Ein kleines bisschen Horrorshow

Nein, hier kommt nicht Alex, wenn der Vorhang aufgeht, sondern die Bloodsucking Zombies From Outer Space aus dem extraterrestrischen Wien. Seit 2002 sind die Horrorfreaks bereits aktiv und haben neben diversen EPs acht Studioalben veröffentlicht, von denen das letzte All these fiendish things letzte Jahr erschienen ist. Waren die Anfänge noch recht Psychobilly-lastig, haben BZFOS das enge Genre-Korsett schnell gesprengt und mit erweiterten Horrorpunk-Einflüssen ihr ganz eigenes Genre Horrorbilly geschaffen. Heute Abend treten sie ohne Vorband auf, aber einen Anheizer haben sie ohnehin nicht nötig.

Der Club füllt sich schnell, und so wird kurz vor acht sogar die Galerie geöffnet, es scheint knapp vor ausverkauft zu sein. Die Bühne ist passend schaurig dekoriert, dennoch zieht es sich, bis mit halbstündiger Verspätung das Licht erlöscht und das Intro ertönt. Nach und nach nehmen die reichlich untot geschminkten Drummer Scary Germs, Gitarrist Mr. „Jim“ Evilize, Dejan Decay am Kontrabass und Reverend „Bloodbath“ mit Gitarre und Keyboard unter lautem Beifall und Gejohle ihre Positionen ein. Sänger Dead „Ritchy“ Gein taucht erst aus dem Bühnennebel auf, nachdem die anderen mit dem ersten Stück „This ain’t no Halloween costume“ bereits begonnen haben. Die Stimmung steigt sofort und explodiert gleich beim Refrain, den die meisten direkt mitsingen. Nahtlos geht das Stück in „Max the taxidermist“ über. Nun begrüßt Ritchy das Publikum: „Seid ihr gut drauf?“ – Aber hallo! – „Wenn ich ‚Shock‘ sage, sagt ihr ‚Rock‘!“ Auch ohne diese Ansage hätte das mit dem Mitsingen bei „Shock rock romance“ natürlich anstandslos funktioniert. Das Bühnenlicht stellt vor allem Ritchy als Frontmann in den Focus, der noch dazu oft auf eine Kiste steigt, um seine Präsenz noch zu erhöhen. Das ist einerseits konsequent, aber auch ein bisschen schade, dass seine Mitstreiter meist im Halbdunkeln stehen und im Nebel versinken. Dabei sind ja auch sie vorzeigbar geschminkt. „Bela Kiss“ ist ein ungarischer Serienmörder, der seine weiblichen Opfer in Fässern versteckte, und handelt nicht etwa von Bela Lugosi, wie man (dem Titel nach durchaus nicht unpassend) vielleicht meinen könnte. Plötzlich erscheint der Killer tatsächlich auf der Bühne, lädt eins seiner zahlreichen Fässer ab und tanzt noch eine Runde für das johlende Publikum. Zu „Werewolf in a girl’s dormitory“ trägt Ritchy einen schwarzen Kinderwagen auf die Bühne und entnimmt ihm vorsichtig ein kleines Werwolf-Baby. „Oh, wie süß!“ entfährt es einigen Anwesenden. Zärtlich agiert er mit ihm und bettet es wieder liebevoll in sein Bettchen, woraufhin ein echter Werwolf auf die Bühne springt. Nun heißt es „After the storm“, bei dem Ritchy eine Keule mit langen Stacheln teilweise gefährlich nah an den Köpfen der vorderen Zuschauer vorbeischwingt. No risk, no fun! „Wir spielen jetzt unser erstes Stück!“ Das sorgt wieder für Begeisterung, „Moonlight sonata“ wird inbrünstig mitgesungen.

