Konzert: 15.02.19 – Covenant + Empathy Test – Backstage Werk, München

Call the ships and bring the light

 

Fieldworks – Motto der momentanen Deutschland-Tour der Soundgenies aus Schweden und Deutschland und Titel der aktuellen EP, die es (noch) nur auf den Konzerten zu kaufen gibt – die wir aber schon für euch rezensiert haben (hier entlang). Wer sich näher mit Covenant beschäftigt, weiß, wie experimentierfreudig und neugierig die Band ist, wie unberechenbar im Studio und live, wie viele Überraschungen sich immer in den Songs verbergen. Nicht nur mein Herzschlag hat sich daher sicher beschleunigt, als eine neue Tour UND neues Tonmaterial angekündigt wurde. Auch wenn bis vor Tourstart nicht klar war, wie die neuen Songs klingen würden, hatte ich irgendwie das Gefühl, dass hier etwas Besonderes auf uns Fans zukommt – weshalb ich schon in Berlin und Hamburg bei den Auftritten dabei und völlig begeistert war. Die neuen Songs sind höllisch intensiv, die sonstige Setlist eine wunderbare Mischung aus alt und neu, selten und oft gespielt, die Band voller Energie und Freude (dabei sind diesmal Daniel Myer, Andreas Catjar und Eskil Simonsson). Beste Voraussetzungen also für mein drittes Konzert dieser Tour, diesmal als Heimspiel im Münchner Backstage.

DSC_2337Im Gegensatz zu anderen Terminen der Tour ist es nicht ausverkauft, eine Seite des Werks ist sogar abgehängt, doch nach und nach füllt sich der Raum ordentlich, sodass Empathy Test um acht den Abend nicht vor leeren Reihen eröffnen müssen. Das Trio aus England hat sich in den letzten Jahren durch unablässiges Touren große Bekanntheit erspielt und auf der Bühne enorm an Souveränität und Sicherheit gewonnen. Die Songs sind clever gemachter Synthiepop, der manchmal ein wenig arg sanft daherkommt, aber immer perfekt dargeboten wird. Der schlagfertige Sänger Isaac Howlett kann zur Not auch ohne Verkabelung im Ohr hervorragend singen (was er in Berlin bewiesen hat), Schlagzeugerin Christina Lopez sorgt für einen druckvollen Rhythmusteppich, und Keyboarder Sam Winter-Quick kümmert sich um alles andere. Mit Songs wie „Holy rivers“, „Bare my soul“ oder „Vampire town“ sollte der geneigte Synthiepop-Fan absolut glücklich sein, „Demons“ macht sogar ein bisschen mehr Tempo, und bei „Losing touch“ darf man sehr gern melancholisch werden. Wenn sie jetzt noch „Where is the place“ gespielt hätten, wäre ich endgültig glücklich gewesen. Doch offensichtlich bin ich mit meiner Meinung bis auf ein paar beinharte Fans in den ersten Reihen ziemlich allein im großen Rund des Werks, denn wie ein Großteil des Publikums die Band mit Missachtung straft, ist schon fast unverschämt (dabei waren Empathy Test im November erst in der Kranhalle, und die war nicht leer, wie mir erzählt wurde). Isaac fragt zwischendurch, ob wir alle schon wach sind, denn er hört uns nicht – berechtigte Frage, nur wirklich besser wird es danach auch nicht. In Berlin und Hamburg tobte das Publikum, in Nürnberg laut Isaac auch, in München schweigt es – können Geschmäcker so verschieden sein? Die Band verzichtet jedenfalls auf das sonst obligatorische Selfie vor dem Publikum und verzieht sich an den Merch-Stand, wo sie hoffentlich trotzdem noch einiges verkaufen („If I haven’t abused you too much, we have some t-shirts or cds to sell“).

