Konzert: 21.12.2017 – Peter And The Test Tube Babies + Dick York And The Originals – Backstage-Halle, München

Munich Prison Blues

P1060808_2Alle Jahre wieder spielt die 1978 gegründete Punk-Legende Peter And The Test Tube Babies mittlerweile traditionell kurz vor Weihnachten auch in München, um das alte Jahr ausklingen zu lassen. Mit dabei sind im Vorprogramm Dick York And The Originals, auf die ich mich ebenfalls freue. Sie sind aus der Band Cryssis hervorgegangen, die 2009 von Vom Ritchie, Drummer von The Toten Hosen, und Dick York gegründet worden ist. Aber von vorn: Seine Vorgängerband Sta-Prest hat Dick York 1980 verlassen und gründet Cry Dyaan zusammen mit Stephen Smart am Bass und Clive Kemp an der Gitarre. Drummer ist der junge und noch unbekannte Vom Ritchie. 1982werden sie Band of the Year bei der BBC, doch schließlich lösen sie sich auf und beginnen das Arbeitsleben, nur Vom Ritchie macht bekanntermaßen weiter Musik. Nun ist das alte Team wieder zusammen, und als zusätzlicher Drummer zu Vom Ritchie ist Jay Harrison dabei.
Als ich im Backstage ankomme, wundere ich mich zunächst über die vielen Leute, aber die wollen alle ins Werk zur deutschen Heavy-Metal-Legende Udo Dirkschneider. Heute scheint wohl der Tag der Legenden zu sein, da heißt es, Prioritäten zu setzen. Sorry, Udo. P1060394Tatsächlich ist es zwanzig vor acht in der Halle noch recht leer. Um fünf nach acht ist sie erst zu einem Viertel gefüllt, als Dick York And The Originals (ohne Vom Ritchie) die Bühne betreten, was die Band aber nicht weiter irritiert. Sie starten mit “Play again”, gefolgt von “I see you”. Der Sound liegt im Bereich Rock/Pop mit leichter Punk-Rock-Note und starken 80er-Einflüssen. Sänger Dick bittet das Publikum näher zu kommen, da sich die meisten im Barbereich aufhalten. Als sich der erste nah herantraut, freut das Dick: “That’s nice, Sir, thank you very much!” Nach “Alibi“ wird mit “Fighting in Brighton”der erste Cryssis-Song präsentiert. Im folgenden “I want to fly” soll das Publikum integriert werden, und so fragt Dick: “Are you the best singers in Germany?” Wegen der absoluten Zurückhaltung mildert Clive Kemp die Frage lachend zu “in Munich” ab, sodass das Publikum auftaut und tatsächlich, wenn auch etwas zögerlich, überwiegend mitmacht. Als die Menge zum Ende hin deutlich lauter wird, kommt Dick sogar vor Überraschung kurz aus dem Takt. Beim nächsten Cryssis-Block aus “Playing with my heart”, “Simple man” und “London” erzählt Dick einen Schwank von ihm und Peter Bywaters aus seinem Leben und verrät uns, dass die Test Tube Babies momentan in großartiger Form sind. Das folgende “Red 335” ist eine Erinnerung an seinen Vater, der ihm vor langer Zeit eine Gitarre geschenkt und somit zur Musik gebracht hat. Leider ist diese Gitarre gestohlen worden, und man merkt, dass diese Geschichte Dick immer noch emotional mitnimmt. Aber anschließend veräppelt Dick das Publikum noch einmal, das inzwischen war wesentlich zahlreicher, insgesamt aber immer noch eher zurückhaltend ist. Das ändert sich nun endlich mit “Yesterday’s boys”. Die letzten zwei Songs sind noch einmal von Cryssis, und “Could it be” wird als “not very punk rock“ angeküdigt, während Dick mit den Hüften wackelt und die Leute so noch mehr zum Tanzen animiert. Dann macht er Werbung für das neue Album That shallot vom heutigen Hauptact, bis Drummer Jay Harrison von hinten ruft: “And don’t forget to buy our album too!“ Recht hat er. Mit “School days” endet nach 60-minütiger Spielzeit der Auftritt, nach dem Jay noch seine Drumsticks verschenkt. Anschließend lässt die Band es sich nicht nehmen, persönlich am Merchandise zu stehen für einen Plausch und zum Signieren von CDs und LPs. Für mich die beste Vorband dieses Jahr. Good job, boys!

