Buch: David Bowie: Ein Leben – Dylan Jones

Der Mann, der vom Himmel fiel

Bowie„Ich weiß noch genau, wo ich mich aufhielt, als ich vom Tod John Lennons erfuhr, doch das Ableben von David Bowie wird mich ein Leben lang begleiten.“ Dieses Zitat des Journalisten Dylan Jones steht gleich auf Seite 14 des Buchs und spricht mir aus der Seele. Wisst ihr noch die Momente, als ihr erfahren habt, dass eure Stars – und ich meine Ikonen, nicht Stars und Sternchen – starben? Sehr wohl erinnere ich mich daran, wie John Lennon ermordet wurde, als Freddie Mercury tot aufgefunden wurde, wann Lou Reed von uns ging. Der Morgen aber, an dem alle sozialen Medien bekannt gaben, dass David Bowie verstarb, das war ein bitterer Morgen für mich. Ich liebte ihn vom ersten Kennenlernen an, und es gab einige Songs, die ich ihm nachsah, aber ansonsten war er für mich ein Held.

Der Journalist Dylan Thomas führte Interviews mit über 180 Freunden, Rivalen, Kollegen, Bekannten und Lieben. Diese chronologisch aufgefädelten Interview-Schnipsel führen dazu, dass wir uns ein recht gutes und umfangreiches Bild von David Bowie machen können.

David Bowies Kindheit in Brixton sei hart gewesen, sagte man. Er selbst gibt zu, dass er eine sehr schöne Kindheit hatte. Er hatte einen Bruder, den er liebte, und seine Mutter war zwar streng und oft geistig irgendwie abwesend, aber ihm fehlte an nichts. Er sah aber sehr wohl, dass es vielen schlecht ging, und er nahm sich vor, später einmal nicht am falschen Ende der sozialen Leiter aufzuscheinen. Von Anfang an war sein Leben mit Musik gefüllt, und als seine Mitschüler bei der Berufsberatung angaben, Busfahrer und dergleichen werden zu wollen, war Davids Berufswunsch „Musiker in einem Modern-Jazz-Quartett“. In den 60er Jahren lernte David Bowie sich musikalisch kennen, er probierte aus, auch style-technisch und sexuell. Er lernte seine Frau Angie kennen, bekam einen Sohn, begründete die „Spiders of Mars“. Anfang der 70er Jahre besuchte er die USA, traf auf Lou Reed. David wurde zur schillernden Kunstfigur. In einer Zeit, in der Glam Rock auf der Bildfläche erschien, wurde David Bowie zu „Ziggy Stardust“. In diesen vielen Interviewausschnitten erfährt man mehr denn je über David Bowie. Denn die einen liebten ihn, die anderen hassten ihn, fast niemandem war er egal. Nie hatte ich vorher erfahren, dass Lou Reed ausgesprochen eifersüchtig auf Bowie war. Denn ironischerweise waren die Songs, die wirklich ein jeder von Lou Reed kennt, „Walk on the wild side“ sowie „Perfect Day“, von David Bowie arrangiert, und er machte die Songs somit bekannt. Er verschaffte Lou Reed Hits, er verschaffte Iggy Pop Hits. Davor hatte kaum jemand diese beiden gekannt. Sexleben und –eskapaden kommen zum Vorschein, Frauen, die Geliebte wurden und Freundinnen blieben, Amanda Lear und Marianne Faithful traten in sein Leben und dann auch Drogen. Bowie magerte ab, fühlte sich irgendwie beobachtet, verraten, zog sich zurück. Durch Elisabeth Taylor – das muss man sich mal vorstellen – lernte er John Lennon kennen. Und auch in Filmen spielte er mit: Der Mann, der vom Himmel fiel oder Merry Christmas Mr. Lawrence. Die Anekdoten sind zahlreich in diesem 800 Seiten starken Buch. Sein Verhältnis zu Iggy Pop, und warum sein Album The Idiot hieß, dass David Bowie und Iggy Pop in Berlin damals wohl wirklich schlimm waren, und wie es dann zum Titel Lust for life kam. Er spielte und sang sogar mit Bing Crosby den Klassiker „Little Drummer Boy“ ein, aber nicht aus Fan-Verehrung, wie man vielleicht aus romantischen Gründen glauben möchte, sondern nur seiner Mutter wegen. Die Musik hat sich oft gewandelt, in den 1980ern gibt es „Ashes to Ashes“ und eine Art Vampirfilm namens Begierde mit Catherine Deneuve und Susan Sarandon, den die einen schauderhaft und die anderen großartig fanden, ein Meilenstein war auch „Live Aid“ 1985, zu dem Bob Geldorf internationale Stars eingeladen hat, um für Äthiopiens Hungernde aufzutreten. Queen legten hier ihren Auftritt des Jahrhunderts hin, gleich danach war David Bowie dran, der mit Minimalismus, Pathos und „Heroes“ alle in seinen Bann zog. David Bowie konkurrierte mit anderen Künstlern wie Mick Jagger, woraus dann „Let’s dance“ entstand. Nicht jeder mochte ihn, und er mochte auch nicht jeden. Er konnte, auf gut Deutsch, ein ziemlich arrogantes Arschloch sein. Dann kam Iman, das somalische Model, das eigentlich gar nicht mehr heiraten wollte, schon gar nicht jemanden wie ihn. Und doch blieben sie zusammen (auch jetzt noch, drei Jahre nach seinem Tod, trägt sie ein Kettchen mit dem Namen David um den Hals). David Bowie hat seitdem noch viel gemacht, aber nicht mehr getrunken und auch keine Drogen mehr konsumiert. Hauptsächlich hat er seine Frau, so sagte er selbst, von einer Ausstellung in die nächste gezerrt und gelesen wie ein Verrückter. Der Kreis hat sich geschlossen, der Kunstliebhaber, der er von Anfang an war, hat seinen Platz gefunden.

Vor nunmehr drei Jahren, am 10. Januar 2016, kurz nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung des Albums Blackstar, ist David Bowie seinem Krebsleiden erlegen. Eine schillernde Figur auf diesem Planeten weniger.

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David Bowie: Ein Leben – Dylan Jones
Rowohlt Buchverlag, Vö. 23. Oktober 2018
816 Seiten
Gebundenes Buch 38 Euro
Kindle Edition 29,99 Euro

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