Wir brauchen einen Arzt!

Nachdem ich bei Demented Are Go leider verhindert war, eröffnen dafür The Brains aus dem kanadischen Montreal den sonst mittlerweile schon traditionellen Psychobilly-Start ins neue Jahr und beweisen, dass man auch ohne neues Album einfach mal auf Tour gehen kann. Bislang sieben Alben und eine EP in der Diskographie der seit 2002 aktiven Band liefern ohnehin genügend Material für eine gute Show. Das Vorprogramm bestreiten Troublemaker’s Riot, die mir bislang noch nicht vor die Bühne gelaufen sind, obwohl sie aus München stammen und bislang drei EPs rausgebracht haben. Lassen wir uns also überraschen, was der Abend so bringt.

Mit leichter Verspätung öffnet der Club heute, es herrscht aber ohnehin kein großer Andrang. In der nächsten halben Stunde trudeln langsam die Besucher ein, und dann ist es Zeit für die Vorband Troublemaker’s Riot. Auf der kleinen Bühne geht es ganz schön eng zu, denn neben dem Schlagzeug sind außerdem noch ein breites Keyboard und sogar ein Klavier aufgebaut. Drummer Dave beginnt unvermittelt mit einem kurzen rhythmischen Solo, erst dann klettert Benni ans Klavier, gefolgt von Gitarrist Manu und Sänger Jo, während Pavel den großen Kontrabass links liegen lässt und zunächst zum E-Bass greift. Sophia, die laut Homepage die zweite Stimme beisteuert, fehlt heute leider. Jo begrüßt das Publikum: „Wir sind Troublemaker’s Riot. Schön, dass ihr alle da seid!“ Mit „Bury me“ und „Hey hey“ eröffnen sie ihr Set, musikalisch orientieren sie sich dabei an klassischem Rock ’n‘ Roll. Nachdem Pavel an den Kontrabass gewechselt ist, offenbart sich seine eigenwillige Spielweise, denn er steht dabei meist auf einem Bein und kniet mit dem zweiten auf dem Bass. Nun heißt es „Don’t trust a woman with a gun“, dabei steht Benni am Klavier sogar zwischendurch auf. Über „Daddy Yar“ kommen wir zu „Ich bin ein Mann“, bei dem Benni das Klavier sogar ganz im Stehen spielt. Das ist handwerklich alles gut gemacht, wirkt vom Sound her aber etwas beliebig, und irgendwie wirken Troublemaker’s Riot arg konzentriert auf mich.
Für „Eat you“ greift Jo wieder zur Gitarre und Pavel zum E-Bass. Der Song ist unerwartet psychedelisch, was normalerweise nicht unbedingt mein Ding ist, mir aber heute besser gefällt als der Rock ’n‘ Roll. Statt dem Klavier kommt hier ein zweites Keyboard zum Einsatz. „All I got“ geht noch deutlicher Richtung Sixties Beat, die Stimmung im Publikum steigt noch einmal deutlich und nicht wenige sind am Tanzen. Der Applaus ist am lautesten bisher, und Jo bedankt sich mit: „Dankeschön!“ Nach „Daddy Hip“ ruft Jo unvermittelt „I’ve got something to say!“, und schon singen alle begeistert das Misfits-Cover „Last Caress“ mit. Der Song ist gut gewählt und auch gut umgesetzt als beschwingte R’n’R-Nummer, besonders mit dem großen Kontrabass. Trotzdem wird er für den letzten Song „Old muddy trails“ noch einmal gegen den E-Bass ausgetauscht. Vorher macht Jo noch kurz Werbung für die nächste Show, die am 8. Februar in der Goldenen Rakete stattfindet. Pavel und Benni klatschen rhythmisch, so einige Zuschauer klatschen mit. Zum Schluss gibt es den verdienten Applaus, während sich die Band zum Abschied gemeinsam verbeugt. Die Jungs haben ihre Instrumente drauf, dennoch kamen die Sixties-Beat-Sachen deutlich besser an. Außerdem hat mich Jos Stimme nicht so richtig überzeugt, ich denke, Sophia hat einfach gefehlt bei dem Auftritt.
Spätestens in der Umbaupause wird klar, dass das Klavier nur getürkt ist. Als erstes werden die Tasten aka Keyboard entfernt, und dann lassen sich die Außenwände für den Transport auseinanderschrauben. Ein origineller und gelungener Umbau, denn wie viele Bands bringen schon ein Klavier auf die Bühne. Insgesamt zieht sich die Pause etwas, da The Brains für ihre Instrumente noch einmal einen kurzen Soundcheck durchführen müssen. Blöd, aber wichtig, denn für Psychobilly muss mehr Druck her, vor allem auf dem prägenden Kontrabass. Als ein Fan vorab die Setlist begutachten will, stellt Rene D La Muerte grinsend schnell einen Fuß drauf. Pech gehabt.

