Tanzt, ihr Narren, tanzt!

15 Jahre Tanzt! Was einst als kleine Untergrundveranstaltung begann, hat sich schon vor vielen Jahren zu einem DER wichtigen Events für Mittelalter- und Folkrock entwickelt. Große Namen der Szene geben sich hier von Jahr zu Jahr die Klinke in die Hand, und viele Bands kommen immer wieder gern irgendwann Mitte November ins Münchner Backstage, um die Meute zum Tanzen zu bringen. Wer das eintägige Festival schon mal besucht hat, weiß, wie viel Freude und Energie den ganzen Tag in der Luft liegen (neben eifrig in die Höhe gereckten Trinkhörnern natürlich). Zum Jubiläum haben die Veranstalter wieder ein hochenergetisches Paket aus sieben Bands geschnürt, die von nah und fern nach München geeilt, gesegelt oder auch geflogen sind, um uns in ferne Welten zu entführen.
DSC_5563Leider bleibt auch das legendäre Tanzt! nicht von den aktuellen Unwägbarkeiten in Sachen Ticketverkäufen verschont, ein bisschen leerer als früher ist das Backstage Werk schon und wird auch im Lauf des Abends nicht den Füllstand von vor dem bösen C erreichen. Wer allerdings anwesend ist, will heute unbedingt feiern und gemeinsam Spaß haben, und das merken auch die Opener Corvidae, die um kurz nach drei das Festival eröffnen, nachdem Brachmond kurzfristig ihren Auftritt haben absagen müssen. Der siebenköpfige Rabenschwarm ist aus dem fernen Frankenlande herbeigeflattert, um seine Geschichten mit viel Dudelsackpower, ordentlichen Metalriffs und massig Spielfreude unters Volk zu bringen. Das funktioniert auch ganz hervorragend, auch kleine „Motivationslöcher da vorne“, die Sänger Dr. O mit scharfem Blick ausmacht, werden schnell gestopft. Bei der Androhung „Das hier ist ein Mitmachkonzert, und je weniger ihr mitmacht, desto mehr müsst ihr beim Ausgang zahlen“, fügen sich alle und rufen brav nach dem „Klabautermann“, der auch prompt mit Dudelsack und Pumuckl-Gedächtnisperücke über die Bühne hüpft. Andere Mitmachspielchen klappen mal schlechter, mal besser – zum Beispiel das Teilen des Meeres/Publikums, „so moses-technisch“, samt Zuteilung von Schlachtrufen, und die Band macht wirklich unermüdlich Stimmung auf der Bühne. Nach einem Ausflug in die nordische Götterwelt mit „Tyrs Schwur“ lassen sich Corvidae mit „Alles was bleibt“ von den Fans feiern, denen der grundsolide Mittelalterrabenmetal mit hohem Eingängigkeitsfaktor gebührend eingeheizt hat.

DSC_5763Temporeich geht es mit Storm Seeker weiter, der wilden Freibeutermeute aus Düsseldorf/Neuss, die mit lauten Sprechchören frenetisch empfangen wird. Breit grinsend erklären uns die fünf Pirat*innen, „How to be a pirate“, und nachdem das geklärt ist, steht einer rasanten Show mit hohem Mitgröl- und Spaßfaktor nichts mehr im Weg. Frontpirat Timothy führt im feinen Zwirn und mit viel Energie durch das Set, lobt zwischen den Songs das Publikum – „Wir brauchen eigentlich keine Show, ihr seid Show genug!“ –, freut sich über ein von Keyboarder Tim gebrachtes Bier und noch mehr, dass auf sein inniges „Prost ihr Säcke!“ ein genauso inniges „Prost du Sack!“ erschallt. In Oberhausen zwei Tage vorher habe man das irgendwie nicht so witzig gefunden, was großes Gelächter hervorruft. Neben Späßchen gibt’s aber auch ordentlich Musik auf die Ohren, äußerst schwungvollen Folk-Metal, mit Flöten und Hurdy Gurdy aufgemischt von Piratin Fabi. „Pirate squad“, „Naval hitchhike“ oder „Row row row“ – bei dem die halbe Halle brav auf dem Boden sitzend das Schiff rudert – gehen hervorragend in den Nacken und die Beine, und dementsprechend ausgelassen ist auch die Stimmung im Raum. „Kommt ins Backstage, da ist’s geil, hat man uns gesagt!“, strahlt Timothy, und die gesamte Band freut sich sichtlich über die euphorischen Reaktionen. Vor dem letzten Song „Chop the head off“ reißen wir alle brav Hände oder Haken in die Höhe für das obligatorische Band-vor-Publikum-Jubelfoto, und irgendwie ist dieser Auftritt verflixt schnell rumgegangen.

