Wenn man einfach noch nicht ins Licht gehen will

Joe Gardner (Jamie Foxx) ist Musiklehrer an einer New Yorker Schule. Seine eigentliche Berufung ist aber seine große Leidenschaft: Er möchte als Jazz-Musiker arbeiten können. Da kommt doch tatsächlich eines Tages die Gelegenheit, mit der berühmten Jazz-Saxophonistin Dorothea (Angela Bassett) aufzutreten. Joe ist so happy, dass er im Straßenverkehr nicht aufpasst und schlussendlich im Gulli landet – und stirbt.

Nicht Joes Körper schlägt auf dem Boden der Kanalisation auf, sondern seine Seele, ein kleines, rundes, blaues Männchen. Er erwacht in einem großen schwarzen Nichts, dem Vorraum zum Jenseits – dem Great Beyond. Er steht hier auf einem langen Steg, zusammen mit vielen anderen, und soll ins Licht gehen. Dazu ist er nun aber leider wirklich alles andere als bereit. Er erklärt das auch hartnäckig. Ausgerechnet an seinem großen Glückstag wird er ganz sicher nicht einfach so sterben und in ein Nichts eintauchen, von dem er nicht einmal weiß, was genau es ist. Er kann entkommen und landet an einem Ort namens „Great Before“, dem „Davorseits“. Dort werden ungeborene Seelen mit ihren Persönlichkeiten ausgestattet und auf das Leben auf der Erde vorbereitet. Hier wird er fälschlicherweise für einen Mentor und Ausbilder gehalten. Diese helfen in den „Du-Seminaren“ ihnen zugewiesenen Seelen zu einer für sie passenden Identität.

Er kommt mit Seele 22 zusammen. Diese sitzt schon seit vielen Jahren hier, einerseits will sie alles andere als in einen Menschenkörper und auf die Erde, andererseits interessiert sie sich auch für überhaupt nichts, und das ist es, was sie daran hindert, einen Erdenpass zu erhalten. Joe hingegen tut alles, um wieder in seinen Körper und auf die Erde zu gelangen, denn sein bevorstehender Auftritt im Jazz-Club ist für ihn alles.

Die beiden tun sich zusammen, und auf skurrile Art und Weise kommen sie mit schräger Unterstützung dort hin. Alles ist zwar etwas ungeplant, denn ganz ehrlich, Joe wollte nicht in den Körper einer Katze, und er wollte auch nicht dieser 22 in seinem Körper erklären, was zu tun ist, aber man arrangiert sich eben. Großes Tempo ist notwendig, denn der Club-Auftritt rückt immer näher, und im Körper einer Katze ist alles nicht ganz so einfach. Diese Momente auf der Erde sind für die beiden, besonders für 22, aber ganz wichtig. Allmählich beginnt sie nämlich zu begreifen, dass ein Menschenleben vielleicht doch auch Schönes zu bieten hat. Denn diese Musik, Essen schmecken und die bunten raschelnden Blätter auf den Bäumen, das gab es bisher für sie noch nicht.

Dieser Film hätte natürlich in die Kinos kommen sollen, wurde aber wegen der weltweit anhaltenden Corona-Pandemie gleich zum Streamen freigegeben. Pixar hat hier wieder wundervolle Arbeit geleistet. Unglaublich realistisch, lebensnah und detailgetreu die Szenen auf der Erde, die Backsteinhäuser in Brooklyn, die Blätter an den Bäumen, einfahrende U-Bahnen, wartende Menschen mit ihren Blicken aufs Handy gerichtet, jubelndes Publikum in Clubs und Bars, die Echtheit der Figuren hinsichtlich Mimik und Gestik. Dies ist grandios, man vergisst fast, dass alles animiert ist. Hingegen die Szenen in der Zwischenwelt mit ihren eindimensionalen Ausbilder-Figuren, die dennoch so anrührend agieren, und die kleinen runden Seelen, diese Menschen-Aspiranten mit ihren Ausbildern, dies ist so quietsch-farbenfroh und kindlich und dennoch wunderschön und ans Herz gehend. Man fühlt sich auch von den Farben her sogleich an Alles steht Kopf erinnert. Wer vergisst denn jemals, wenn er diesen Film gesehen hat, die Figuren Freude, Kummer, Wut? Ich denke, ihr wisst, was ich meine. Diesen Streifen im alten Jahr noch gesehen zu haben, war ein großes emotionales Film-Highlight in diesem ganzen Streaming-Wust. Dass Soul nach über 30 Jahren Pixar-Filmen das erste Werk mit einer Schwarzen Hauptfigur ist, macht den Film noch ein bisschen schöner, als er ohnehin schon ist. Noch besser wäre nur in einem großen, echten Kinosaal gewesen.

Soul
Genre: Animation, Abenteuer, Familienfilm
Von Pete Docter, Kemp Powers
Im Original mit den Stimmen von: Jamie Foxx, Tina Fey, Graham Norton
Produktionsland: USA
Start in Deutschland: 25. Dezember 2020 auf Disney+, 1 Std. 40 Min.

 
 

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