Konzert: 01.04.17 – Under the Black Moon 2017 – Backstage, München

Die volle Dröhnung

 

Ein Jahr vergeht schnell, und schon ist es wieder Zeit für das wie immer hochkarätig besetzte Under the Black Moon, das dieses Jahr schon in die dritte Runde geht. Wer sich für Stoner, Doom, Psychedelic und Retro Rock interessiert, kann hier überhaupt nichts falsch machen, die Mischung aus Münchner Geheimtipps und großen Namen zündet immer zuverlässig. Auch dieses Jahr wird’s wieder ein Großkampftag mit sechzehn Bands auf drei Areas, von denen die erste um halb fünf Uhr nachmittags schon auf die Bühne geschickt wird. Da heißt es also, zeitig unterwegs sein, vorher noch mal in den Erinnerungen ans letzte Jahr schwelgen und sich auf eine geballte Ladung Gitarrendröhnung freuen.

DSC_5399Dank der ultralangen Schlange am Einlass, in der man zwar schnell ins Gespräch kommt, aber sich auch ordentlich die Beine in den Bauch steht, müssen Swan Valley Heights um halb fünf tatsächlich recht einsam das Festival eröffnen, und auch bei Godsground kurz darauf hat quasi noch niemand den Weg ins Werk gefunden. Sehr schade, denn Godsground aus München servieren eine verdammt gute Stoner-/Grunge-Rock-Mischung, die sofort ins Ohr und in den Nacken geht. Der Vierer, bestehend aus Tom am Gesang, Gregor am Bass, Johannes an der Gitarre und Ronnz an den Drums, hat bereits zwei Veröffentlichungen vorzuweisen (The golden age, Mosquitoes (EP)), die beide über die Bandcampseite erhältlich sind. Mir gefallen besonders die Melodien und der kräftige, klare Gesang, und ich freue mich sehr, als dann nach und nach doch ein paar Zuschauer den Weg vor die Bühne finden und damit den Auftritt etwas abrunden. Godsground – im Auge behalten!

DSC_5490Danach flitze ich schnell rüber in die Halle, um die ebenfalls aus München stammenden, schon seit vielen Jahren aktiven Van Drunen zu sehen. Mein letzter Auftritt von ihnen liegt einen zweistelligen Jahresbetrag zurück, aber ab dem ersten Ton weiß ich wieder, warum mich das damals sehr beeindruckt hat. Ultrabrutaler Gesang von Eric und Roland van Drunen, dröhnende Riffs, ein tighter Rhythmusteppich, mal schleppender, mal aggressiver Sound – das geht ganz tief in die Magengrube. Man merkt der Band ihre jahrelange Routine an, das Material (Songs wie „Mallory Knox“, „Anus Messiah“ oder „Vulva“) wird mit lässiger Brutalität runtergezockt, die eine wahre Freude ist. Ein sehr schwer verdaulicher Soundbrocken so früh am Abend, der ordentlich gefüllten Backstage Halle gefällt’s, mir auch. Daumen hoch!

 

DSC_5522Schnell geht’s zurück ins Werk, wo die sicher mit Abstand dienstälteste Band des Abends gleich auf der Bühne stehen wird: Angel Witch. Ja, genau, DIE Angel Witch von Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger. Hier steht also gleich eine echte NWOBHM-Ikone vor uns, und angemessen aufgeregt sind auch die ersten Reihen vor der Bühne. Der Rest des sich schnell füllenden Werks registriert die scheinbar alterslosen Engländer zumindest sehr wohlwollend, die ihren klassischen Heavy Rock entspannt und routiniert vortragen. Das einzige verbliebene Gründungsmitglied, Kevin Heybourne, am Mikro klingt tatsächlich immer noch so wie früher, und mit Songs wie „Sorcerers“ oder „White witch“ fühlt man sich schnell zurückversetzt in die Anfänge modernen Heavy Rocks und Metals (auch wenn man selbst damals noch Unfug im Kindergarten trieb). Ein solider Auftritt der Band, um die es zwischen 1986 (Frontal assault) und 2012 (As above, so below) sehr still war und die auf der aktuell laufenden Tour mit Electric Wizard sicher vielen langjährigen Fans Freudentränen in die Augen treiben dürfte.

