Mythen im Metal: Brennende Stabkirchen

Brennende Kirchen sind so trve – alles nur Klischee?

Die Anfänge der Black Metal-Szene in Norwegen sorgten hauptsächlich durch ein bestimmtes Hobby ihrer Anhänger für Aufsehen: Das Abfackeln von Stabkirchen. Auch Varg Vikernes wurde für derartige Vergehen rechtskräftig verurteilt. Bis 1996 gab es mindestens 50 versuchte und tatsächliche Brandstiftungen an historisch wertvollen Stabkirchen, einige gingen durch die Feuer unwiederbringlich verloren. Da stellt sich natürlich die Frage: Was hat das eigentlich mit Metal zu tun?

Fantoft stave churchBild: Die brennende Stabkirche von Fantoft. Sehr untrve.

Zahlreiche Brandstifter beriefen sich schnell auf die Wikinger, die immerhin, so heißt es zumindest in vielen Chroniken, auch ganz gerne mal Kirchen angezündet hätten, während sie die Priester umbrachten und die armen jungfräulichen Nonnen raubten und/oder vergewaltigten.
Nun ist es aber so, dass die Wikinger ja nicht dumm waren. Mal angenommen, man geht eines Frühlings auf Raubzug, bringt dort aber alle um und brennt alles nieder – wo soll man so als gestandener Wikinger denn dann im nächsten Jahr auf Raubzug gehen? Sicher, von Wikingern überfallen zu werden, war keine angenehme Sache. Neue Erkenntnisse legen allerdings nahe, dass, abgesehen vom Tafelsilber und Vorräten für die Reise, relativ wenig mitgenommen wurde. Das ein oder andere Gebäude ging wohl in Flammen auf, zum größten Teil aber blieb die Bausubstanz unbeschädigt. Auch wurden Mönche eher selten ermordet – sie mitzunehmen und wenig später gegen Lösegeld wieder freizulassen war nämlich viel lukrativer. Besonders in Irland wurden die selben Klöster Jahr um Jahr wieder geplündert, nachdem die Wikinger um ca. 800 gemerkt hatten, dass sich Mönche viel weniger wehrten als Bauern, denen man ihr letztes Vieh wegnehmen wollte.
Wenn jetzt aber die Wikinger gar nicht so gerne Kirchen angezündet haben, warum haben es die Chronisten so gerne und in aller Ausführlichkeit geschildert? Das hat verschiedene Gründe. Nach der jährlichen Wikinger-Welle im Frühling, wenn sich die Winterstürme auf der Nordsee verzogen hatte, prasselten von zahlreichen Klosterschreibern Briefe am Hof der englischen Könige ein, in denen herzergreifend geschildert wurde, wie die grausamen Wikinger den armen Klosterbewohnern schon wieder übel mitgespielt hatten. Ganz am Ende wird dann der jeweilige König gebeten, dem Kloster doch stützend – und mit reichlich Silber – unter die Arme zu greifen, der Dank Gottes sei ihm gewiss. Klar, dass es in einem Bettelbrief nicht so gut kommt, wenn man schreibt: „Naja, es war nicht so schlimm, diesmal haben sie halt wieder das Altargeschirr mitgenommen und eingeschmolzen.“ Nein, um einen frühmittelalterlichen König zu rühren, braucht so ein Überfall schon apokalyptische Ausmaße, und da eignet sich eben eine brennende Kirche ganz hervorragend. Die Schreiber bedeutender historischer Werke, wie zum Beispiel der angelsächsischen Chronik, verließen sich aber auf die Authentizität der Schilderungen in diesen Briefen, die bei Hofe aufbewahrt wurden.

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Bild: Manuskriptseite aus der Chronik von Peterborough. Authentisch geht anders.

Mittlerweile muss man sich zum Glück nicht mehr nur auf mittelalterliche Chroniken verlassen, um ein einigermaßen balanciertes Bild der Wikingerüberfälle zu erhalten. Archäologische Ausgrabungen haben nur wenig Spuren gewalttätiger Auseinandersetzungen zu Tage gefördert, geschweige denn bis auf die Grundmauern niedergebrannte Kirchen. Auch die einzigen Erzählungen, wie so ein Raubzug aus skandinavischer Sicht abgelaufen sein könnte, nämlich in den Sagas, wirken weitaus weniger martialisch als gedacht.
Haben denn nun die Wikinger jemals Kirchen in Skandinavien abgebrannt? Das ist unklar. Klar ist, dass sich die ersten christlichen Missionare im hohen Norden nicht leicht taten und wohl einige sogar ihren Kopf verloren. Klar ist aber auch, dass nach und nach die Könige erkannten, dass sie das Christentum zur Festigung ihrer Macht nutzen konnten und schon bald die ersten Stabkirchen für ihren neuen Gott erbauen ließen – wohlgemerkt, nach dem Modell der herrschaftlichen Hallen. Dass so ein Herrscher (die durchaus auf ihre Wikinger-Vorfahren stolz waren, man muss sich nur Snorri Sturlusons Heimskringla ansehen) es geduldet hätte, dass jemand seine Kirche abbrennt, ist schier undenkbar.
Um wieder zur Ausgangsfrage zu kommen: Ist es denn nun trve, eine Stabkirche im Andenken an die Wikinger abzufackeln? Nein, definitiv nicht.

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