CD: Subway to Sally – Neon

Akustisch eigenwillig

STS_NEON_CoverKennt ihr das Gefühl, das sich am besten mit dem Laut „Hmpf“ beschreiben lässt? Wenn man etwas eigentlich gut findet, aber irgendwie dann doch nicht? Wenn etwas stört, aber nicht so ganz greifbar ist? Mit genau so einem Gefühl ließ mich das neue Live-Album von Subway to Sally Neon zurück. Ein Mitschnitt der letzten „Ekustik“-Tour, auf jeden Fall ein Live-Album, das man so nicht alle Tage in die Finger bekommt.

Zunächst einmal: Subway to Sally sind eine phantastische Live-Band. Man hört es schon im ersten Lied von Neon, „Wenn Engel hassen“. Die Instrumente sind wunderbar tight gespielt, die Töne sitzen und der Gesang, sowohl Front als auch Background, ist dermaßen gut, dass man teilweise vergisst, dass es ein Live-Album ist. Natürlich muss man auch hier gebührenden Applaus den Technikern zukommen lassen, die ein solches Album aufnehmen und abmischen. Dennoch: Subway können live, die verstehen ihr Handwerk, und das hört man.

In den dreiundzwanzig Tracks ist für jeden was geboten. Angefangen von „Wenn Engel hassen“ über die „Henkersbraut“, das „Kleid aus Rosen“, „Falscher Heiland“ und „Sieben“ bis hin zu „Minne“ am Schluss findet sich alles auf dieser Scheibe, was die Rock-Diskos jemals gespielt haben und noch viel mehr. Dabei ist der Stil allerdings etwas Neues. Die Band spielt akustisch, also keine drückenden E-Gitarren. Dazu natürlich die gewohnten Folk- und Mittelalterinstrumente wie Laute, Leier und Flöte. Doch was Neon besonders macht sind die elektronischen Parts von Dup-Step-Künstler Cop Dickie. Zusätzlich zur Band webt er elektronische Sounds und Beats ein, die einen starken Kontrast zum Akustik-Set bilden.

Das „Hmpf“-Gefühl

Und da sind wir auch bei meinem „Hmpf“-Gefühl. Während der Part, den Subway bringen, einfach gesagt spitze ist, eckt der elektronische irgendwie an. Sicher, es ist nicht so, dass der Herr Dickie gegen die Band feuert und die Lieder wirklich stört. Im Gegenteil, eigentlich fügen sich die Elektroparts sehr gut ein, da steckt wirklich Arbeit drin. Technisch alles in Ordnung. Es ist mehr ein Gefühl, dass es einfach nicht zusammenpassen will. Die teils ruhigen, akustisch gespielten Subway Lieder, manche unter starkem mittelalterlichen bzw. folkigen Einfluss, und dazu mehr oder minder prägnante elektronische Sounds. Es will einfach irgendwie nicht richtig harmonieren, immer stört daran irgendwas. Die Sounds mögen sich noch so gut in die Lieder einfügen, eine wirkliche Harmonie mag nicht aufkommen, und das Gefühl, das etwas massiv stört, bleibt. Vielleicht liegen die Welten eines Dub-Step-Künstlers und einer Folk/Mittelalter-Rock-Band zu weit auseinander.

Und noch etwas kommt hinzu, das nicht ganz passt. Allerdings fiel mir das nicht beim ersten Anhören auf. Auch nicht unbedingt beim zweiten: Wie oben schon mal erwähnt, ist das Album so gut aufgenommen und abgemischt, dass man ab und zu vergessen kann, dass es ein Live-Album ist. Aber genau das ist der springende Punkt. Wozu ein Live Album, wenn man nicht hört, dass es live ist. Erst spät fiel es mir auf: Man hört fast nie das Publikum. Fast permanent ist es rausgeschnitten. Und zwar komplett. Mal sind die singenden Stimmen, zum Beispiel bei „Kleid aus Rosen“, im Refrain dabei, mal hört man Jubel am Ende eines Liedes. Allerdings bei letzterem dann so seltsam gemischt, dass die letzte Note des Liedes komplett verklungen ist und dann erst der Jubel einsetzt, was ich persönlich noch nie bei einem Konzert erlebt habe. Die Frage ist nur, warum das so gehandhabt wurde. Waren Subway to Sally die Fans zuwieder? Störte der Gesang die ausgeklügelten Kompositionen zwischen Subway und Dickie? Oder sollte es wie ein Studioalbum klingen? So oder so, wenn sich ein Live-Album nicht nach live anhört, ist das eigentlich eine Themaverfehlung.

Yay or Nay?

Ist Neon nun ein gutes Album oder ein schlechtes Album? Wie üblich liegt so etwas im Auge des Betrachters bzw. im Ohre des Zuhörers. Rein technisch ist Neon nahezu perfekt, doch stilistisch ist die „Ekustik“ für meine Ohren mehr Frust als Lust. Die Elektroparts stören mehr, als dass sie unterstützen, obwohl sie im Grunde gut in die Lieder eingearbeitet sind. Es hört sich nach Subway to Sally an und doch wieder nicht. Es ist definitiv etwas Neues. Aber ein Experiment, das ich persönlich nicht noch einmal bräuchte. Dazu fehlt eine Konzertatmosphäre auf dem Album, da das Publikum seltsamerweise fast vollständig herausgemischt ist. Ein seltsamer Schritt für einen Konzertmitschnitt. Eben „Hmpf“.

Anspieltipp: „Wenn Engel hassen“

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Subway to Sally: Neon
Universal Music, Vö.: 10.3.17
ab 17,99 € (Amazon)
oder 19,49 € (Saturn)

Tracklist:
1. Wenn Engel hassen
2. Die Rose im Wasser
3. Verloren
4. Böses Erwachen
5. Mitgift
6. Schwarze Seide
7. Ins Dunkel
8. Eisblumen
9. Henkersbraut
10. Traum vom Tod
11. Krähenfraß
12. Maria
13. Kleid aus Rosen
14. Unsterblich
15. Falscher Heiland
16. Das Rätsel II
17. Tanz auf dem Vulkan
18. Veitstanz
19. Sieben
20. Grausame Schwester
21. Sag dem Teufel
22. Ohne Liebe
23. Minne

 

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