Phoebe

Ein ausnehmend schöner Tag heute! Trotzdem muss ich mich mittags schon in Richtung Oper begeben. Ich muss anstehen für das Ballett „Der kleine Prinz“. Meine neue Sister-in-Art ist mit dabei. Sie war noch nie in der Oper, und es macht richtig Spaß ihre Freude über das schöne Innenleben zu sehen.

Phoebe_Montag_BallettDas Ballett von Bryan Arias ist anders als erwartet (nicht für mich natürlich, ich habe mich vorab schon eingelesen, Streberin halt). Nichts mit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“, der kleine Prinz mit dem Füchslein und so. Es ist schwer, ohne Text einen komplexen Sachverhalt nur tänzerisch ausgedrückt zu verstehen. Aber mit ein bisschen Mühe, und wenn man das Büchlein kennt, kann man die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge schon erkennen. Toll inszeniert und getanzt ist es auf jeden Fall, ergreifend.
Nach 17 Uhr dann wieder draußen im Tageslicht, möchte ich mich zuerst am liebsten mit einem Eis oder einem kühlen Getränk irgendwo in die Sonne setzen. Phoebe_Montag_Corde-ObliqueAber ich probiere, ob ich es schaffe, in meinem Zeitlupentempo (der Fuß!) noch so zeitig ins Schauspielhaus zu kommen, dass ich mit dem Schatz Corde Oblique sehen kann. Oh ja, ich schaffe es, und in den bequemen Sitzen lausche ich der Musik dieses bezaubernden Duos. Corde Oblique ist seit 2005 das Projekt von Riccardo Prencipe (Komponist, Kunsthistoriker) aus Neapel und gehört zu den wichtigsten ätherischen progressiven Neofolk-Bands aus Italien. Er holt sich immer gesangliche Unterstützung von verschieden Sängerinnen. Ein wunderschönes Konzert wird hier gegeben. Die bezaubernde, charismatische Rita Saviano macht absolut charmant die Anmoderationen, überbrückt launig kleine Sekunden, zum Beispiel wenn eine Gitarrensaite reißt. Als sie in ihrem aufregenden langen schwarzen Kleid ihre Schuhe auszieht, ahne ich, dass etwas Wildes kommt. Phoebe_Impressionen_60-Seconds-to-NapoliZum letzten Stück tanzt sie barfuß, und man möchte ihr die Füße küssen, so anmutig und aufregend gleichzeitig ist das alles.
Was liegt danach näher, als um die Ecke in unser liebgewonnenes 60 Seconds to Napoli zu gehen, zu einem schönen Salat, zu Pizza und was Kaltem zu trinken? Denn danach ist wirklich Schluss. Das letzte Mal mit der Tram zur Ferienwohnung, und am nächsten Tag geht es wieder nach München zurück. Ich bin wie immer sehr wehmütig und freue mich schon intensiv auf das nächste WGT – wie immer.

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Yggdrasil

~ Montag – Der Tag des Grauens ~
Nun also ist es soweit, der letzte Tag bricht an. So sehr man versucht, sich nicht emotional mitnehmen zu lassen, so verfällt man doch in ein Gefühl der Trauer, weil sich das Festival so langsam zum Ende neigt. Ich beschließe noch einmal in die Innenstadt zu fahren und einen langen Spaziergang zu machen, um noch ein wenig Leipzig gedanklich mit nach München zu nehmen. Das Wetter ist auch an diesem Tag recht unbeständig, was jedoch tausend Mal besser ist als 35 Grad im Schatten. Corde-Oblique-Schauspielhaus-Montag-1-1030x773Nachdem ich an der Moritzbastei mit ein paar Festivalbesuchern ins Gespräch komme, fahre ich zu meinem letzten Veranstaltungsort, dem Schauspielhaus, wo um 18 Uhr die aus Neapel stammende Formation Corde Oblique spielen. Neapel und Neofolk passen ja so gut zusammen, siehe Argine und Corde Oblique! Riccardo Prencipe und Rita Saviano machen mich stolz eben aus dieser Stadt zu kommen. Mediteraner Folk vom Allerfeinsten. Fröhlich festlich, aber gleichzeitig auch nachdenklich melancholisch ist ihre Musik. Riccardo Prencipe ist ein Hexer an der Gitarre. Wer sie schon einmal live gesehen hat weiß, dass die Musiker absolute Perfektionisten sind. Ein Hammerkonzert zum Abschluss. Das WGT endet mit einer super leckeren Pizza in der Nähe des Schauspielhauses.