DSC_5817Genauso rasant und freudestrahlend wird es bei den nachfolgenden Koenix aus der Schweiz, die uns 2018 schon mit ihrem hypnotischen und fröhlichen Mittelalter-Alpenfolk verzaubert haben. Großteils instrumental gehalten, mit vielen Trommeln, Pfeifen und Dudelsäcken reißen die Songs der auf mittlerweile fünf Mitglieder angewachsenen Truppe – Ariel Rossi (den Gothen unter uns von The Beauty of Gemina bekannt) sorgt jetzt für Höchstleistungen an der Gitarre – vom ersten Moment an mit. Nicht nur ich habe mich anscheinend nach dem Auftritt gesehnt, denn vor der Bühne ist es auf einmal ganz schön eng, und alles hüpft ab den ersten Tönen von „Urzyt“, dem Opener des neuen Albums Eiland, von dem es natürlich noch ein paar andere Tracks zu hören gibt („Eiland“, „Fuchur“, „Mondsucht“). Die Band freut sich auch sehr, wieder auf dem Tanzt! zu spielen und hat offensichtlich ihren eigenen, sehr textsicheren Fanclub mitgebracht, der die erste Reihe aufmischt. Schön! Bei dem bezaubernden „Etre sur soleure“ wird allgemein geschwelgt, außerdem erfahren wir, dass man sich nicht mit Gletscherweiblein einlassen darf, erliegen der „Mondsucht“, gratulieren Drummer Philipp zum Geburtstag und tanzen den „Dampfwalzer“ (was einige im Publikum tatsächlich machen, nämlich Walzer tanzen). Ansonsten heißt es hüpfen, singen, tanzen, springen und sich von den über die Bühne wirbelnden Musikern und der spielerischen Leichtigkeit, mit der zwischen diversen Flöten, Drehleier, Dudelsack, Sitar (!) und Trommeln gewechselt wird, mitreißen zu lassen. Koenix sind eine Macht  und schon seit vielen Jahren festes Inventar der Medeltidsvecka auf Gotland, einem einwöchigen Mittelalterspektakel in der historischen Altstadt von Visby. Spätestens jetzt weiß man, warum. Ein großartiger Auftritt, der viel zu früh endet.

DSC_5970Im Anschluss daran kommt Veranstalter Michael Sackermann von MRW Concerts auf die Bühne und bedankt sich bei allen Weggefährt*innen, die ihn und das Tanzt! seit fünfzehn Jahren begleiten, erzählt von den Anfängen und welche Rolle Vroudenspils erster Sänger Ratz bei der Gründung des Festivals gespielt hat, und dass es – juchu! – nach zwischenzeitlichen Zweifeln doch mit dem Tanzt! weitergehen wird. Das sind schöne Nachrichten, und topmotiviert stürzen wir uns in den Gig der nächsten Band, Dalriada aus Ungarn.

DSC_6165Das heißt, alle diejenigen stürzen sich in den Auftritt, die nicht gerade am Imbisswagen anstehen, der leider erst verspätet öffnen konnte und jetzt von hungrigen Freibeuter*innen und sonstigem Mittelaltervolk gestürmt wird. Sprich, im Werk ist es gerade relativ leer, was sehr schade ist, denn die immer wieder gern gesehenen Tanzt!-Gäste Dalriada (heute ist der fünfte Besuch) veranstalten wie immer ein Feuerwerk an großartigen Folk-Metal-Hymnen auf Ungarisch. Der Bandklassiker „Napom fényes napom“ oder „Dúvad“ vom aktuellen Album Őszelő bringen Schwung in die Nackenwirbel und die Frisur, auch wenn sicher nicht viele so trainiert sind wie Sängerin Laura, die unermüdlich entweder Pirouetten dreht oder die Haare propellern lässt. Ungarische Folklore und Geschichte, verpackt in tanz- und headbangbare Metalsongs, ohne die oft vorherrschende Bierseligkeit – dafür stehen Dalriada seit vielen Jahren und stellen das auch heute wieder unter Beweis. Ein bisschen Trinken darf aber natürlich trotzdem sein, denn darum geht es in „Komámasszony“ („Do you like drinking and fucking?“). Die Bandhymne „Hajdútánc“ beschließt diesen wie immer hochklassigen Auftritt, der leider etwas unter nicht optimalem Sound und der langen Schlange am Imbissstand gelitten hat.