DSC_5630Danach fällt mir die Entscheidung schwer: cult of the BLACK MOON RISIN‘ in der Halle oder Dune Pilot im Club? Ich entscheide mich, zuerst mal wegen Fotos und der charakteristischen Räucherstäbchen- und Kerzenwachsschwaden zu den Münchner Okkultrockern Nummer eins zu gehen – gerade der Anfang ihrer Auftritte ist wirklich immer etwas Besonderes. Bennie Tourette und seine Mannen sind Stammgäste auf dem Under the Black Moon, und was bei anderen Festivals vielleicht sogar etwas einfallslos wirken könnte, ist hier einfach angenehme Kontinuität. Auch dieses Jahr werde ich nicht enttäuscht, die Band versteht es, mit einfachen Mitteln (Räucherstäbchen, Kerzen, ein Ventilator und große Posen) und exzellenter Düster-/Okkultrockmucke eine wirklich einzigartige Atmosphäre zu schaffen. Schweren Herzens reiße ich mich nach der Hälfte los, um meinen Berichterstatterpflichten nachzukommen und auch Dune Pilot zu berücksichtigen. Allein – man lässt mich nicht. Der Club ist dermaßen gesteckt voll mit Leuten, dass ich an der Eingangstür gegen eine massive Wand laufe (und ich denke nicht, dass das nur solche waren, die den Zugang verstopfen, und vor der Bühne herrscht dann gähnende Leere – hat man ja leider auch mal), ein bisschen verzweifelt den Kopf recke, um wenigstens irgendeinen Eindruck vom Auftritt zu bekommen und schließlich resigniert aufgebe. Schade, denn was da aus dem kleinen Club wummert, ist hervorragender klassischer Stoner Rock. Daumen hoch also für Dune Pilot, die, so scheint es, verdient abgeräumt haben. Ich schaue mir stattdessen dann noch schnell den Rest von cult of the BLACK MOON RISIN‘ an, lasse mich noch mal in die psychedelischen Siebziger entführen, um dann gleich darauf im Werk mit Samsara Blues Experiment weiterzumachen.

DSC_5721Samsara Blues Experiment ist eine der Bands, die schon seit Jahren an meinem musikalischen Horizont herumwabern, mit denen ich mich aber bisher noch nie ernsthafter beschäftigt habe. Ein grober Fehler, das wird mir schon nach den ersten bluesig-stoneig-psychedelischen Klängen klar, mit denen das Trio mit unerbittlicher Wucht das Werk zum Beben bringt. 2007 in Berlin gegründet, hat die Band seither ihre Fangemeinde stetig vergrößert, durch drei exzellente Alben, internationale Tourneen und auch Auftritten auf dem renommierten Roadburn Festival in Tilburg. Christian Peters, Hans Eiselt und Thomas Vedder zelebrieren ihre ganz eigene Version aus Stoner, Psychedelic, Blues und einigen folkloristischen Einflüssen, die weitestgehend instrumental gehaltenen Songs reißen von Anfang an mit, und je länger man zuhört, desto weiter weg ist man plötzlich. Ganz, ganz großes Kino, wer die Band noch nicht kennt, sollte das schnellstens nachholen beziehungsweise die Augen nach dem neuen Album One with the universe aufhalten. Das sehr gut gefüllte Werk ist derselben Meinung und jubelt euphorisch. Starker Auftritt!

