Konzert: 17.10.2016 – New Model Army – Hirsch, Nürnberg

We play this song so rareley that we never know which is the right key

Nach Veröffentlichung des 16. Studioalbums Winter (Link zur Review) kommen New Model Army auf der Winter-Tour auch für zwei Konzerte nach Süddeutschland, am 17.10.2016 in den Hirsch in Nürnberg und am 19.10.2016 ins Backstage in München. Wir von Schwarzes Bayern sind natürlich bei beiden Terminen dabei.
Zur Öffnung um 19 Uhr sind schon ca. 50 Leute da, und die wenigen Restkarten an der Abendkasse sind schnell verkauft. Eine Stunde später eröffnen dann Beatfrog den Abend im mittlerweile gut gefüllten Hirsch. Sie spielen ambitionierten Indierock und bekommen auch einigen Applaus. Ich bin aber zugegebenermaßen nicht wirklich bei der Sache, warte ich doch eigentlich auf den Hauptact, aber darüber machen sich die drei Jungs keinerlei Illusionen und nehmen es mit Humor: „Wir wissen, dass heute keiner von euch wegen uns hier ist“, was für allgemeine Heiterkeit sorgt und die Band auf jeden Fall sympathisch macht. In der folgenden halbstündigen Umbaupause steigt die Spannung im Hirsch dann enorm.

Pünktlich um 21:10 gehen die Lichter aus, und New Model Army beginnen die Show direkt mit dem Knaller „Burn the Castle“, das mit dem explosiven Refrain direkt zum Pogo einlädt. Die Stimmung ist sofort auf einem Höhepunkt, da anschließend auch noch „White Light“ folgt, das fast schon euphorisch aufgenommen wird. Nicht nur ich habe also lange auf diesen Abend hingefiebert. „Winter“ beschert mir meine erste Gänsehaut, wie auch jedes Mal beim Hören des gleichnamigen neuen Albums, denn hier werden New Model Army überraschend von der Geigerin Shir-Ran Yinon unterstützt, die Justin Sullivan mit „When we played in Leipzig we met an old friend“ vorstellt. Immer wieder wird sie im Lauf des Abends verschiedene Songs akustisch bereichern. „Part the Waters“ sorgt dann erst einmal für eine Verschnaufpause, bevor die Band mit „Eyes get used to the Darkness“ losrockt. Bei „Fate“ variiert die Band auf interessante Weise das Tempo, sodass es auch hier Momente zum Erholen gibt. „Devil“ wird von Justin witzigerweise mit einer Pommesgabel angekündigt, doch der Refrain klingt irgendwie nach einer falschen Stimmlage, was aber auch am mitsingenden Publikum um mich herum liegen kann. Marshall Gill spielt seine Gitarre bei „Angry Planet“ sehr aggressiv, und dazu lässt eine wütende Meute dermaßen die Wut raus, dass mit „Drifts“ und „Born Feral“ erst einmal das Tempo herausgenommen wird.

Der nächste Song wird sinngemäß folgendermaßen angekündigt: „We played in Poland and there is a small movement ‚Poland to the Polish‘. We have the same shit in Britain with ‚Brexit for the Brexitiers‘ and surely you have the same shit here. This shit is going on everywhere, it’s just shit! So this is our answer.“ Justin Sullivan singt „Die trying“, begleitet nur von Ceri Monger mit einer Akustikgitarre anstatt wie sonst am Bass und Background Vocals von Keyboarder Dean White, sodass eine sehr intensive Stimmung erzeugt wird. Passend zur WinterTour wird heute auch „Autumn“ gespielt, ein zehn- bis elfjähriger Junge sitzt dabei begeistert auf den Schultern seines Vaters. Überhaupt habe ich heute viele junge Fans gesehen. Zu „Stormclouds“ entfesselt Michael Dean eine heftige und beinahe tranceartige Drumsession, mit der Unterstützung von Ceri Monger an den Percussion Drums, bevor zu „White Coats“ wieder einmal der ganze Saal abgeht. „You can wave us goodbye to that song when the British islands get washed away in the sea“. Die Band beginnt zu spielen, aber es klingt komisch, sodass sie noch einmal abbricht. Justin erklärt unter Gelächter: „We play this song so rareley that we never know which is the right key“, und wechselt noch einmal die Gitarre. Aber dann trifft „51st State“ mich mit Macht. Gefühlte zehn Jahre nicht live gehört, hatte ich es aber auch nie vermisst, weil ich mich daran ein bisschen überhört hatte. Doch heute, im Moshpit, wenn der gesamte ausverkaufte Saal mitsingt, mitschreit, sind die dabei freigesetzten Gefühle überwältigend. Nach anderthalb Stunden endet das Konzert fast schon traditionell mit „Wonderful Way to go“, und ich schnappe nur noch nach Luft.

Zum Glück haben noch genügend Leute die Kraft nach Zugaben zu schreien. Irgendjemand verlangt wiederholt nach „Green and grey“. Verständlich, aber wer die Army lange genug kennt, der weiß, dass sich die Band aus Prinzip keiner Erwartungshaltung unterwirft. Es gilt das schon oft zitierte Prinzip der Wundertüte, und so ist die erste Zugabe „Between Dog and Wolf“, das mit „This is a Winter Lovesong.“ angekündigt wird. Dann folgt „Purity“, das mit Geige noch mehr zur absoluten Hymne wird, als es ohnehin schon ist, bevor die Band die Bühne wieder verlässt. Doch bevor nun das Saallicht angeht, erklingt nach schier endlosen Minuten das Geigenintro von „Vagabonds“ aus dem Backstagebereich. Weiterspielend betritt die Leipziger Freundin allein die Bühne und zieht mit ihrem Solo alle Anwesenden in ihren Bann. Ich wünsche mir, dass dieser Moment niemals endet, und tatsächlich zieht sie das Intro virtuos in die Länge, bis kurz vor dem Höhepunkt Justin sich mit seiner Akustikgitarre dazugesellt. Magisch! Erst zur dritten Strophe stößt der Rest der Band dazu und rockt noch einmal den Hirsch, ein grandioses Finale einer fantastischen Show.

Fazit: Wie schon das grandiose neue Album Winter ist die Show insgesamt sehr düster, aber auch wahnsinnig kraftvoll. Viele Songs werden mit heftigen Tribal-Drums gespielt, und die anwesende Geige ist einfach nur das i-Tüpfelchen, das den Abend zu etwas ganz Besonderem macht. Musikalisch betrachtet für mich das Konzert des Jahres, das nur durch die Show in München getoppt werden könnte. Leider hatte ich den Eindruck, dass viele Besucher Winter noch nicht kannten, was sich am Merchandise-Stand nach der Show bewahrheitet, denn es geht hier weg wie warme Semmeln. Außerdem waren wenig mitreisende Engländer da, kein Wunder, dank Brexit und dem schlechten Wechselkurs, der ein solches Unterfangen sehr viel teurer macht als früher. Das ist aber nicht die Schuld der Band.
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Setlist:
01Burn the Castle
02 White Light
03 Winter
04 Part the Waters
05 Eyes get used to the Darkness
06 Fate
07 Devil
08 Angry Planet
09 Drifts
10 Born Feral
11 Die Trying
12 Autumn
13 Stormclouds
14 White Coats
15 51st State
16 Wonderful Way to go

17 Between Dog and Wolf
18 Purity

19 Vagabonds

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  1. […] Minuten Verspätung setzt sich die Schlange in Bewegung. Nach dem grandiosen Konzert in Nürnberg (Link zum Bericht) bin ich sehr auf den heutigen Abend gespannt – wie wird die Setlist sein, welche alten […]

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