Münchens mittelalterliche Stadtbefestigung

Entdeckungslust
(auch für Einheimische)

01-isartorEin Sonntagmorgen im Oktober 2014, ca. 15 Personen stehen innerhalb der rekonstruierten Mauern des Isartors in München. Wir erwarten unsere Führerin, die uns laut Programm der Münchner Volkshochschule die sichtbaren und unsichtbaren Reste der mittelalterlichen Münchner Stadtmauern zeigen soll. Pünktlich erscheint sie, die Anmeldeliste wird abgehakt, es kann losgehen.

Stadttore wurden errichtet, um Zölle zu erheben, um der Stadt Sicherheit zu gewähren und um die Herrschaft des jeweiligen Herzogs bzw. Königs ausdrucksvoll darzustellen. 1158 erhob der Stauferkaiser Friedrich I. durch den Augsburger Schied München zur Stadt, damit einher gingen die verschiedenen Stadtrechte, wie zum Beispiel das Zoll- und Münzrecht, die erste Stadtmauer folgte. Im 15. Jahrhundert folgte ein zweiter Stadtring, da der Zuzug der Menschen vom Land in das befestigte München groß war. Ein sehr schönes Modell dazu gibt es im Stadtmuseum München zu besichtigen, 1570 fertigte dies Jacob Sandtner für Herzog Albrecht V.

Doch nun zurück zu unserem Ausgangsort, dem Isartor. Dies ist das einzige vollständig erhaltene Tor der zweiten Stadtmauer von München. 08-lueg-ins-land-torDas östliche Tor bildete für die Salztransporteure der damaligen Zeit ihren Dienstweg nach Bad Reichenhall und zurück. Unser Weg führt uns von hier aus in Richtung Norden, unser Ziel ist die Adresse Lueg ins Land. Am Anfang der Straße kommen wir an Mauerresten vorbei. Unsere Führerin weist uns auch auf Steinreste hinter der Fensterscheibe eines Bürogebäudes hin: eine geschichtsträchtige Arbeitsstätte im Souterrain. Am Ende von Lueg ins Land stand einmal ein Turm selben Namens. Diesen erkennt man noch an der rechten Ecke (Lueg ins Land/Marienstraße) aufgrund der dunkel eingelassenen Steine. Der Aussichtsposten hatte von dort aus einen guten Überblick über die nächste Umgebung. In ganz München wurden Reste der Stadtmauer bzw. -türme in neue Gebäude verbaut, hier ist eine Schießscharte erhalten. Links davon befindet sich das Vindeliker-Haus, die Wandbemalung zeigt eine Abbildung des Turms.

Wir gehen jetzt rechts vom Vindeliker-Haus eine Treppe hoch, am Ende der Stufen wenden wir uns nach links und betreten einen düsteren Innenhof. Hier entdeckt man die Reste eines Rundturms, einem sogenannten Scheibling, dieser diente als Lagerstätte für Kanonen. Die Überbleibsel dieses ehemaligen Prinzessturms sind umgeben von einem Wohn- bzw. Bürogebäude, dessen Architekt es bestimmt nicht leichtfiel, diese Relikte in seine Planungen einzubeziehen. Dazu sollte man auch wissen, dass die Altstadt von München ein Bodendenkmal ist. Grundsätzlich müssen Bauherren innerhalb der Altstadt immer damit rechnen, auf Reste der altertümlichen Stadtmauer zu treffen. Dies passierte zum Beispiel so beim Bau vom Hotel Mandarin Oriental, im Keller findet man noch immer Reste der Stadtmauer (dies versicherte uns unsere fachkundige Begleiterin). Oftmals hat diese Entdeckungen auch einen Baustopp zur Folge, bis das Denkmalamt die Funde besichtigt und bewertet hat.

Unsere Führung geht nun zurück zur Marienstraße, dieser folgen wir bis zur Abzweigung Pflugstraße. Hier ist rechts in einer Mauer eine Erinnerungstafel bezüglich der Stadtbefestigung eingelassen. Es geht weiter von der Pflugstraße übers Tal zur Westenrieder Straße. Hier befinden sich südlich des Isartors weitere Reste der zweiten Stadtbefestigung. Der originale Standort war allerdings einmal viel weiter unterhalb der Straße. Eine Tafel gibt eine Bildbeschreibung zu den zwei Mauerringen wieder. Nach ausführlicher Begutachtung folgen wir der Westenriederstraße, biegen rechts in die Sterneckerstraße, durch das düstere Gässchen zurück zum Tal und wenden uns nach links in Richtung Altes Rathaus.

Entlang der nördlichen Sparkassenstraße und westlich des Viktualienmarkts (Metzgerzeile) verlief einmal die erste Stadtmauer. Wir folgen der Metzgerzeile und gehen entlang des Viktualienmarkts bis zur Abzweigung Prälat-Zistl-Straße. Schräg gegenüber von der heutigen Schranne bzw. dessen Wirtshauses stand einmal das Schiffertor, dieses gehörte wieder zur zweiten Stadtmauer. Eine Erinnerungstafel etwa in Mitte der Fassade weist darauf hin.

