hin schreit Gymmick den Refrain regelrecht. Wahnsinn, wie intensiv das alles ist. Stellenweise kommt er Rio Reiser stimmlich sehr nah, bringt aber auch seine persönliche Note mit rein und hat eine tolle Ausstrahlung als Frontmann. Bei der Stimmung kommt „Schritt für Schritt ins Paradies“ gerade recht, das vom Publikum ebenso abgefeiert wird, und bei dem Gymmick auch einen Ausflug zum Bühnenrand unternimmt. Funky nimmt nun lachend seinen Hemdsärmel zum Gesichtabwischen, es hilft alles nichts. Gymmick erklärt jetzt die Entstehungsgeschichte von „S.N.A.F.T.“, dessen Musik von Kai und der Text von Funky seinerzeit in Fresenhagen geschrieben wurde. Da er zuvor noch nie Texter war, ließ er sich schließlich in der Scheune für fünf Minuten kopfüber aufhängen, was ihm die nötige Inspiration brachte. Über „Nur dich“ kommen wir zu „Wenn die Nacht am tiefsten“, das wieder begeistert mitgesungen wird. Beim Refrain setzt Gymmick um eine Zeile versetzt erneut an, während Kai, Funky und Publikum weitersingen, und so entsteht eine tolle Kanon-Wirkung, die für einen besonderen Kick sorgt. Da kommt die ganze Erfahrung der Musiker zum Tragen, solche Momente auszunutzen. Das wohl schönste deutschsprachige Liebeslied „Halt dich an deiner Liebe fest“ sorgt für anhaltende Stimmung im Publikum und wieder Gänsehaut bei mir. Gemeinsam schwebt der Club dahin. Nun setzt sich Gymmick ans Klavier aka Keyboard, um „Sternschnuppen“ stimmungsvoll zusammen mit Kai und Funky zu präsentieren. Nach dem Applaus bedankt er sich mit: „Vielen lieben Dank!“ und kündigt eine zehnminütige Raucherpause an, die man natürlich auch für den Merchandise nutzen könne oder ein neues Kaltgetränk. Den Pfand möge man Viva con Aqua spenden, die einen kleinen Stand aufgebaut haben. Ich bekomme mit, wie der tropfende Funky von einer Besucherin angesprochen wird: „Fahr mal schnell heim und hol dir ein Handtuch!“ Der lacht und erklärt: „Ich hab‘ eins bekommen, aber ich hab’s vergessen!“