Irgendwann ist der Soundcheck aber auch erledigt, und danach gehen sie gar nicht erst noch von der Bühne. „Vindicta“ fungiert als Intro, gefolgt vom neuen Song „Satana Tarantula“, der auch das Motto der aktuellen Tour ist. Musikalisch sind sie gewohnt schwungvoll, agieren aber etwas zurückhaltend. Colin the Dead am Kontrabass sieht etwas blass aus, genau wie Rene, der seine Lederjacke noch nicht einmal ausgezogen hat. Nach „Hell n‘ back“ erklärt er nun auch warum: „We had some very bad food yesterday.“, und besonders Colin sei heute sterbenskrank. Er grinst zwar, meint dann dazu aber schon etwas gequält: „Yeah, if I shit myself on stage today I’m sold!“ Das sorgt natürlich für Gelächter im Publikum, auch wenn eine Lebensmittelvergiftung alles andere als witzig ist. Bezeichnend, dass er nicht einmal ein Bier anrührt, nur Phil the Beast an den Drums sieht aus wie das blühende Leben. „We’ll rise“, „Misery“ und „Six rounds“ bilden den nächsten Block. Rene schaut besorgt zu Colin und meint: „He’s really sick, but he still kills it on stage!“, was ihm natürlich extra Beifall einbringt. Nun erklärt Rene, dass „You’re dead“ zusammen mit Sarah Blackwood (damals bei The Creepshow, heute Walk Off The Earth) aufgenommen wurde, sie kann aber heute leider nicht dabei sein. Die Stimmung ist trotz Krankheit richtig gut, ebenso bei „Hellhounder“. Bei „Sweeter than wine“ steht Phil zwischendurch sogar von den Drums auf und animiert das Publikum, das nur zu gerne den Hit mitsingt. Das zaubert auch Rene ein Lächeln auf die Lippen: „Thank you! Here’s the next one, it’s a love song!“ Nun folgt natürlich DER „Love song“, eine schöne Coverversion von The Cure, die The Brains in ihrem ganz eigenen Psychobilly-Gewand präsentieren. Wieder singen viele mit, doch damit nicht genug. Rene fragt das Publikum: „So, who of you saw Brains before?“, und das sind dem Jubel nach die meisten. „Okay, then you know how to sing this!“ In der Tat, denn „More brains“ ist natürlich ein Klassiker, im Publikum bricht nun auch ein kleiner Wrecking Pit aus. Die drei auf der Bühne freuen sich sichtlich, und Rene erklärt nun: „This is a total new song called ‚Let’s do it all day'“, an den sich „Out in the dark“ anschließt.
Krankheitsbedingt müssen The Brains heute aber trotz der schönen Atmosphäre etwas kürzertreten: „Okay, we give you three more!“ Wieder kommt es zum Wrecking, denn bei „Take what I want“ nehmen sich die Fans den Platz, den es dazu braucht. Alle singen im Chorus mit, und es gibt lauten Applaus, während dem Colin mit ernstem Blick zur Sicherheit einen großen Kotzeimer auf die Bühne holt und sich entschuldigt: „I wish I was in tough shape to give you what you deserve!“ Im Film heißt es immer ‚Wir brauchen einen Arzt!‘ Da steigt tatsächlich ein Zuschauer auf die Bühne und steckt Colin ein Medikament zu, damit dieser sich wieder besser fühlt, und der packt es dankbar für später ein. Mit „Screaming“ folgt der nächste Hit, der ebenso begeistert aufgenommen wird, und Rene ruft: „I fuckin‘ love you guys!“ Auf dem Höhepunkt der Show folgt Colins Tiefpunkt, der erst mal Richtung Toilette rennt. Phil und Rene improvisieren zusammen daher erst einmal routiniert, bis Colin wieder einsatzbereit ist. Jubel brandet auf, als er erklärt: „You make me feel alright!“. Zum Abschluss folgt „Stay back“, doch als Rene sich schon verabschieden will, hält Colin ihn zurück: „We’ll do one more!“, und dafür setzen The Brains auf „Black Jack death bet“. Rene ruft der begeisterten Menge zu: „Thank you very much! I love you!“, und damit verschwinden die drei nun wirklich in hoffentlich erholsame Betten. Get well soon, guys!

Fazit: Great respect to The Brains, especially for Colin the Un-Dead! Sich trotz Lebensmittelvergiftung auf die Bühne zu stellen, das muss man denen erst mal nachmachen. Wer schon mal so eine Magen-Darm-Sache durchlebt hat weiß, dass man sich dabei kaum auf den Beinen halten kann, wenn man nicht gerade auf dem Klo sitzt. Die Jungs sind notgedrungen etwas bewegungsärmer unterwegs als gewohnt, um sich zu schonen, nehmen aber in musikalischer Hinsicht keine Rücksicht und rocken den Club, wie es sich gehört. Dass das Set leicht verkürzt wird, fällt überhaupt nicht auf. Die Vorband Troublemaker’s Riot lassen mich zwar etwas gespalten zurück, aber sie wissen zu spielen und sind insgesamt eine gute Warm-Up-Band. Mit mehr Shows werden sie sicherlich noch an Ausdruck gewinnen.

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Setlist The Brains:
Vindicta
Satana Tarantula
Hell n‘ back
We’ll rise
Misery
Six rounds
You’re dead
Hellhounder
Sweeter than wine
Love song
More brains
Let’s do it all day
Out in the dark
Take what I want
Screaming
Stay back
Black Jack death bet

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