Konzert: 18.11.17 – Tanzt! – Backstage Werk, München

So kommet zuhauf und tanzet!

Das Tanzt! hat sich in den letzten Jahren zu einem auch überregional bekannten und geschätzten Mittelalter-Rock-Festival entwickelt und kann regelmäßig ausverkauftes Haus melden. Das Line-up ist immer eine hervorragende Mischung aus populären Publikumslieblingen und kleinen, feinen Nachwuchsbands und Spezialempfehlungen. Vor allem wegen der diesjährigen Spezialempfehlungen Nine Treasures aus der Inneren Mongolei und der Ungarn Dalriada zieht es mich daher dieses Jahr zum Tanzt!, das sonst nicht ganz so meinem Musikgeschmack entspricht. Aber bei diesen beiden Schmankerln und einem insgesamt hochkarätigen Programm, das eine großartige Stimmung im Backstage Werk verspricht, hat es mich dann doch gejuckt. Veranstaltet wird das Ganze wie immer von MRW Concert Promotion & Booking, was allein schon ein Gütesiegel für die Veranstaltung ist. Also, auf zu mongolischen Metallern, Freibeutern, Dudelsäcken und hoffentlich viel, viel Spaß!

Die erste Band des Tages, The Privateer, ist leider noch zu früh für mich, zum Glück für die Band nicht für das restliche Publikum, denn als ich um kurz vor vier im Backstage Werk eintreffe, laufe ich schon gegen eine Menschenwand. The Privateer dürften also vor einer ansehnlichen Kulisse das Festival eröffnet und die Halle mit ihrem energischen Heavy-Folk-Metal angeheizt haben.
DSC_3015Ich entere dann zu Fuchsteufelswild das erste Mal den proppenvollen Graben vor der Bühne und weiß erst mal gar nicht, wo ich hinsehen soll. Die Bühne ist voll, in jeder Ecke passiert etwas, und die Musiker sprühen alle vor Energie. Die 2014 gegründete Folk-Mittelalter-Rock-Band aus Regensburg wirft sich mit viel Spielfreude und Elan in ihren Auftritt, dessen optischer und stimmlicher Mittelpunkt Sänger Bastian Brenner und Sängerin Ella Zlotos sind – beide spielen natürlich nebenher auch noch unzählige andere Instrumente, ein Job allein wäre ja langweilig. Überhaupt ist die große instrumentale Vielfalt ein fetter Pluspunkt der Band, die immer wieder überraschende (Blechbläser!) Akzente setzen. Grundsätzlich wird hier aber grundsolider Folk- und Mittelalter-Rock geliefert, der Fans der großen Bands des Genres wie Subway to Sally oder Saltatio Mortis ziemlich sicher gefallen dürfte. Die Halle jubelt jedenfalls bei Songs wie „Weltenmeer“, „Wassermanns Fluch“ oder dem „Hafen der Seele“. Fuchsteufelswild machen also ziemlich viel richtig und heizen ihren Fans ordentlich ein.

DSC_3116Sehr viel interessanter wird es für mich persönlich dann allerdings bei Nine Treasures, die bereits letztes Jahr auf dem Free & Easy die Backstage Halle fachmännisch zerlegt haben (Circle Pit, Polonaise, alles dabei). Auf genau diese grandiose Stimmung freue ich mich auch heute wieder, außerdem natürlich auf die traditionellen Instrumente und die überaus freundliche Band. Die betritt mit kleiner Verspätung die Bühne, leider diesmal nicht in traditioneller Kleidung, aber mit viel Bock auf den Auftritt. „Let’s start a fucking party!“, fordert uns Sänger Ashkan auf, und ich bin sofort dabei. Ein Großteil des Publikums fremdelt allerdings etwas mit den Mongolen, entweder sind sie zu unbekannt, Mongolisch klingt zu fremdartig, oder sie sind zu brachial – denn die fünf gönnen uns tatsächlich kaum eine Minute Verschnaufpause, sondern knüppeln, geigen und riffen sich durch ihr Set (bei einem Song auch mit einem Gastmusiker, Mr. Tim?), dass mein Metallerherz sehr hoch schlägt. Zum Glück feiern die ersten Reihen Songs wie „Sonssi“ oder „Tes river’s hymn“ ordentlich ab, bis dann auch der Rest des Publikums sich anstecken lässt und bei „Wisdom eyes“ einen Circle Pit zustandebringt. Die Band bedankt sich ausführlich bei Veranstalter und Crew, dass sie hier spielen darf, und erzählt, wie schwer es für asiatische Bands ist, in Europa zu spielen. Ich schließe mich diesem Dank an, denn so waren Nine Treasures nun schon zweimal in München – feine Sache!

DSC_3341Ich freue mich danach einfach gleich weiter, weil ich die Ungarn Dalriada schon seit Jahren sehen will, und heute klappt es endlich. Die Band gibt es schon seit 1998, und sie hat sich mit ihrem ganz eigenen Mix aus ungarischer Folkmusik, ungarischen Texten zu Geschichte und Mythologie ihres Heimatlandes und ordentlich Metal einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Sehr folkloristisch in diverse Felle und Lederklamotten gekleidet (außer Sängerin Laura) betritt die Band dann auch die Bühne und legt gleich mitreißend und brachial los. Nach diversen Besuchen auf dem Tanzt!-Festival haben die Ungarn auch eine feste Fanbase, sodass die Stimmung im Publikum gleich euphorisch ist. Pausen werden uns keine gegönnt, höchstens in Form von Liedansagen von Zweitsänger und Gitarrist András Ficzek oder deutschsprachigen Anfeuerungen von Schlagzeuger Tadeusz Rieckmann. Ansonsten jagt eine Folk-Metal-Granate die nächste, richtig klasse sind da „Napom, fényes napom“, „Áldas“ oder „Ígeret“. Die Band präsentiert einen ordentlichen Querschnitt durch ihre bisherigen Alben, auch ältere Klassiker wie „Szent László 2.“ fehlen nicht. Laura wirbelt ohne Unterlass über die Bühne, lässt die hüftlangen blonden Haare fliegen, singt dabei noch astrein (auch wenn die Stimme etwas zu sehr in den Hintergrund gemischt ist), während die diversen Herren um sie herum ebenfalls eine fantastische und extrem souveräne Show abliefern. „Bórivók éneke“ beschließt dieses überaus kurzweilige und besondere Set, und ich bin sehr glücklich, nach so vielen Jahren Dalriada endlich mal gesehen zu haben. Wenn sie beim nächsten Mal noch „Hajdútanc“ spielen, wird’s perfekt!