DSC_6281Bei Vroudenspil sind dann aber wieder alle am Start, gestärkt und mit neuer Energie. Die Münchner Truppe war bisher bei jedem Tanzt! dabei, weshalb langjährige Festivalbesucher*innen auch ganz genau wissen, was jetzt gleich kommt: Tanzbären tanzen Rebellion und Plankentango! Die Freibeuter*innen sind los und müssen eigentlich gar nicht mehr machen, als auf die Bühne zu kommen. Alles hüpft und jubelt beim „Kaleidoskop“ aus den ersten Songs, dazwischen ist aber trotzdem Zeit, eine putzige Plüschratte auf die Bühne zu reichen, denn … heute steht ausnahmsweise Originalsänger Ratz am Mikro, der sich sichtlich über das Geschenk freut. Nach „langer Rede und gar keinem Sinn“ kündigt er den „Plankentango“ an, und alles hüpft und springt weiter – inklusive Band. Man weiß wie immer kaum, wo man zuerst hinschauen soll – zu Freibeuter Petz, der immer wieder das Saxophon zückt, oder zu Phyra, die mit Querflöte am Mund unermüdlich Stimmung macht, zu Dax vom Berg und seiner Schalmei oder zum Seewolf und seinem Akkordeon? Oder zu den anderen, die im hinteren Bühnenbereich den Bandsound zusammenhalten? Auch sonst ist neben der Musik einiges geboten. Bei „Am Weltenrand“ werden viele bunte Luftballons ins Publikum entlassen, die dann fröhlich durch die Luft geschubst werden, bei „Wanderer in Schwarz“ werden große Flaggen geschwenkt. Danach klagt uns Ratz sein Leid mit den unseligen Texten und wie viele er neu lernen musste, „der nächste Song ist aber der Endgegner. ‚Menschenbild‘!“ Schafft er aber trotzdem gut. „München, habt ihr noch Kraft?“ – natürlich, und Ratz macht aus der Plüschratte kurzerhand sein neues „Püppchen“. Mit „Bis zum Hals“ gibt es einen ganz neuen Song, mit „Lebensglut“ einen ganz alten zu hören, und dann ist es endlich Zeit für die „Rebellion“! Auch hier wissen wieder alle Bescheid, das Publikum teilt sich, um dann als eine fröhliche hopsende Wall of Death des Freibeuterfolks ineinander zu laufen. Immer wieder ein schöner Anblick, ebenso wie die Polonaise bei den nächsten Songs. Mit „Rausch der Sinne“ beschließen Vroudenspil ihr fünfzehntes Tanzt!-Gastspiel, und rauschend war es.

DSC_6463Der Tag ist zwar schon ganz schön lang, die Energie muss aber trotzdem noch für den Headliner Tanzwut reichen, die Veteranen des Mittelalter-Rocks, die nächstes Jahr ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen (mit dem Album Silberne Hochzeit) feiern. Eine reife Leistung, und die jahrzehntelange Erfahrung merkt man der Band bei ihrem perfekt und mitreißend durchchoreographierten Auftritt auch an. Zwölf Alben haben Tanzwut veröffentlicht und können daher für die Setlist aus den Vollen schöpfen. Gekonnt verknüpft der Teufel elaborierte Ansagen mit den darauffolgenden Songs (sehr schön zum Beispiel die Geschichte vom Arschselfie vor „Narziss“), und die Band heizt mit geballter Dudelsackpower und großen Posen mächtig ein. Bei allem Bombast ist aber auch Platz für kleine Details, zum Beispiel die zuweilen grün leuchtenden Instrumente von Basser Der Zwilling und Gitarrist René B. oder die Vogelschnabelmasken. Die Setlist ist mit Songs wie „Puppenspieler“, dem „Reiter ohne Kopf“, „Geister, die wir riefen“ oder „Villon“ durchgehend stark und sorgt für begeisterte Stimmung im Raum, auch wenn sich das Werk in der hinteren Hälfte schon ein wenig geleert hat. Doch die noch Anwesenden geben alles, ebenso wie die Band, und natürlich gibt es auch noch eine Zugabe, die es in sich hat. Bei „Toccata“ fahren Orgelpfeifen um das Keyboard hoch, das von allen Strahlern angeleuchtet wird, und auch „Hymnus cerberi“ wird äußerst stimmungsvoll mit Lichtakzenten, einer in Formation stehenden Band und besonderen Instrumenten zelebriert.

Ein langer, ereignisreicher Tag geht zu Ende, fünfzehn Jahre Tanzt! wurden ausgiebig gefeiert. Sechs Bands, die alle mitreißende, hochklassige Auftritte abgeliefert haben, Meet & Greets mit allen Bands, zwar weniger, dafür aber mit vollem Einsatz feiernde Gäste, strahlende Gesichter – es war ein Fest. Vielen Dank an die Veranstalter MRW Concerts, an die Bands, an alle Helfer*innen, an das Backstage und natürlich alle Gäste. Bis zum nächsten Jahr am 18.11.23!

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