DSC_2481Nach flotter Umbaupause fängt auch schon das obligatorische (und obligatorisch für viele Anwesende verstörende) Intro an. Covenant lieben lange Intros, während derer die Bühne noch leer, aber schon ordentlich vernebelt ist, und die sich gern einige Minuten lang hinziehen können. Finden nicht alle Zuschauer immer so toll, für mich ist es die perfekte Einstimmung ins Konzert. Auf dieser Fieldworks-Tour hat sich die Band noch mal was Besonderes überlegt: An jedem Abend wird eine sogenannte „field recording“ eines der Bandmitglieder gespielt und vorher auf Facebook mit kurzer Erklärung zum Hintergrund angekündigt. In Berlin war das etwa Joakim Montelius‘ Aufnahme aus dem Pantheon in Rom, aus der auch der gleichnamige neue Track wurde, in Hamburg ein hämmernder Heizkörper, den Eskil aufgetrieben hat. Heute Abend werden wir eine Aufnahme von Daniel Myer hören, zu der er auf Facebook schrieb, dass sie aus seiner Zeit in Garbsen stammt, in der er mit seinem dortigen Leben sehr unglücklich war. Eines Abends hat er ein seltsam singendes, enervierendes Geräusch gehört, das sich schließlich als der Wind herausstellte, der durch ein Fenster pfiff. Elektronisch mit „einem meiner Lieblingstools: Paulstrech“ verstärkt, pfeift dieses Intro ganz gehörig durch das Backstage Werk, bis sich schließlich Daniel Myer und Andreas Catjar an ihre imposant und vielfältig ausgestatteten Klangkunststationen begeben und den ersten Klassiker des Abends einläuten: „Feedback“. Ein wunderbar düster-atmosphärischer Einstieg, der von „Like tears in rain“ (trotz der Qualitäten des „Leiermanns“ freue ich mich so sehr über die Originalversion) und dem unsterblichen „Bullet“ perfekt fortgeführt wird. Eskil wirbelt wie gewohnt über die Bühne und entwischt uns Fotografen ständig, Daniel und Andreas zaubern auf den Grundgerüsten der Songs aufbauend immer neue Töne aus ihren unzähligen Kästchen, sodass die Lieder jeden Abend ein bisschen anders arrangiert sind. Ganz, ganz toll, auch wenn ich bei „Bullet“ die Trommeln vom Berlin-Konzert vermisse. Mit „All that is solid melts into air“ bekommen wir dann den ersten Song der Fieldworks: Exkursion EP zu hören, auf den man sich etwas einlassen muss, der einen aber trotzdem vom ersten Hören an gefangen nimmt. Ein intensives und zum Heulen schönes Stück Klangkunst. Bevor es aber zu gefühlig wird, heißt es tanzen – nämlich „to the sound of sirens“. „Theremin“ vom Debütalbum Dreams of a cryotank sorgt live immer zuverlässig für Stimmung, und so auch heute.
Mit „Dies irae“ vom letzten Album The blinding dark gibt es dann einen gewaltigen Zeitsprung, doch ich freue mich über ein weiteres Lieblingslied, das zudem live nicht oft gespielt wird. Eine richtige Überraschung auf dieser Tour ist aber das melancholische „Atom heart“, die B-Seite der „Bullet“-Single, die sicher bisher nur die Spezialisten unter den Fans kannten. Wobei es sich mittlerweile rumgesprochen haben dürfte, dass sich immer großartige Songs auf den Singleauskopplungen sowie Bonus-CDs verbergen („In theory“, „XRdS“ oder „Fuzzy logic“ zum Beispiel. Oder „Alva Myrdal“!) und der Kauf unbedingt lohnt. Und wie man sieht, schaffen es die Songs sogar ab und zu auf die Bühne. „Atom heart“ wird von Eskil folgendermaßen angekündigt: „I hope we can meet your expectations today. But can you meet mine?“ Hoffentlich konnten wir das! Danach wird es spannend, denn Daniel packt sein Mikro, ein wahres Blitzlichtgewitter geht los, und die ersten Töne von „False gods“ ertönen – der Hammer! Der Song ist eine Kollaboration zwischen Covenant und der französischen Musikerin Grabyourface (unser Band-der-Woche-Interview mit ihr gibt es hier zu lesen), deren Gesangsparts Daniel live zum großen Teil übernimmt. Aggressive Beats, seine kräftigen Shouts und schließlich die umwerfende Trommeleinlage von ihm und Andreas – das ist ganz großes Kino und lässt mich auch beim dritten Konzert (und zweiten mit den Trommeln) wieder sprachlos zurück. Die Kombination aus Licht, Sound, Stimme und Rhythmus raubt einem wirklich den Atem, und das im Vergleich dazu liebliche (und natürlich überirdisch schöne) „20 hz“ ist da eine willkommene Erholung. So langsam breitet sich der Jubel im Publikum auch auf die hintere Raumhälfte aus, die bisher noch nicht so recht im Konzert angekommen zu sein schien. Bei „Ignorance and bliss“ sind dann aber doch die meisten freudig dabei, diesem Ohrwurm mit dem eigentlich viel zu netten Refrain und dem tiefernsten Text. Und weil wir noch nicht genug geschwelgt haben, kommt auch noch gleich „We stand alone“ hinterher. Mein persönlicher Garant für Tränen und tiefe Ergriffenheit, außerdem kann man wunderbar dazu springen und glücklich sein. Der Band geht es genauso, Andreas und Daniel holen mit vollem Körpereinsatz alles aus ihren Instrumentarien heraus, Eskil schwebt ebenso glücklich wie das Publikum über die Bühne, und die Energie im Raum ist fast überall mit Händen greifbar. Luft holen und andächtig genießen können wir beim nächsten Stück, dem fantastischen Beitrag von Andreas Catjar zur Fieldworks-EP, eine Umsetzung der ersten Aventüre des Nibelungenliedes, deren Text aus der Felix-Genzmer-Übersetzung Eskil auf Deutsch rezitiert. Dieses kleine Kunstwerk live erleben zu dürfen, ist wirklich etwas Besonderes. Ebenso besonders ist „Babel“, denn das wird so selten gespielt (und ist übrigens ursprünglich auch ein B-Seiten-Titel, nämlich von „Stalker“), dass mir schon bei der Ankündigung die Luft wegbleibt. Es ist einer ihrer dramatischsten und düstersten Tracks, der die eindringliche Nibelungen-Stimmung aufnimmt und gnadenlos verdichtet. (Ich musste wieder ein bisschen weinen.) Das fluffige und hochgradig tanzbare „The men“ durchbricht nach einer kurzen philosophischen Einleitung Eskils (kurz zusammengefasst: Was definiert mich? Meine Herkunft aus Schweden, aus einer Kleinstadt?) diesen Kokon aus Emotionen und liefert die willkommene Erleichterung, bevor „Ritual noise“ als einer der Überhits der Band große Teile der Halle dann zum Kochen bringt. Den Song kennt wirklich jeder, was bei dem einen oder anderen alten Klassiker nicht immer der Fall ist, und auch hier sind die Trommeln von Andreas und Daniel das Sahnehäubchen.
Die Band zieht sich kurz von der Bühne zurück, aber es ist klar, dass es noch eine Zugabe gibt. Eskil erzählt, wie er eine Verbindung zu der Welt um sich herum aufbaut, die ihn allerdings auch oft verwirrt und traurig macht – daraus wurde „Happy man“. Er singt eindringlich zu leiser Begleitung, wird dabei allerdings vor allem im hinteren Teil des Raums (ich stehe neben dem Mischpult) von ungewöhnlich vielen sich lautstark unterhaltenden Konzertgästen übertönt. Sehr schade und sehr unhöflich, und so bin ich – so traurig das ist – froh, als es mit „Flux“ wieder sehr alt und dank Andreas‘ Trommeleinsatz etwas heftiger wird, damit ich die Störer ausblenden kann. Ob Eskil deshalb den nächsten Song, der nicht fehlen darf, mit „meine Damen und Herren, friends and enemies“ ankündigt? Bei „Call the ships to port“ herrscht dann aber doch sehr euphorische Stimmung in der Halle, vielleicht haben viele auch nur darauf gewartet? Weil es so schön ist, bekommen wir sogar noch eine zweite Zugabe, Daniel Myer ist der „Lightbringer“, und dann ist das Konzert wirklich aus und vorbei.