P1060641Nach einer blitzschnellen Umbaupause erlischt nur zehn Minuten später das Saallicht, und als Intro erklingen Alarmsirenen, begleitet von Hubschraubergeräuschen und Suchscheinwerferlicht. Was im ersten Moment nach einem ausgelutschten Punk-Klischee klingt, ergibt allerdings Sinn, als im Hintergrund auf der Leinwand ein Film eingespielt wird. Die Gangmitglieder Peter Bywaters (Gesang), Del Strangefish (Gitarre), Nick Abnett (Bass) und Sam Griffin Fuller (Drums) sind in den USA aus dem Gefängnis ausgebrochen, und auf CNN und diversen anderen Nachrichtenkanälen wird die Flucht und die aufwändige Suche der Polizei nach den Flüchtigen dokumentiert. Peter wurde ja unlängst die Einreise in die USA verweigert, weil er bei der letztjährigen Presidential-Tour Donald Trump verunglimpft haben soll. Die diesjährige Behind Bars Tour spielt also auf diesen Vorfall an. Zum Glück hat die Flucht geklappt, und so betreten die vier in orangefarbener Sträflingskleidung die Bühne, nur Sänger Peter sticht durch einen schwarz-weiß-gestreiften Anzug hervor. Soger typische Knast-Tattoos haben sie sich witzigerweise ins Gesicht gemalt. Auf den Opener “Moped lads” folgt direkt “Run like hell”, was in dem Kontext natürlich einer gewissen Ironie nicht entbehrt, und das Publikum wird kurz begrüßt. Als Besucher ist es toll, wenn es keinen Pressegraben vor der Bühne gibt, als Fotograf allerdings weniger. Vor allem, wenn als dritter Song schon der Übersong “The Jinx” präsentiert wird, denn jetzt singen nicht nur alle mit, jetzt bricht auch der Pogo los. “Never made it” bezieht sich zum Glück nicht auf mich, denn ich habe meine Kamera tapfer verteidigt. Anschließend bedankt sich Peter verdientermaßen bei der Vorband Dick York And The Originals und meint dann: “I remember when I got married, it was ‘My unlucky day’”. Ein Fan klettert auf den Bühnenrand, doch anstatt zu springen, hockt er sich auf die Monitorbox und rutscht irgendwann wieder runter. Angst? Mit “In yer face” wird der erste Songs des neuen Albums That shallot präsentiert (Link zur Review), und darauf folgt natürlich “Up yer bum”, was sonst. Denselben Fan reißt es nun völlig mit, und vor Begeisterung schlägt er Peter im Rhythmus auf den Arbeiterstiefel am Bühnenrand, doch dank der Stahlkappe merkt Peter selbst das gar nicht und setzt zu “Spirit of Keith Moon” an.
P1060730Das neue “None of your fucking business” wird mit einer längeren Ansprache aus bekannten Gründen dem amerikanischen Präsidenten gewidmet, unter anderem mit “Fuck Trump” und “Fucking Wixer”, wofür es aus dem Publikum lauten Beifall gibt. Derart angestachelt kommt es bei “Keep Britain untidy” nun doch zu einem Stagediver. Nicht lange peinlich dastehen und betteln, dass einen alle auffangen mögen, sondern rauf auf die Bühne und Abflug. So muss das! Respekt, Alter! Dafür heißt es nun erst einmal “Prost!”, und während hunderte Bierflaschen im Publikum emporgereckt werden, trinkt Peter selbst Bulmers Cider. Da kommen die englischen Wurzeln durch. Aber nach dem folgenden “Wrong” lehnt er das aus dem Publikum heraus angebotene Bier natürlich nicht ab. “Shake my world”, “Transvestite” und “Maniac” bilden den nächsten Block, bevor Peter das Publikum fragt: “One More?” – “Yeah!“ Wir werden mit der ersten Single “Banned from the pubs” von 1982 beglückt, das alle begeistert mitsingen. Beim folgenden “Blown out again” hat Peter eine richtige Reibeisenstimme und klingt etwas angeschlagen, somit verabschiedet sich die Band: “Dankeschön, München! Vielen Dank!“
P1060534Es regnet überraschend Luftschlangen vom Catwalk auf das Publikum herab, und natürlich hat noch niemand genug, zumal auf der Leinwand im Hintergrund Uli Hoeneß mit seiner Knasteskapade verascht wird, was für großes Gelächter sorgt. Als erste Zugabe gibt es eine schöne Version von “Folsom Prison Blues“ von Johnny Cash, die heute bestens ins Programm passt. Peters Stimme wurde wohl im Backstage gut geölt und klingt zum Glück schon wieder normal. Das nennt man “Intensive care“, und so blödelt Peter herum: “You really want one more? This one ist from 1973!” Eigentlich ist nun Schluss, aber dank langanhaltendem Jubel und Beifall kehren Peter And The Test Tube Babies noch einmal zurück. “Great respect to the King of Rock ’n‘ Roll: Johnny Halliday!” Damit veräppelt Peter zum einen das Publikum, erweist zum anderen dem kürzlich verstorbenen Johnnie Halliday die Ehre, die französische Antwort auf Elvis. Aber trotzdem ist klar, nun folgt “Elvis is dead”, die allererste Aufnahme der Band von 1978. Im Pogokessel vorne spritzt mehrfach das Bier durch die Menge. “This is about drugs. The best drugs are free ones!“, und so endet die Show nach knapp anderthalb Stunden mit “September”, während im Hintergrund originellerweise eine Gefängnisepisode mit Shaun das Schaf läuft. Anschließend wird bei beiden Bands der Merchandise belagert, und wer mag, kann nebenan im Club noch weiterfeiern. Ein toller Abend mit zwei tollen Bands!
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Setlist Dick York And The Originals:
Play again
I see you
Alibi
Fighting in Brighton (Cryssis)
I want to fly
Playing with my heart (Cryssis)
Simple man (Cryssis)
London (Cryssis)
Red 335
Yesterday’s boys
Could it be (Cryssis)
School days (Cryssis)

Setlist Peter And The Test Tube Babies:
Moped lads
Run like hell
The Jinx
Never made it
My unlucky day
In yer face
Up yer bum
Spirit of Keith Moon
None of your fucking business
Keep Britain untidy
Wrong
Shake my world
Transvestite
Maniac
Banned from the pubs
Blown out again

Folsom Prison Blues
Intensive care

Elvis is dead
September

(811)