Die Puppenspieler

Wieder eine Ausstellung über Männer in der Mode-Welt in der Kunsthalle, nach Thierry Mugler, Jean Paul Gaultier und Peter Lindbergh? Mir persönlich sagte „Viktor&Rolf“ bislang noch nichts. Doch schon beim Reingehen sehe ich, das gefällt mir, das ist nicht nur schön, das ist außergewöhnlich.

Knapp 100 Haute-Couture-Kleider werde ich sehen, in aufwändiger Präsentation. Schön, verspielt, atemberaubend. Diese 100 Kreationen stammen aus ca. dreißig Jahren Schaffens des niederländischen Designerduos. Beide, Viktor Horsting und Rolf Snoeren, sind 1969 geboren. Sie studieren nicht in trendigen Modestädten, sondern in Arnheim an der Kunst- und Designakademie. Die Dozenten rieten ihnen, sich einen Job bei einem Jeanshersteller zu suchen. Doch sie zogen mit 23 Jahren nach Paris. Warum? Weil dort Mode Teil der Kultur ist. 1993 haben sie dann in Hyères einen wichtigen Modewettbewerb gewonnen. Doch danach hatte die Modeindustrie kein großes Interesse mehr an den jungen Männern. Hier fingen sie schon an, ungewöhnlicher als andere zu sein. Sie bepflasterten Paris mit Plakaten „Viktor&Rolf im Streik“. Es interessierte zwar kaum jemanden, aber dennoch machten sie weiter. 1998 hatten sie tatsächlich ihre erste Haute-Couture-Show, ein Jahr später hatten sie mit ihrer Kollektion „Russian Doll“ ihren ersten Erfolg. Und es war wieder etwas Ungewöhnliches, nicht nur die Kleider, auch deren Präsentation. Hier waren erstmals Viktor&Rolf die ganze Zeit mit auf dem Laufsteg. Später wurde das ihr Markenzeichen. Sie trugen das Model Maggie Rizer hinein und zogen ihr eins nach dem anderen alle Kleider an, nach und nach, neun Kleider insgesamt, und zwar übereinander! Das erste Kleid war ein primitives Jute-Kleid. Nichts, was an Haute Couture erinnern würde. Am Ende waren 70 Kilo Stoff auf den Schultern des Models, alle Arten von Stoffen und Stilen.

Hier in der Ausstellung ist das sehr schön präsentiert: Neun Puppen zeigen die neun Kleider hintereinander. Wer sich nun fragt, warum denn nur ein einziges Model, der bekommt etliche Antworten. Ein entscheidender Grund war damals aber auch: Viktor&Rolf hatten kein Geld. Ein Model kostet weniger als neun. Das war damals schon etwas außergewöhnlich, doch das ging immer so weiter. Die Kleider waren immer außergewöhnlich.

Das sehen die Besucher*innen im größten Raum der Ausstellung, der wie ein Spiegelsaal mit Kronleuchtern ausgestattet ist. Eine Explosion der Farben, Formen und Fülle der Stoffe.

Doch die Kleider tragen Botschaften: „No photos please“, „I’m not shy I just don’t like you“. Die Kleider sind schräg: die Upside-Down-Kollektion, in der nichts am rechten Platz ist. Eine Kollektion nennen sie „Wearable Art“ – Kunst zum Anziehen. Sind das Kleider, oder sind das Gemälde? Ist das Zerstörung oder mutige Mode? Viktor&Rolf antworten: „Warum kann es nicht beides sein?!“.

Diese Kleider sind wie viele andere für Frauen gemacht, die sich was trauen, die nicht in Size Zero passen wollen, sondern etwas Besonderes sein wollen. Keine Modeprinzessin, sondern eine Königin. „Princess? No Bitch, Queen“.

Irgendwann haben Viktor&Rolf angefangen, ihre Modelle maßstabsgetreu nachzuschneidern und sie handgefertigten Porzellanpuppen anzuziehen. Das ist auch eins ihrer Markenzeichen. Es ist sehr beeindruckend, all diese in Pose gestellten Puppen in einem Raum dicht vor sich zu sehen.

Viktor&Rolf können auch ironisch, wenn sie ihre Modelle vor Sequenzen des alten Stummfilmklassikers Nosferatu von 1922 aufstellen. Mit diesen hochgezogenen Schultern und langen Armen und Fingern passen sie perfekt zum heimlich herantretenden Vampir.

Wie vielfältig das Duo ist, sieht man auch an einer Nachbildung ihres einstigen Zen-Gartens in Japan, an ihren Kostümen für Ballettaufführungen oder einer Oper, an Videos, die Lady Gaga, Rihanna, Madonna, Tilda Swinton u.v.a. in ihren Kleidern zeigen. Ihre Parfümlinie wird gezeigt, und es kann geschnuppert werden.

Wenn man sich alle Videoschnipsel ansieht, die Beschriftungen an den Wänden liest oder der Audio-Tour folgt, kann man gut und gerne drei bis vier Stunden in der Ausstellung verweilen, ohne sich zu langweilen.

„Viktor&Rolf, Fashion Statements“ heißt die Ausstellung, und gegen Ende wird mir vieles klar: Die beiden Männer wollen nicht nur schöne oder interessante Mode kreieren, sie wollen mit ihrer Mode auch etwas ausdrücken. Diese Mode ist für den Körper und auch für den Kopf gemacht.

Viktor&Rolf, Fashion Statements
23.2. – 6.10.2024
Kunsthalle München
Theatiner Straße 8
80333 München

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