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Die Leistung der Band – Songauswahl, Bühnenpräsenz, göttliche Improvisationen, die Trommeln bei „False gods“ usw. – sowie die beeindruckende Lightshow von Rico Münzer haben mich auch beim dritten Tourkonzert wieder restlos begeistert. Am liebsten würde ich den Abend auch ausschließlich als zauberhaft in Erinnerung behalten, aber dafür habe ich mich doch zu sehr über eindeutig zu viele Leute aus dem Publikum geärgert, die das Konzert in der hinteren Publikumshälfte empfindlich durch ständiges Herumlaufen und lautes Reden gestört haben (und das war noch nicht mal in Barnähe, sondern zog sich viel weiter vor). Vor allem in den ruhigen Momenten. Das muss doch nicht sein. 
Ein großer Dank geht an Empathy Test, die trotz erschwerter Bedingungen einen einwandfreien Auftritt hingelegt und hoffentlich doch den einen oder anderen neuen Fan hinzugewonnen haben.

Ein ebenso großes Dankeschön geht an DJ Sconan, der die Aftershowparty wie immer vorzüglich beschallt und damit auch einige Musiker des Abends auf die Tanzfläche gelockt hat.

Bands/Musik/Licht/Songs :mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch: 

Publikum :mosch: :mosch: :mosch: :rtfm: :rtfm:

Setlist Covenant:
1. Field recording des Tages/Daniel Myer
2. Feedback
3. Like tears in rain
4. Bullet
5. All that is solid melts into air
6. Theremin (club)
7. Dies irae
8. Atom heart
9. False gods
10. 20 hz
11. Ignorance and bliss
12. We stand alone
13. Die Nibelungen
14. Babel
15. The men
16. Ritual noise

17. Happy man
18. Flux
19. Call the ships to port

20. Lightbringer

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