CD: Isolation Berlin – Vergifte Dich

Ich brauche deine Kicks

Vergifte_dich_coverLange nicht mehr habe ich ein neues Album so herbeigesehnt, schon gar nicht von einem Zufallsfund bei YouTube, wie mir das vor zwei Jahren bei den 2012 gegründeten Isolation Berlin passiert ist. Einiges hat sich in der Zwischenzeit getan, es gab Features in großen Magazinen und durchweg positive Kritiken, und in der Folge einen regelrechten kleinen Hype in der Indie-Szene. Aber davon haben sich Tobias Bamborschke (Gesang und Gitarre), Max Bauer (Gitarre und Orgel), David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Schlagzeug) zum Glück nicht irritieren lassen. Und nun ist Vergifte Dich direkt auf Platz 30 in die Charts eingezogen, was mich dann doch überrascht hat. Höchste Zeit also für die Hörprobe.

Nur zwei Sekunden, dann haben mich Isolation Berlin mit „Serotonin“ bereits wieder in ihren schwermütigen Bann gezogen. Der Song ist wie eine Art deutscher Chanson, er hat mit seiner Orgelbegleitung auf mich eine nahezu hypnotische Wirkung und läuft erst mal direkt in Dauerschleife. Bereits beim zweiten Mal singe ich schon mit und könnte gleichzeitig dabei heulen. Aber es gilt ja noch mehr zu entdecken, und so läuft als nächstes der Titelsong „Vergifte dich“, der mit einer coolen Rhythmussektion punktet. Ein bisschen psychedelischer 70er-Einfluß, schräge Klänge und dazu die Stimme von Tobias sind die Zutaten für diese Indie-Hymne. Kurt Cobain sagte einst „I hate myself and I want to die“. Das Pendant dazu ist „Wenn ich eins hasse, dann ist es mein Leben“, das aber mitnichten nach Nirvana klingt. Ich fühle mich hier sehr stark an Ton Steine Scherben erinnert, sowohl musikalisch als auch textlich, und auch die Stimme von Tobias trägt deutliche Züge von Rio Reiser. Ein ausdrucksstarker Song mit Ecken und Kanten, nicht glattgebügelt wie so oft in der heutigen deutschsprachigen Musiklandschaft. Der Gesang bei „Melchiors Traum“ wird leicht genuschelt vorgetragen, gleichzeitig ist dies das ruhigste Stück, obwohl hier die Percussion dominiert. Gleich im Anschluss prägt zum Ausgleich die repetitive Gitarrenmelodie das ebenfalls ruhige „Vergeben heißt nicht vergessen“. Aber im Grunde genommen ist dies eine Gedichtvertonung, denn so wird der Fokus besonders auf den Text gelenkt. Einfach die Augen schließen und sich von der Melancholie entführen lassen.

Dass Post Punk auch auf Deutsch wunderbar funktionieren kann, beweisen Isolation Berlin wieder einmal mit „Marie“, das eine herrlich schwermütige Atmosphäre besitzt. Beim Refrain kann man sich davontreiben lassen. Mit einer zarten Gitarre beginnt „Antimaterie“, ganz vorsichtig entwickelt sich der Song, und auch als die übrigen Instrumente einsetzen, sind sie fast nur Beiwerk für die Stimme von Tobias. Ein zerbrechlicher Song, passend zum Titel. „In deinen Armen“ ist im Grunde genommen ähnlich angelegt, besitzt aber einige beschwingte Passagen und schließt mit einer einer kleinen Lärm- und Feedbackorgie. „Die Leute reden mir zu viel. Die Leute sagen mir zu wenig.“ heißt es in „Die Leute“. Die Botschaft ist musikalisch in ein repetitives Siebziger-inspiriertes Thema verpackt, bis Tobias seine Stimme fast schon panisch steigert und der Sound sich Richtung Noise entwickelt. Anschließend geht „Kicks“ schwer in die Beine, dazu kann man kaum stillhalten. Im ersten Moment dachte ich, das wäre Minimal, aber tatsächlich erzeugt die Gitarre diesen toll wabernden Sound. Hier ist ein starker NDW-Einfluß spürbar, mit Elementen von Post Punk bereichert, vor allem beim Bassspiel. „Mir träumte“ klingt, als ob hier eine Pedal Steel Guitar zum Einsatz gekommen ist, was dem Song ein unerwartetes Hawaii-Flair verleiht. Auch wenn Hawaii textlich keine Rolle spielt, löst das bei mir dieses Sehnsuchtsgefühl aus, das Hawaii-Musik typischerweise transportiert.

Fazit: Der eigenständige Indie-Rock von Isolation Berlin ist wie schon auf den Vorgängeralben sehr facettenreich und beinhaltet auch Chanson und Post Punk, Siebziger-Einflüsse und jede Menge Melancholie. Und – da komme ich nicht drumherum, auch wenn es die Band nervt – immer wieder klingen Ton Steine Scherben und Rio Reiser durch. Aber davon sollte sich weder Isolation Berlin noch der Hörer verunsichern lassen, sondern das als echtes Kompliment verstehen. Endlich ist jemand in der Lage, die Lücke, die seit dem Tod von Rio Reiser viel zu lange im deutschsprachigen Musikbereich klaffte, zu füllen. Isolation Berlin, ich brauche deine Kicks!

Anspieltips: Serotonin, Wenn ich eins hasse dann ist es mein Leben, Kicks

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Isolation Berlin – Vergifte Dich
Label: Staatsakt, 23.02.2018
CD 16,90 €, LP 18,90 € erhältlich über Staatsakt
Homepage: de-de.facebook.com/ISLTN.BRLN/
staatsakt.de/

Tracklist:
01 Serotonin
02 Vergifte dich
03 Wenn ich eins hasse dann ist es mein Leben
04 Melchiors Traum
05 Vergeben heißt nicht vergessen
06 Marie
07 Antimaterie
08 In deinen Armen
09 Die Leute
10 Kicks
11 Mir träumte

Tourdaten Bayern:
20.04.2018 Augsburg, Musikkantine
21.04.2018 Passau, Zeughaus
25.04.2018 Nürnberg, MUZclub
29.04.2018 München, Hansa39
30.04.2018 Regensburg, Alte Mälzerei

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