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Ankalaetha

Trotz dem eigentlich gar nicht so sehr späten Ende des letzten Abends sind wir irgendwie total fertig, und der Alltag meldet sich leider auch teilweise schon wieder zurück, in Form von E-Mails und Reiseplanung. Bis wir endlich mal aus dem Haus kommen, hat die Dark Affair schon zu, aber im Gepäck wäre eh kein Platz für Neuanschaffungen gewesen.Anna_Shakespearestraße Wir gehen zur Moritzbastei, wo wir heute auch ohne Bändchen runtergehen dürfen, essen und trinken erstmal was, genießen nochmal die Atmosphäre und einen Ratsch mit Bekannten aus Schweden, die in erster Linie wegen dem Gothic Pogo in Leipzig waren, und  schaut auch noch mal kurz vorbei. So richtig in Stimmung kommen wir aber nicht mehr und gehen relativ früh wieder nach Hause.

Fazit des Experiments „WGT ohne Karte”: Ich brauche gar kein Bändchen, um die Hälfte von dem, was ich eigentlich vorhatte, dann doch zu verpassen, das schaffe ich auch so …Man hätte so viel mehr mitnehmen können – Vorträge, Veranstaltungen, Treffen oder auch den Auftritt von Tilly Electronics auf der Dark Affair am Samstag. Oder zumindest so viel mehr von Leipzig sehen, wenn man doch jetzt einmal Zeit dafür gehabt hätte. Natürlich sind vier Tage halt auch gar nicht so lange, und man ist ja auch keine 24 mehr, aber dass man einen Tag quasi komplett „verdaddelt”, wäre mit Karte vermutlich nicht passiert. Am meisten vermisst habe ich trotzdem nicht die Konzerte, sondern das entspannt-gesellige Abhängen in den diversen „nur mit Bändchen”-Locations – ob sich aber nur dafür die Karte lohnt? Wohl eher nicht. Deshalb wird es für mich auch nächstes Jahr wieder davon abhängen, wer auf dem Programm steht, ob ich eine kaufe oder nicht.

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Mrs. Hyde

Heute wollen wir eigentlich zum Heidnischen Dorf, doch die Einlassschlange des Todes macht uns leider erst einmal einen Strich durch Rechnung. Also ist erst einmal Agra-Treffen angesagt, da das Musikprogramm am Nachmittag keine nennenswerten Alternativen für uns bietet und uns der Horrorpunk im Täubchenthal auch nicht reizt. Dann der Schock: Vive La Fête haben krankheitsbedingt abgesagt, dabei waren sie der zweite Hauptgrund fürs WGT für uns. Ein paar Trost-Pommes später versuchen wir dann doch unser Glück im HeiDo, und die Tagesausflügler*innen sind tatsächlich schon weg. Zu den Klängen von Mila Mar lassen wir uns durch das Heidnische Dorf treiben und genießen einen Baumstriezel. Außerdem kann ich noch einen kleinen Tierschädel und Wirbelknochen für einen neuen Ohrring ergattern. Anschließend fläzen wir uns auf die Wiese, bis Tanzwut beginnen, die ich ganz anders in Erinnerung hatte. Es ist irgendwie Mittelalter-Punkrock mit einem Schuss Böhse-Onkelz-Pathos. Merciful-Nuns2_SWVerkauft sich das gut, oder bin ich diesbezüglich einfach zu allergisch? Wie auch immer, Zeit zu gehen, denn ohnehin spielen die Merciful Nuns in der Agra, die mit ihrem Gothic Rock nahe der Fields Of The Nephilim eine wunderbare dunkle Atmosphäre zelebrieren. Blitzkid wären jetzt eine tolle Option im Täubchenthal, aber dafür müssten wir einmal quer durch die Stadt juckeln, was uns heute abschreckt, zumal als Ersatz für Vive La Fête nun Welle:Erdball einspringen, die immerhin eine ähnliche Musikrichtung bedienen. Welle-ErdballSie feuern ihre Hits ab und liefern eine gewohnt gute Show, wofür sie vom Publikum in voller Halle verdient gefeiert werden. Als letztes würden noch Kirlian Camera spielen, aber darauf haben wir jetzt keine Lust, dafür war deren letztes Konzert zu langatmig für uns. Wir verabschieden uns, und an der Tanke hole ich noch ein Sterni, mit dem ich das WGT im Dunkeln auf dem Balkon unserer Ferienwohnung ausklingen lasse.

