Konzert: 25.10.19 – The Quad: Iris + Page + Cryo + Kårp – Sticky Fingers, Göteborg (SE)

Schwarzes Bayern goes Skandinavien! Aufmerksame Leser*innen wissen ja von unserer Skandinavienaffinität (nicht zu vergessen die Berichte von unserer in Norwegen lebenden Korrespondentin ankalætha), und wir freuen uns sehr, Gwen als weitere Berichterstatterin aus dem hohen Norden – oder in Zukunft vielleicht auch aus Österreich – begrüßen zu dürfen. Välkommen!

4 x 4 = Synth!

Wenn Sebastian Hess und Henrik Wittgren eine Veranstaltung in Göteborg arrangieren, weiß man: Das wird ein Spaß. Sogar dann, wenn man als Freiwillige zum geordneten Ablauf des Festivals beiträgt. Gemeinsam mit einer lieben Freundin, Em, darf ich diesmal Merchandise verkaufen. Leider hat das auch zur Folge, dass man bei den Bandauftritten eher nur halb hinhören kann, weil man die meiste Zeit anderweitig beschäftigt ist. Für eine nicht ortsansässige Freiwillige beginnt der Arbeitsabend meistens mit Einchecken im Hotel oder Couchsurfen bei Freunden. Sebastian und Henrik sind so serviceorientiert, dass sie oft auch die Hotelbuchung organisieren bzw. allen Gästen ein Hotel in Veranstaltungsnähe zu vergünstigten Konditionen anbieten können. Diesmal wurde es das Hotel Flora, das mit der Straßenbahn vom Hauptbahnhof in wenigen Minuten erreichbar ist. Vom Grönsakstorget kommt man gemütlich zu Fuß zum Club.

Flyer-QuadNeben Musikens Hus und dem Brewhouse, in dem Ende August zum Beispiel Hatari, De/Vision, S.P.O.C.K. und Ashbury Heights aufgetreten sind, ist das Sticky Fingers ein zentraler Anlaufpunkt für Synth-Liebhaber in Göteborg. Strategisch günstig gleich daneben platziert ist übrigens Musik utan Gränser, kurz MUG, bei dem man als Musiker gut mit allerlei Bedarf und Beratung versorgt wird. Das Sticky Fingers hat vor einiger Zeit den Besitzer gewechselt, und die kleinere der beiden Bühnen wird aktuell nicht bespielt.
Folgt man den Treppen hinauf zur größeren Bühne, erreicht man zunächst das Parterre, das aus Publikumsicht auf die Bühne links von der Garderobe, nach hinten von der Bar und rechts von einem langen roten Vorhang begrenzt wird. Darüber befindet sich ein Balkon, der die linke Langseite, in deren Vertiefung ein kleiner Sitzbereich mit kleinerer Bar liegt, und die Breitseite vis-à-vis der Bühne umfasst. Diese kleinere Bar wurde zum Merch-Stand umfunktioniert. Falls jemand von euch einmal Merch verkaufen möchte, gebe ich hiemit meine Weisheiten weiter:

SB_Merch1. Seid mindestens eine halbe Stunde vor den ersten Gästen vor Ort.
2. Bewahrt die Merch-Vorräte außerhalb der Reichweite der Gäste auf.
3. Strichlisten erleichtern das Leben enorm. Fotografiert diese am Ende des Abends ab.
4. Klebt lose Gegenstände gegebenenfalls z. B. mit Gaffa an. Diese haben ansonsten die unangenehme Eigenschaft, gerne Füße zu bekommen und wegzulaufen.
5. Arbeitet wenn möglich in Teams zu zweit, damit eine/r von beiden aufs Klo gehen, Essen und Trinken bringen oder eine Viertelstunde lang die Show der Lieblingsband sehen kann.
6. Für Bands: Bringt immer Merch mit, irgendjemand fragt immer danach! T-Shirts, die neueste CD und limitierte LPs verkaufen sich am besten.
7. Für Konzerte in Schweden und BesucherInnen aus dem Ausland: Nehmt Bargeld in SEK mit oder sucht euch schwedische FreundInnen mit Swish (die App, bei der man Geld mit einem Fingerwisch überweist), die den Betrag für euch auslegen können. Im vermeintlich bargeldlosen Schweden wird Merchandise immer noch gegen Bargeld oder mittels Swish verkauft, Kreditkarten hingegen nicht wie sonst überall akzeptiert.
8. Nehmt einige Kleiderbügel zum Aufhängen von T-Shirts mit.
9. Schreibt gut lesbare Schilder und/oder Aufkleber mit den jeweiligen Artikelnamen und Preisen.
10. Stellt sicher, dass ihr genug Wechselgeld habt.

SB_Kårp_Krichan-photoKårp, die als Erste auftreten, haben sich leider nicht an Merchweisheit #6 gehalten. Die Formation aus Göteborg gibt es aber auch erst seit Oktober 2017, als die Single ”Therapist^2” veröffentlicht wurde. Mitte April 2019 kam Album I heraus, das man sich u. a. auf Bandcamp anhören kann. Die Band selbst nennt ihre Musik ”Todesdisco”, wird in den Synthmagazinen des Landes aber auch gerne mit Akte X, UFOs oder auch Lykke Li assoziiert. Live wird die Sängerin Anna-Maria Lundberg von einem E-Gitarristen mit golden glänzender, astronautenähnlicher Maske sowie den anderen beiden Mitgliedern der Formation am Keyboard/Laptop/Bass unterstützt. Sie hat eine tolle, warme Live-Stimme, die auch im Duett gut zur Geltung kommt. Das Publikum ist noch eher verhalten, aber gut gelaunt. Wer spacige und dennoch tanzbare Songs mag, die nahe an der Grenze zum Mainstream sind, wird mit Kårp viel Freude haben.