DSC_5759Kurz schaue ich dann noch in den Club, um mir die Münchner Braindead Wavelength anzusehen, die mir musikalisch grundsätzlich gefallen, aber noch nicht ganz zu wissen scheinen, wo die musikalische Reise hingehen soll. Grunge, Metal, große Melodien – da ist viel Gutes dabei, und vor allem die Stimme von Sänger Ben gefällt mir wirklich gut, insgesamt ist da aber noch Luft nach oben. Macht aber auch gar nichts, die Band ist ja erst am Anfang, hat mit Druid stomp letztes Jahr ihr erstes Album vorgelegt und wird ihren Weg sicher noch finden. Dem Publikum im leider recht leeren Club gefällt’s, einige Zuschauer nutzen den Platz vor der Bühne und versuchen sich an so etwas wie einem recht luftigen Moshpit (ein wenig auf seine Mitmenschen schauen hätte man allerdings können) – Stimmung ist garantiert. Ich werde Braindead Wavelength auf jeden Fall mal im Auge behalten, die Ansätze sind definitiv vielversprechend.

DSC_5801Dann muss ich allerdings sehr schnell in die Halle, denn die Band, auf die ich mich im Vorfeld am meisten gefreut habe, steht hier gleich auf der Bühne: Pristine aus Norwegen. Bands aus dem (erweiterten) skandinavischen Raum haben bei mir sowieso schon mal einen Herkunftsbonus, überzeugen aber auch regelmäßig immer wieder durch ihre Wahnsinnsqualität. So auch Pristine: Vom ersten Ton an hat die Truppe um die unglaubliche Sängerin Heidi Solheim die Meute fest im Griff. Tempo, Blues, Funk, Soul, Rock ’n’ Roll, eine große Stimme, große Posen – hier stimmt alles, und schon beim ersten Song tobt es um mich herum. Gebannt verfolgt das Publikum die wild herumwirbelnde rote Mähne von Heidi, die exzellenten Riffs des arschcoolen Gitarristen mit Sonnenbrille, der auch sehr nette psychedelische Geräusche aus einem Kästchen am Bühnenrand zaubert, und die Taten der anderen Bandmitglieder. Ein musikalischer Vulkan explodiert auf der Bühne. Pristine kommen aus Tromsø im hohen Norden Norwegens und existieren seit 2006, haben drei hochgelobte Alben herausgebracht (Detoxing, No regret, Reboot) und bereits in Memphis beim International Blues Challenge abgeräumt. Die Band weiß also, was sie tut, und das merkt man. Es ist wirklich toll, Heidi auf der Bühne zuzusehen, wie mühelos sie mit ihrer gewaltigen Rockröhre das Geschehen beherrscht, wie natürlich sie auf das Publikum zugeht, wie sehr die Band in ihrem Sound aufgeht. Ganz, ganz toller Auftritt und jetzt schon mein Highlight des Tages.

DSC_5901Beim darauf folgenden Abstecher in den Club werde ich sehr positiv überrascht: Elephants from Neptune (irgendwer wird sich was gedacht haben bei diesem Namen, und wenn nicht, macht es auch nichts) überzeugen mich mit ihrem sehr guten Heavy-Blues-Rock, der arschtight heruntergezockt wird. Der Vierer aus Võsu in Estland (da wäre er wieder, der erweiterte skandinavische Raum) absolviert auf dem Under the Black Moon seinen ersten Auftritt in Deutschland, und ich hoffe, dass dem noch viele weitere folgen werden. Ihr „Sex Rock“ (Eigenbeschreibung auf der Facebook-Seite) zündet nicht nur bei mir, sondern auch beim amtlich gefüllten Club. Die Band erfindet das Rad nicht neu, macht ihre Sache aber ausnehmend gut und mitreißend. Tolle Entdeckung!