Schön war’s, und trotzdem bin ich ein wenig wehmütig. Es kam uns überall deutlich leerer vor als sonst, 18.000 Besucher*innen heißt es hinterher in den Medien. Da hätte ich nur auf 15.000 geschätzt aufgrund meiner langjährigen Erfahrung. Die mediale Ausschlachtung nervt mich zusehends, nicht nur von Bild und TV, auch seitens YouTubern und Gothic-Influencern, die ich mehrfach beobachtet habe. Quo vadis, Subkultur? Es ist mein 25. WGT in Folge gewesen, und irgendwie hat sich mit der Zeit so eine Routine eingeschlichen. Bestimmte Musikrichtungen finden in den immer gleichen Locations statt, und wenn mensch einen gewissen Musikgeschmack hat, trifft mensch dort auf die immer selben Menschen. Das hat durchaus auch etwas schönes, vertrautes, aber es fehlen mir einfach insgesamt Überraschungsmomente. Irgendwie habe ich alles schon gesehen. Sicherlich werden wir auch nächstes Jahr wieder nach Leipzig fahren, aber ob wir wieder ein Ticket kaufen, zumal das Gothic Pogo Festival unseren hauptsächlichen Musikgeschmack ohnehin bedient – wir werden sehen.

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torshammare

~ Montag ~

Der Montag ist traditionell entspannt. Das Bandprogramm ist meistens nicht mehr ganz so spektakulär, die Füße tun weh, Kopf und Herz sind voll mit tollen Erlebnissen. Also ab auf die agra, noch mal in Ruhe durch den Markt schlendern, shoppen und mit Freund*innen quatschen, außerdem draußen Leuteschauen, damit das auch nicht zu kurz kommt. Und wie immer lande ich danach erstmal in der Kuppelhalle bei mir unbekannter Experimentalelektronik (das dann alles von Ambient bis Industrial sein kann), wo ich schon tolle Entdeckungen gemacht habe. Sabine-Meta-Meat-MoMeta Meat aus Frankreich eröffnen den Tag, und das ist schon mal etwas ganz anderes für die Hörgewohnheiten. Das Duo mischt Rhythmik (diverse Trommeln) mit arabisch-orientalischen Melodien und Gesang, „Tribal-electronic performance duo“ heißt es dazu auf der Bandcamp-Seite, und das trifft es ziemlich gut. Faszinierend zum Zusehen und Zuhören, und wer am Montagspätnachmittag noch tanzen kann, tut das auch. Das Ganze würde ich mir zu Hause vielleicht nicht unbedingt anhören, doch im Rahmen der wunderschönen Kuppelhalle, auf dem WGT, ist das perfekt. Sabine-Aska-MoEin bisschen weniger perfekt ist für mich danach Aska aus Island, der Dark Ambient spielt. Per se kann ich gut mit Dark Ambient, und grade montags im Volkspalast mag ich das sehr, heute will der Funke nicht überspringen. Vielleicht ist mir das Material zu wenig dark? Doch zu ruhig? Jedenfalls verziehe ich mich bald wieder und fahre zurück in die Innenstadt, wo ich den Abend in der Moritzbastei verbringen werde, wo um kurz nach neun mein letztes Festivalhighlight auftreten wird, nämlich Emmon aus Schweden. Davor treffe ich noch die Mitbewohner*innen in der MB, in die man heute auch ohne Bändchen kommt, wir quatschen eine Weile, dann sichere ich mir doch lieber schon einen guten Platz in der Konzerttonne. Mit anderen Freund*innen lande ich sogar in der ersten Reihe, und selbst, wenn wir da wieder weggewollt hätten – keine Chance. Irgendwer hatte zuvor Red Bull auf dem Boden ausgeschüttet, und das hält besser als jeder Klebstoff (für euch