Krichan-CryoAuch die zweite Band hatte keinen langen Anreiseweg. Cryo haben Anfang Juli 2019 auf Torny Gottbergs eigenem Plattenlabel Progress Productions (mit Labelkollegen wie SPARK!, Kite, Henric de la Cour und Agent Side Grinder) ihr aktuelles Album The fall of man herausgebracht, existieren aber schon seit 1992. Die Musik ist schwerer, dunkler und kann vereinfacht als Industrial EBM umrissen werden. Auch die Videoprojektionen passen dazu: Monochrome Filme in Sepia, grüne Signalkurven auf schwarzem Hintergrund und andere Filmsequenzen verstärken den Auftritt. Ein besonderer Anblick ist die Mikrofonstange, die hellblau oder grün fluoreszieren kann. Wenn Torny ins Mikrofon schreit, mit Martin im Duett singt oder auf Drumpads schlägt und Martin mit der Mikrofonstange herumturnt, sind alle mitgerissen. Bewegung, Vocoder, voller Einsatz – das Publikum tanzt mehr und mehr mit. Wir am Merch merken das auch: Die auf 200 Stück limitierte LP des neuen Albums und die Band-Shirts gehen weg wie warme Semmeln.

Krichan-PageWenn ihr zu denjenigen gehört, die gerne Schwedisch mit Songtexten lernen, sei euch Page empfohlen, die anders als die meisten anderen Bands ihre Texte konsequent auf Schwedisch schreiben. Eddie Bengtsson und Marina Schiptjenko werden nicht ohne Grund gerne als Taufpaten des schwedischen Synthpops betitelt, da sie u. a. Elegant Machinery und S.P.O.C.K. inspiriert haben. Zwischen 1998 und 2010 gab es eine längere kreative Schaffenspause, aber danach meldeten sich Page zurück. Vor einem Neonschild mit den Lettern ”Page” im Stil des 2019er Albums Fakta för alla, das ausgezeichnete Rezensionen bekommen hat, singen und spielen Eddie und Marina klassischen Synth, der einen direkt an die 80er Jahre erinnert. Positive, tanzbare Songs teils mit orgelähnlichem Charakter fügen sich zu einem einheitlichen Ganzen. Die Favoriten des Publikums sind teilweise aber schon wesentlich älter, wie zum Beispiel ”Stulen kyss” aus dem Jahr 1991. Vom linken Balkon aus bietet sich ein wunderbarer Anblick: lauter fröhliche Menschen, die ausgelassen zu Page tanzen. Wer kann, sollte sich das Duo live nicht entgehen lassen.

Krichan-IrisDen Abschluss des Abends machen Iris aus den USA, die bei Dependent unter Vertrag sind. Sie haben sich ebenfalls nach einer längeren kreativen Pause mit ihrem 2019er Album Six zurückgemeldet. Man hört, dass Reagan Jones und Andrew Sega bei manchen Songs stilistisch in Richtung Erasure/Depeche Mode gehen. Zur eingängigen Textzeile ”I won’t be silent anymore” passt, dass Iris ihr neuestes Werk als ”Satelliten, der nach langer Stille wieder sendet” betrachten. Der Sound ist synthig und rockig, mit klaren Anleihen bei den 80ern und eingängigen, aber nicht ”billigen” Melodien. Reagans überzeugende Live-Stimme erhebt sich über schöne Bassharmonien und wird zum Beispiel um glockige Höhen ergänzt, während der Sänger und seine zwei Live-Bandmitglieder an der Gitarre bzw. am Keyboard halb in den Wolken der Nebelmaschine verschwinden. Die Stimmung ist ausgezeichnet, und alle Gäste, mit denen ich mich unterhalten habe, sind unisono von der Darbietung begeistert. Nach der Show habe ich das Vergnügen, noch kurz mit Reagan zu plaudern und der Band eine gute Weiterreise und viel Erfolg auf der Deutschlandtour zu wünschen.

Zwischen den Acts und zum Abschluss der Party spielt Henrik a.k.a. DJ Wittgrenstein eine nuancierte Mischung aus alten und neuen Hits, darunter ein Remix von Sturm Cafés ”Scheissnormal”, Machinistas ”Molecules and carbon”, aber auch ”I hate Berlin” von Second Decay und ”My protector” von Mesh. Während die Enthusiasten die Tanzfläche in Beschlag nehmen, beginnen Em und ich, das Merchandise zusammenzupacken. Draußen regnet es – deshalb ist ein in der Nähe des Clubs gelegenes Hotel in Skandinavien allgemein sehr vorteilhaft. Am nächsten Tag plaudere ich mit Martin von Cryo und Sebastian beim Frühstück. Ein kritischer Punkt der schwedischen Synth-Szene ist, dass viele lokale Aktivitäten an ein paar Schlüsselpersonen hängen und es wenig Nachwuchs gibt. In Österreich sieht es meines Wissens nach eher noch schlechter aus, aber zumindest am guten Willen der Bands würde es nicht scheitern. Bis dahin muss ich allerdings wohl noch öfter in Schweden auf Konzerte gehen …

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Vielen herzlichen Dank an Krichan Wihlborg für die Bilder! Schaut gern auf Facebook auf seiner Fotoseite vorbei, es lohnt sich. Tack, Krichan, för att vi fick använda dina bilder! 

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