„Vielen Dank!“ entgegnet Ritchy auf den einsetzenden Jubel. „Das nächste Stück ist ein romantisches Stück!“ Dabei darf man bei „Dr. Freudstein“ durchaus geteilter Meinung sein, das er mit einer Säge schaurig untermalt und dem armen Doktor die Schädeldecke aufsägt. Spaßeshalber setzt er auch bei dem einen oder anderen Kopf in der ersten Reihe an. Nun folgt das Ramones-Cover „Pet Sematary“, bei dem die ersten Leute in der Menge ausflippen. Zu „Night flier“ erscheint Ritchy in einem schwarzen Kostüm samt Hut und seltsamer Brille, das man sich als eine Art Steampunk-Vogelscheuche vorstellen muss. Der Nebel dazu macht die Atmosphäre perfekt, und am Ende sorgt die Brille für Erleuchtung. Auch „Mondo video“ endet im Pogo, bevor Ritchy bei „Good guy rag doll“ vergnügt mit Chucky, der Mörderpuppe, im Arm tanzt. „Darf ich vorstellen: Das ist Chucky! Chucky ist mein Sohn!“ Die Menge jubelt, und bezeichnenderweise wirft er seinen Sohn dann in die Ecke. Nun erscheint ein Priester auf der Bühne und schwenkt Weihrauch, um das Böse auszuräuchern. Die Band stimmt darauf „Nice day for an excorcism“ an, zur Unterstützung verspritzt der Priester Weihwasser, bevor er dem am Boden knienden Ritchy sogar ein Mal auf die Stirn brennt, um den Dämon in ihm auszutreiben. Doch als er am Schluss aus der Bibel zitieren will, beginnt diese tatsächlich zu brennen, und der Priester ergreift die Flucht. Da hat wohl der Dämon am Ende doch gewonnen. Für „Singende Kinder von Hernals“ wirft sich Ritchie mit der Uniformjacke eines Zirkusdirektors in Schale und dirigiert mit einem überlangen Taktstock die mitsingende Menge. Mit „Rainy season“ endet schließlich der reguläre Teil der Show: „Vielen Dank für diesen wundervollen Abend! Dankeschön!“ Bis auf den Reverend verschwinden alle im Backstage, er lässt den Song gefühlvoll am Klavier aka Keyboard ausklingen.

Doch das Publikum ist laut und fordert noch mehr blutige Schmankerl, und so kehren die Jungs zurück „from outer space“ und legen mit „Radio active“ nach. Es folgt „Monster mutant boogie“, auf das einige nur gewartet haben und wieder in den Pogo übergehen. Ritchy reißt ein Bier auf, reicht die überschäumende Flasche nach nur einem Schluck ins Publikum weiter und intoniert einen „Hey-Hey!“-Sprechchor, zu dem viele Arme in die Höhe gereckt werden. Mitten im Song geht dieser in ein Misfits-Medley über, als Ritchy unvermittelt erst „I want your skulls“ und kurz darauf „Halloween“ anstimmt. Die Stimmung ist allenthalben auf dem Höhepunkt, noch einmal geht es zum „Monster mutant boogie“ rund, bevor originellerweise auch noch „I’m just a teenage dirtbag, baby“ von Wheatus verwurstet wird. „Dankeschön!“ Ritchy winkt, und die Band zieht sich wieder zurück. Doch damit nicht genug, denn wieder wird energisch eine Zugabe verlangt. „1, 2, 3, 4!“, erst mit dem Uptempo-„Poison“-Cover von Alice Cooper findet der Abend sein Ende, das wiederum begeistert mitgesungen wird. Regulär wäre jetzt eigentlich Schluss, aber die Stimmung ist einfach zu gut. „Seid ihr mit uns?“ fragt Ritchy zweimal, da sagt natürlich niemand Nein. Als nicht geplante Zugabe kommt „I wanna be somebody“ von der Glam-Metal-Band W.A.S.P. zum Einsatz, das dankbar abgefeiert wird. Die Band verabschiedet sich gemeinsam, und damit ist nun wirklich Schluss, vom obligatorischen Gedränge am Merchandise-Stand natürlich einmal abgesehen.

Fazit: Ein kleines bisschen Horrorshow im Backstage Club, und was für eine. Dessen Größe ist genau richtig, um dieses „Mittendrin statt nur dabei“-Feeling zu erzeugen. Die Bloodsucking Zombies From Outer Space rocken nicht nur die Hütte, ihre Show bietet eine perfekte Mischung aus Horrorelementen, B-Movie Trash und Selbstronie, die allen Anwesenden Spaß macht. Der Alltag ist oft ernst genug, und vielleicht gerade weil morgen Montag ist, wollen heute Abend alle zusammen dessen Horror entfliehen.

Setlist BZFOS:
This ain’t no Halloween costume
Max the taxidermist
Shock rock romance
Bela Kiss
Werewolf in a girl’s dormitory
After the storm
Moonlight sonata
Dr. Freudstein
Pet Sematary (Ramones Cover)
Night flier
Mondo video
Good guy rag doll
Nice day for an excorcism
Singende Kinder von Hernals
Rainy season

Radio active
Monster mutant boogie

Poison (Alice Cooper Cover)
I wanna be somebody (W.A.S.P. Cover)

(2028)