20-ruffinihausEs geht jetzt weiter über die Fortsetzung des Viktualienmarkts, dem Rosental, bis wir rechter Hand den Rindermarkt sehen. Aus Kindheitstagen kenne ich noch den Löwenturm, der auf der gegenüberliegenden rechten Straßenseite steht. Laut mitgebrachter fachkundiger Auskunft handelt es sich hier aber gar nicht um den Löwenturm. Es wird mittlerweile vermutet, dass dies ein einfacher Wasserturm war, da sich darunter der Wasserverlauf eines Stadtbaches befindet. Wir werden darauf hingewiesen, dass man nicht jeder Beschilderung an geschichtsträchtigen Münchner Häusern glauben sollte. Der Behördenapparat läuft (sehr) langsam … Wir überqueren nun die Straße, gehen vorbei an den steinernen Hornviechern und gelangen zum dahinter gelegenen Ruffinihaus. Hier sehen wir eine wunderschöne, gut erhaltene Fassadenbemalung, die unter anderem an den ehemaligen Ruffiniturm erinnern soll, der hier mitverbaut wurde und zur ersten Stadtmauer gehörte.

23-schoene-turmÜber die Pettenbeckstraße (eigentlich ein Gehweg) geht es zurück zum Rosental, hier biegen wir nach rechts ab. Wir überqueren die Sendlinger Straße, folgen dem Färbergraben (nebenbei bemerkt: das „-graben“ bezeichnet immer einen Teil der alten Stadtmauer) bis zum Altheimer Eck, wenden uns nach rechts und laufen dem verlängerten Färbergraben nach. Plötzlich stehen wir auf Münchens großer Einkaufsmeile, hier begegnen sich Kaufinger- und Neuhauser Straße. Heute entdecke ich mit unserer kleinen Gruppe ein Bodenmosaik und eine Bronzeplatte in Erinnerung an den Schönen Turm bzw. Kaufinger Tor am Bekleidungsgeschäft Hirmer. Wir wenden uns zurück und folgen rechts der Augustinerstraße. Natürlich fällt unser Blick auf den Mann im zweiten Drittel des Hauses, dem mit dem Turm auf der Schulter eine unfreiwillige Bürde auferlegt wurde. Die Geschichte dazu finde ich immer noch interessant.

Die weitere Wanderung führt uns am hinteren Teil des Polizeipräsidiums in Richtung Dom, entlang des Frauenplatzes, über die Verlängerung der Löwengrube, nach links über die Windenmacherstraße bis zur Maffeistraße. Hier biegen wir nach links ab, bald darauf nach rechts in die Kardinal-Faulhaber-Straße. Mittlerweile lichten sich die Reihen, aber einige Interessierte wollen das Ende dieser interessanten Führung erleben. Also geht’s für uns weiter bis zur Salvatorstraße, vorbei an der Salvatorkirche, hinter dieser über den Salvatorplatz und endlich zu unserem nächsten Ziel: der Jungfernturmstraße. Auch hier gibt es einen Teil der alten Stadtmauer zu besichtigen. Es ist allerdings die Frage, wie lange noch: Die Baustellen rücken immer näher. Hier stand einmal der Jungfernturm, und auch hier finden wir wieder eine Erinnerungstafel vor. Als der Turm noch stand, wurden hier die Requisiten der Alten Oper gelagert. Mir war bis zu diesem Tag nicht bekannt, dass an der Stelle des heutigen Literaturhauses früher das alte Münchner Opernhaus stand.

28-odeonsplatzWir stehen nun wieder am Salvatorplatz, folgen links dem Amiraplatz bis zur Brienner Straße, weiter geht es nach rechts, kommen vorbei am Wittelsbacherplatz und landen am Odeonsplatz. Hier befinden sich zwischen der Theatinerkirche (St. Kajetan) und der Residenz zwei hoch aufgerichtete Masten. Diese bezeichnen den Standort des Schwabinger Tors, das König Ludwig I. aufgrund seiner Bauwut niederreißen ließ. Aus wahrscheinlich schlechtem Gewissen ließ er diese zwei Masten aufstellen, um an den Standort des Schwabinger Tors zu erinnern.

Zum Abschluss erzählt uns unsere fachkundige Führerin, dass Ende des 18. Jahrhunderts München aus allen Nähten platzte, der Wohnraum war knapp. 1795 verfügte Kurfürst Karl Theodor den Abbruch aller Stadttore und Mauerringe. Was wir heute gesehen haben, sind Reste oder wiederhergestellte Kopien.

Es war ein interessanter Vormittag, wir sind viel gelaufen und haben viel gesehen. Die kundige Führerin und das interessante Thema waren die Anstrengungen wert.

Wer lieber von zuhause aus mehr zum Thema nachlesen möchte, dem empfehle ich folgende Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_Stadtbefestigung und http://www.muenchenwiki.de/wiki/Stadtmauer

(1102)