Serienperfektion a la Neil Gaiman

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Mit der ständigen Überfütterung an neuen Serien auf verschiedensten Streaming Plattformen muss ich ehrlich sagen, ich verfolge die neuesten Hypes nur noch oberflächlich. Es gibt nur noch sehr, sehr wenige Serien, bei deren Ankündigung ich aufhorche und auf die ich mich wirklich freue. Aber Sandman ist definitiv eine davon.

Viele Comicadaptionen, ob für Fernsehen oder die große Leinwand, werden von Fans und manchmal sogar den Autor*innen und Künstler*innen der Comics selbst als Enttäuschung empfunden. Vielleicht hat es deshalb 30 Jahre gedauert, bis Neil Gaiman die Rechte vergeben hat. Viele Stimmen unkten, das könne ja nichts werden, der Stoff sei unverfilmbar (Herr der Ringe, anyone?), zu komplex, zu sehr in das Graphic Novel-Medium eingebettet. Ich hatte immer das Gefühl, wenn Gaiman es nach so langer Zeit versucht, dann nur, weil er weiß, dass es funktioniert. Mit anderen Worten: Meine Erwartungen waren enorm. Und sie wurden nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.

Die erste Staffel von Sandman umfasst in etwa die ersten 20 Ausgaben der Comics. Für Neueinsteiger: Wir folgen Morpheus, dem Herrscher der Träume, wie er in einem verunglückten Ritual von Sterblichen beschworen wird und über 100 Jahre lang gefangen bleibt. Als er sich befreien kann, stellt er fest, dass während seiner Abwesenheit nicht nur sein Traumreich halb verfallen ist und viele Träume (und Alpträume) es verlassen haben, sondern auch, dass die Insignien seiner Macht über die halbe Welt und darüber hinaus verstreut sind. In den ersten fünf Folgen begibt sich Morpheus auf die Reise, um diese wiederzubeschaffen und sein Reich wieder instand zu setzen, doch dann stellt sich ihm eine neue Herausforderung: Ein Traum-Vortex, der die Macht hat, die Grenzen zwischen Träumen und der Realität einzureißen und die Welt damit zu zerstören…

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Soviel zur Handlung. Es ist deutlich erkennbar, dass Sandman eine Geschichte mit epischen Ausmaßen ist, deren Adaption fürs Fernsehen eine enorme Herausforderung darstellen muss. Doch die Macher*innen besannen sich zunächst einmal auf das Wichtigste: die richtige Besetzung zu finden, die diese Geschichte tragen kann. Und, Wahnsinn, haben sie ihren Job gut gemacht. Von Tom Sturridge (Morpheus), der kaum größer, blasser und ätherischer wirken könnte, über Kirby Howell-Babtiste, deren Tod so respektvoll und sympathisch ist, dass man direkt freiwillig mitgehen würde – ich könnte für jede einzelne Rolle ein Loblied singen, und kein einziges wäre verschwendet. Diese Schauspieler*innen SIND ihre Rollen, ganz ohne Wenn und Aber.

Auch technisch lässt Sandman nichts zu wünschen übrig. Computeranimationen sind eine Notwendigkeit bei solchen Geschichten, werden aber sparsam und mit Bedacht eingesetzt. Kameraeinstellungen und Beleuchtung spielen mit den Nerven des Zuschauers, und selbst der Abspann jeder Folge ist ein ästhetisches Meisterwerk.

Sandman nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine fantastische Reise durch die tiefsten Abgründe und die strahlenden Gipfel der Menschlichkeit, hinterlässt uns verstört nach einer Folge und mit Tränen des Glücks nach der nächsten. Es ist dem Comic in jedem Moment absolut treu (zum Teil tatsächlich mit 1:1 Reproduktionen von Panels), und wo Abweichungen eingefügt wurden, dienen sie entweder der Übertragung ins 21. Jahrhundert oder machen das Quellmaterial sogar noch tiefgründiger und lebendiger.

Es fällt mir schwer, meine Begeisterung für diese Serie in Worte zu fassen. Ich hoffe inständig, dass Netflix weitere Staffeln absegnet, denn wer die Comics kennt, weiß: es wird nur noch epischer. Wenn die erste Staffel schon ein derartig einzigartiges Stück Seriengeschichte ist, was wartet da noch auf uns?

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Sandman
Produktionsland: UK, USA
Genre: Fantasy, Drama, Horror
Drehbuch: Neil Gaiman
Mit: Tom Sturridge, Boyd Holbrook, Patton Oswalt, Vivienne Acheampong, Gwendoline Christie, Jenna Coleman, Kirby Howell-Baptiste, Mason Alexander Park u.v.a.
11 Episoden (38 – 64 min.) seit 5.8.2022 auf Netflix

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