getestet). Sabine-Model-Collapse-MoModel Collapse sehen wir so aus nächster Nähe, die sich anfangs durch einige technische Stolperer kämpfen müssen, dann aber loslegen können. Der Auftritt ist als Live-Premiere angekündigt, und ja, das merkt man dem Duo auch ein wenig an. Die Musik ist schwer zu beschreiben, mal zart wie die ätherische Sängerin am Mikro, mal kreischt die Gitarre des Gitarristen (leider habe ich bis auf eine karge Instagram-Seite so gut wie nichts über die Band herausgefunden), mal mit deklamierendem Sprechgesang. Viel Atmosphäre und Nebel, viel Kunst – sicher nicht für jedermensch was, die Tonne ist auch eher locker gefüllt. Mich beeindruckt der Auftritt dieses wohl recht neuen Projekts dennoch, und ich hoffe, noch mehr über die beiden herauszufinden.
Danach steigt die Spannung, denn gleich stehen Emmon auf der Bühne – heute leider ohne Gastauftritt von Emanuel, ASG mussten schon wieder zurück nach Schweden. Dafür sehe ich dieses Mal Niklas Kärreskog (auch aktiv als Person:a) neben Jimmy Monell an den Synths, der vor ein paar Wochen beim E-Only nicht dabei war. Emmon in Vollbesetzung also, und das merkt man, denn vom ersten Moment an ist der Auftritt ein einziger Abriss. Emma Nyléns extrem mitreißende Performance, die Beats, die Ohrwurmsongs („Dark“, „Machines“, „Purebloods“, ach, einfach alle), die mittlerweile knallvolle Konzerttonne, die komplett steil geht – das alles ist der helle Wahnsinn. Sabine-Emmon-MoZwischen Tanzen, Feiern und Jubeln ist aber auch Raum für zarte Momente (Emma freut sich zum Beispiel sehr über ein Mädchen, das mit Gehörschutz auf dem Bühnenrand sitzt, und redet kurz mit ihr) sowie die Live-Premiere von „No man’s land“, einem Song von der neuen EP Xception (Rezi hier). Wunderschön und sehr melancholisch! Mit „Like a drum“ endet der Auftritt von „Schwedens Electroqueen“, und es ist ein Wunder, dass keine Steine aus der Decke gebröckelt sind. Ich reiße mich – buchstäblich, Red Bull auf dem Boden verleiht definitiv keine Flügel – aus der ersten Reihe los und schnappe im Vorraum nach Luft, wo die Leute den Merch-Stand plündern und Emma umlagern. In der Tonne geht die Party mit Knight$ weiter, ich lasse diesen fantastischen Abend mit Gesprächen und ein wenig Krach auf den Noise Floors ausklingen und fahre um zwei zurück in die Ferienwohnung.

~ Dienstag ~

Der Tag der Abreise ist immer sehr wehmütig. Die Mitbewohner*innen kehren nach Skandinavien zurück, der Abschied aus der schwarzen Welt und Leipzig, das uns alle immer so liebevoll empfängt, fällt schwer. Doch die Ferienwohnung ist schon fürs nächste Jahr reserviert, und immerhin nehmen wir viele schöne Erinnerungen mit. Interessant wird auch, wie die Entwicklung des WGTs weitergeht. Dieses Jahr waren deutlich weniger Besucher*innen vor Ort, und es gab noch mehr WGT-unabhängiges schwarzes Parallelprogramm in der ganzen Stadt, das man auch ohne Bändchen gegen entsprechenden Eintritt oder sogar gratis nutzen konnte. Für die programmatische Vielfalt eine schöne Entwicklung und passt auch zu dem Treffencharakter von Pfingsten in Leipzig, aber eben auch für viele ein Schritt weg vom eigentlichen WGT. Wir werden sehen.

 

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