P1190119Die Pause reißt natürlich irgendwie ein Loch rein, und die Stimmung muss sich die nächsten zwei, drei Songs wieder aufbauen, aber die frische Luft, die durch die dann offen stehenden Türen strömt, tut wirklich gut. Fünfzehn Minuten werden es dann doch, bevor die Band auf die Bühne zurückkehrt, und als Gymmick (im neuen trockenen T-Shirt) die Tür hinter sich zuziehen will, reißt er dabei die Türklinke ab. Sichtlich genervt schmeißt er sie in die Ecke, aber als jemand ruft: „Gymmick, lach doch mal!“ kehrt sein Grinsen schon zurück. Weiter geht es mit „Sumpf Schlock“ und „Wir bleiben drin“, zu dem er anschließend erklärt: „Das war neu!“ Ein schöner Song gegen Spekulanten und den aktuellen Mietwahnsinn. Nun folgt mit „Für immer und dich“ das vielleicht zweitschönste deutschsprachige Liebeslied, mit dem Kai, Funky und Gymmick ihr Publikum wieder verzaubern. Die Stimmen, die meist zwischen den Songs zu einem Gespräch aufflackern, verstummen abrupt. Die Scherben-Fans zeigen sich wieder textsicher, außerdem sieht man es Gymmick an, wie ernst er es meint, wie er den Text mit jeder Faser seines Körpers lebt. Unnötig zu erwähnen, welche Gänsehaut-Momente der Song auslöst. Im tosenden Applaus hinterher ertönenen sogar „Bravo!“-Rufe, und so steht Gymmick von seinem Barhocker auf: „Ist schön bei euch!“ Die Stimmung ist wieder exzellent, sodass der Gesang beim folgenden „Straße“ teilweise dem Publikum überlassen wird. Auch bei der Gymmick-Komposition „Wenn du schön wohnst“, die er für das Nürnberger Obdachlosen-Magazin Straßenkreuzer geschrieben hat, und für die er wieder am Keyboard sitzt, singen viele mit. Mit Bass und Trommelwirbel steigern Kai und Funky nun die Spannung, und mit den ersten Takten auf der Gitarre wird es richtig laut im Club, da fleißig mitgeklatscht wird, und noch einmal viel lauter, als alle den Refrain zu „Macht kaputt was euch kaputt macht“ rausbrüllen. Der Song ist wie eigentlich alle Scherben-Songs ohnehin noch immer brandaktuell, aber Gymmick verleiht ihm mit kleinen Textanpassungen („Handys kaufen, wofür? … Grenzen bauen, für wen?“) zusätzliche Würze. In einer tollen Live-Version leiten die drei Musiker nahtlos in das „Einheitsfrontlied“ über (bekannt vor allem in der Version von Ernst Busch), das erneut für Begeisterung sorgt. In den hinteren Reihen wird anschließend „Hoch die internationale Solidarität!“ angestimmt, und auch Gymmick fällt schließlich in den Sprechchor mit ein. Als wieder etwas Ruhe einkehrt, erklärt er: „Die Scherben-Lieder sind zeitlos, und das nächste Lied ist sogar aktueller als damals. Denn es handelt von alternativen Fakten!“ Klar, damit folgt „Alles Lüge“, an das sich das treibende „Menschenfresser“ direkt anschließt. „Wir müssen hier raus“ gerät wahnsinnig intensiv, denn man kann den im Text beschriebenen Druck regelrecht körperlich spüren, was wieder eine prickelnde Gänsehaut bei mir auslöst. Der Druck entlädt sich im extra lauten Jubel, und um das Level zu halten, setzt die Band zur Anarcho-Hymne „Keine Macht für Niemand“ an. Viele Fäuste werden emporgereckt, und ich muss mir ein Tränchen wegblinzeln, mich nimmt das emotional voll mit. Auch die Band ist sichtlich gerührt ob der Euphorie im Club: „Danke für alles! Wir kommen zum letzten Lied“. Für „Jenseits von Eden“ setzt sich Gymmick noch einmal ans Keyboard, anschließend verbeugen sich die drei unter tosendem Beifall und verschwinden im Backstage hinter der Bühne.
P1180970Doch die Münchner fordern rhythmisch klatschend energisch nach „Zugabe“, sogar der Lichtmischer macht stimmungsvoll mit. Das bleibt auch der Band nicht verborgen, da die Tür ja nicht mehr schließt, und so lassen sie sich auch nicht lange bitten. Mehrere Leute fordern: „Rauch-Haus!“, doch Gymmick verrät stattdessen ein Geheimnis: „Nein, nein, nein. Wir kommen jetzt zu einem alten Scherben-Lied, das haben sie schon in den Siebzigern geschrieben und wieder beiseite gelegt. Rio hat’s dann wieder rausgekramt und hatte damit seinen ersten Solo-Hit“. In der Akustik-Version spielen Kai, Funky und Gymmick den „König von Deutschland“ etwas langsamer als im Original, und die Textzeile „und der Söder hätte Sprechverbot“ löst zustimmenden Zwischenjubel in der Menge aus. Nach dem „Shit-Hit“, zu dem die Leute ausgelassen tanzen, wird zur Begeisterung aller doch noch der „Rauch-Haus Song“ dargeboten, der lautstark mitgesungen wird. Gymmick kickt energisch seinen Barhocker beiseite und liefert auch hier eine Textvariante, die für Heiterkeit sorgt: „Und leg‘ den ersten Bullen, die da auftauchen, ihre Handschellen an!“ Damit verabschiedet sich die Band erneut und wird erneut zurückgeklatscht. Bei der zweiten Zugabe zerlegt es mich emotional endgültig, denn zu „Der Traum ist aus“ kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten, während die Menge einem Mantra gleich „aber ich werde alles geben“ wiederholend singt. „Vielen Dank für diesen unvergesslichen Abend!“ Nicht nur Gymmick ist gerührt, auch Kai und Funky, die nun von ihm vorgestellt werden. Zum Abschluss folgt auch noch „Junimond“ und sorgt für die letzte Gänsehaut des Abends und Euphorie im ganzen Club.

Fazit: Die Stimmung auf und vor der Bühne ist insgesamt einfach großartig. Es ist toll zu sehen, wie begeistert das Publikum die Songs auffasst und engagiert mitsingt, und wie die drei Musiker den Spaß und die Energie reflektieren. Die glücklichen Gesichter allenthalben sprechen Bände. Das Konzert hat mich persönlich emotional völlig umgehauen und wird daher dieses Jahr kaum mehr zu toppen sein. An dieser Stelle müsste ich nun eigentlich alle fünf Mosher vergeben, was ich angesichts dieses Akustik-Konzerts als ziemlich unpassend empfinde. Daher stattdessen wie folgt
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Setlist:
Mein Name ist Mensch (Ton Steine Scherben)
Durch die Wüste (Ton Steine Scherben)
Land in Sicht (Ton Steine Scherben)
Laß uns ’n Wunder sein (Ton Steine Scherben)
Arbeitslosen-Reggae (Ton Steine Scherben)
Am Jenseits (Kai, Funky & Gymmick)
Der Turm stürzt ein (Ton Steine Scherben)
Schritt für Schritt ins Paradies (Ton Steine Scherben)
S.N.A.F.T. (Ton Steine Scherben)
Nur dich (Rio Reiser)
Wenn die Nacht am tiefsten (Ton Steine Scherben)
Halt dich an deiner Liebe fest (Ton Steine Scherben)
Sternschnuppen (Ton Steine Scherben)
— Pause —
Sumpf Schlock (Ton Steine Scherben)
Wir bleiben drin (Kai, Funky, Gymmick)
Für immer und dich (Rio Reiser)
Straße (Rio Reiser)
Wenn du schön wohnst (Gymmick)
Macht kaputt was euch kaputt macht (Ton Steine Scherben)
Einheitsfrontlied (Berthold Brecht/Hanns Eisler)
Alles Lüge (Rio Reiser)
Menschenfresser (Rio Reiser)
Wir müssen hier raus (Ton Steine Scherben)
Keine Macht für Niemand (Ton Steine Scherben)
Jenseits von Eden (Ton Steine Scherben)
— 1. Zugabe —
König von Deutschland (Rio Reiser)
Shit-Hit (Ton Steine Scherben)
Rauch-Haus Song (Ton Steine Scherben)
— 2. Zugabe —
Der Traum ist aus (Ton Steine Scherben)
Junimond (Rio Reiser)

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