DSC_5961Ganz kann ich mir die neptunischen Elefanten leider nicht anschauen, denn die wahrscheinlich wichtigste Band des Festivals steht gleich auf dem Zeitplan: Mantar werden das Werk zerlegen. Und genau das tun sie dann auch. Wie immer stehen/sitzen sich Hanno und Erinç mit weitem Abstand auf der Bühne gegenüber, auch wenn Hanno sich oft dem Publikum zuwendet. Wenn er sich nicht gerade hinter diversen Lautsprechern und Gerätschaften verschanzt und sich die Seele aus dem Leib brüllt. Mantar spielen eine hochaggressive Mischung aus Black Metal, Punk, Crust und Doom, gepaart mit den wahrscheinlich kränksten Vocals, die man seit langem gehört hat. Allein mit Stimme, Gitarre, Drums und einigen Effekten kreieren die beiden einen alles niederwalzenden Sound, der im bis weit nach hinten gefüllten Werk hervorragend ankommt. Zwei Alben und eine EP hat das Duo bereits veröffentlicht (Death by burning, Ode to the flame, The spell), mit dessen Material das Publikum zum großen Teil vertraut zu sein scheint. Mantar räumen als mit Abstand härteste Band des Abends richtig ab und ernten verdienten Jubel.

DSC_6013So langsam lässt die Kondition ein wenig nach, Kopf und Ohren sind übervoll mit Eindrücken, Riffs und Melodien, aber schlappmachen gilt nicht, denn es warten mit den 1000Mods aus Griechenland und später Electric Wizard noch zwei absolute Hochkaräter des Festivals. 1000Mods ziehen mächtig Zuschauer in die Halle, die vordere Hälfte scheint aus beinharten Fans zu bestehen, die das Quartett gewaltig abfeiern. Die Mischung aus Psychedelic und Stoner ist aber auch fein, macht ordentlich Dampf und lässt die Halle erbeben. Seit 2006 gibt es 1000Mods bereits, auf zwei EPs und drei Alben haben sie es bisher gebracht, und man darf gespannt sein, was da noch so alles kommt.

 

DSC_6065Danach werden die wirklich allerletzten Kräfte für die mighty Electric Wizard mobilisiert, die es tatsächlich schaffen, alle bisher gehörten großartigen Bands noch mal mit einer Beiläufigkeit zu übertrumpfen, die sich gewaschen hat. Die 1993 gegründeten Electric Wizard können auf acht Studioalben zurückblicken, von denen Come to my fanatics… und Dopethrone zu absoluten Genreklassikern zählen. Tonnenschwer walzen sich die Riffs durch das Werk, tatsächlich sogar zu laut und zu verdröhnt, das hätte man besser einstellen können. Der Faszination, die von diesen musikalischen Druckwellen ausgeht, tut das allerdings keinen Abbruch. Was Sänger Jus Osborn, Gitarristin Liz Buckingham und die Bandkollegen Clayton Burgess und Simon Poole hier mit einer beispiellosen Entspanntheit abliefern, ist ein großes Doom-Spektakel. Das Publikum hat sich auch noch in erfreulich großer Zahl aufgerafft und huldigt dieser wichtigen Band bis weit nach Mitternacht. Ich muss auf die letzten Songs verzichten, die S-Bahn ruft, und stehen kann ich langsam auch nicht mehr.

Als Fazit lässt sich aber sagen: Geil war’s wieder! Für Fans von Stoner, Doom, Psychedelic und Retro ist das Under the Black Moon wirklich unverzichtbar geworden. Wie die letzten Jahre hat die Mischung aus einheimischen Newcomern/Urgesteinen und größeren internationalen Namen und fantastischen Neuentdeckungen auch an diesem Samstag wieder hervorragend funktioniert. Mein Highlight waren eindeutig Pristine, dicht gefolgt von der Neuentdeckung Elephants from Neptune; generell haben alle Bands ihr Bestes gegeben, wurden angemessen bejubelt, und mit 1000Mods und Electric Wizard haben die Veranstalter zwei alles andere als alltägliche, aber sehr, sehr gute Headliner ausgewählt. Leider habe ich es nicht zu allen Bands geschafft: Swan Valley Heights, Taming the Shrew, High Fighter, Dune Pilot und Mother’s Cake haben ebenfalls gespielt, ihr Publikum sicher begeistert und sollen daher nicht unerwähnt bleiben.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass etwas weniger Besucher als im letzten Jahr da waren, was mich persönlich aber gar nicht gestört hat, voll genug war es immer noch. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe des UTBM!

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