DSC_3475Nach diesen Highlights wird es emotional für mich jetzt ein bisschen ruhiger, dafür wird das Publikum immer euphorischer, denn jetzt beginnt die Festivalhälfte mit den Stars, wegen der die meisten Leute hier sind. Bei Tanzwut wird die ohnehin kaum vorhandene Luft (irgendwo läuft auch die Heizung, uff) noch mal knapper, alles, was sich nicht vor dem mit großer Verspätung eröffneten Imbisswagen drängt (Wartezeit: halbe Stunde aufwärts), stapelt sich vor der Bühne. Der Teufel und seine Mannen eröffnen ihr Set äußerst stimmungsvoll im Stockdunkeln, nur einzelne Akzente in Form von mit Leuchtfarbe bemalten Masken und einer leuchtenden Gitarre werden zu „Freude schöner Götterfunken“ gesetzt. Ein klasse Einstieg, und als die Lichter angehen, darf auch ordentlich gerockt werden. Ich gestehe, kein wirklicher Fan der Band zu sein, aber hinter mir im Publikum bricht schon beim ersten Song die Hölle los, und das ist absolut beeindruckend. Tanzwut treffen genau den Nerv bei ihren Fans und präsentieren sich nach langen Jahren on the road natürlich auch ultraprofessionell auf der Bühne. Hier sitzen alle Bewegungen, alle Instrumente, alle Ansagen, alle Posen, ohne einstudiert zu wirken. Songs wie „Meer“, „Das Gerücht“, „Stille Wasser“ oder „Der Reiter ohne Kopf“ gehen sofort in Beine und Nacken, die Gitarren riffen, die Dudelsäcke tröten, und der Teufel hat alles im Griff. Alles in allem also ein beeindruckender Auftritt der Truppe und eine hervorragende Verpflichtung für das Festival.

DSC_3523Nach einem vergeblichen (aber dank nettem Stehnachbarn wenigstens kurzweiligen) Versuch, mir am völlig überlaufenen Imbissstand eine Stärkung zu organisieren, geht es gleich weiter mit dem Hexenkessel im Publikum, die bayrischen Lokalmatadoren Vroudenspîl entern in voller Besatzung die Bühne, die plötzlich ganz, ganz klein wirkt. Die im Moment siebenköpfige Truppe existiert bereits seit 2005, hat diverse Alben auf den Markt gebracht, nahezu jedes Tanzt!-Festival bespielt und sich ansonsten den Hintern abgetourt. Trotz regelmäßiger Mitgliederwechsel (erst letztes Jahr musste mit Don Santo ein neuer Sänger gefunden werden) ist man am Ball geblieben und kann jetzt auf beeindruckende Bühnenerfahrung und viele Gassenhauer zurückgreifen. Echte „Wiedergänger“ also, nicht unterzukriegen! Das Publikum honoriert dies und rastet gleich noch mal mehr als bei Tanzwut aus. Songs wie „In der Halle des Dattelschnapskönigs“, „Am Weltenrand“ oder „Reise nach Tortuga“ verbreiten Freibeuterfeeling, die Band ist hyperaktiv, überall auf der Bühne geschieht gleichzeitig irgendetwas, und nur Sänger Don Santos Stimme ist leider ein wenig zu sehr in den Hintergrund gemischt, sonst wäre das die perfekte Dröhnung für alle Freibeuter-Fans. Nebenbei wird noch die „Rebellion“ ausgerufen, „Kurs aufs Leben“ genommen und der „Plankentango“ getanzt. Eine runde Sache also, bei der das bis zur letzten Ecke gefüllte Backstage Werk die Band gnadenlos abfeiert.

Ob Saltatio Mortis danach die Stimmung noch mehr zum Kochen bringen konnten (ich vermute es mal, so gut angeheizt, wie das Publikum war), kann ich euch leider nicht mehr berichten, da ich nach Vroudenspîl das Festival verlassen musste. Der Tag war jedenfalls lang und kurzweilig, mit zwei Highlights für mich und noch viel mehr Spaß für das anwesende Publikum, das teils aus diversen Ecken Deutschlands, Österreichs und der Schweiz angereist ist. Das spricht für die elfte Auflage des Tanzt! und was die Veranstalter MRW Concert Promotion & Booking im Lauf der letzten Jahre hier aufgebaut haben. Das Line-up fürs nächste Jahr steht bereits zum Teil fest, und auch das liest sich wieder absolut hochkarätig: Folkstone, Ye Banished Privateer, Vroudenspîl, Troll Bends Fir, Koenix und Brachmond werden am 10.11.2018 das Backstage Werk zerlegen, und der Headliner ist noch gar nicht bekannt gegeben. Also, sichert euch früh Tickets!

 

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2: persönliche Meinung zum Tag

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch: für die überwältigende Stimmung in der Halle

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