Knopf im Ohr

Eine Kindheit Mitte des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Stadt ist für kleine Mädchen und junge Frauen sicher nicht immer leicht gewesen. Obwohl die Familie der kleinen Margarete, Gretle genannt, nicht arm ist, wird sie streng erzogen. Besonders schwer hat sie es, weil sie seit ihrer Kinderlähmung nicht laufen kann. Ihre größeren Schwestern beziehen sie ein, wo immer sie können, doch ihre Mutter empfindet sie als Bürde. Eigentlich soll sie immer nur irgendwo sitzen und Handarbeiten verrichten. Dabei ist Gretle so interessiert, klug und unternehmungslustig!

Sie kann doch auf dem Boden rutschen, die anderen können sie irgendwohin tragen, sie will doch auch überall mit dabei sein! Sie empfindet sich als gesund – kann eben nur nicht laufen. Nach einigen Versuchen mit Ärzten, Operationen und Kuren entscheidet sie noch im Jugendlichenalter, dass sie nichts mehr davon versuchen wird. Damit sie der Mutter nicht zur Last wird, fängt sie sehr früh mit ihren Schwestern an zu nähen, obwohl es ihr mit dem einen kranken Arm schwer fällt. Die drei jungen Frauen werden Schneiderinnen. Doch nicht nur das, Gretle eröffnet alleine für sich, nur mit beratender Unterstützung ihres Bruders, ein florierendes Filzgeschäft und beschäftigt eigenes Personal. Bis eines Tages im Jahr 1879 eine kleine Spielerei einen Grundstein legt: Sie näht für ihre Schwägerin ein Nadelkissen in plastischer Form eines „Elefäntle“. Alle Kinder, die diesen kleinen Elefanten sehen, sind wie verzaubert. Gretle hat ab da ganz andere Dinge als ursprünglich vor mit ihrem Filz und Füllmaterial, bis es irgendwann zum Teddybären mit dem Knopf im Ohr kommt. Dieser hat heuer seinen 120. Geburtstag.

Dieses zauberhafte Buch hat mich von Anfang an in den Bann genommen. Alles zog wie in einem schönen, langen, ruhigen, detailverliebten Film vor meinen Augen vorbei. Die Kindheit in Giengen an der Brenz, die strengen aber doch liebevollen Eltern, der Ideenreichtum, um Gretle am Leben aller teilhaben zu lassen, ihre Sehnsüchte und Wünsche, die Verzweiflung, wenn man irgendwo abgesetzt wird, zum Sticken und Häkeln verdammt, obwohl man doch eigentlich die Welt erkunden möchte. Dem kleinen Gretle wird anfangs nichts zugetraut. Im Gegenteil, sie würde wohl allen nur lebenslang zur Last fallen, weil sie ja auch keinen Mann abkriegen würde, der für sie sorgt. Wie sie sich aber mit Klugheit, Stärke, Humor und ausgeprägter Neugier freikämpft, das ist wunderschön zu lesen. Alle haben sie gern, sie kann ihre Freundschaften pflegen, Reisen unternehmen, sie ist eine gerechte, auf ihre Arbeiterinnen schauende Chefin und Unternehmerin. Sogar für aufkeimende Liebe ist Platz, und warum auch nicht, Gretle ist ja völlig gesund, nur laufen kann sie nicht.

Diese Biografie ist in Romanform mit regelmäßigen Rückblenden geschrieben. Die Autorin Maren Gottschalk hat eine Reihe von Büchern über Margarete Steiff gefunden, eine Biografie über sie und Lebenserinnerungen von ihr selbst. Dabei blieben aber viele Fragen offen. Es geht hier selten um Sehnsüchte, Gefühle und Ängste. Diese hat Maren Gottschalk mit schriftstellerischer Freiheit eingebaut, so wie sie sich die historische Gestalt vorgestellt hat.

Das Buch hat mich so berührt, dass ich sehr bald Giengen an der Brenz besuchen und mir das Margarete-Steiff-Museum ansehen will. Als Kind habe ich nie ein Steiff-Tier bekommen. Zu teuer. Das wird aufhören!

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Maren Gottschalk: Fräulein Steiff
Goldmann Verlag, Vö. 20. Juni 2022
416 Seiten
Gebundenes Buch: 24 Euro, eBook: 15,99 Euro

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