The Bay strikes back!

San Francisco Bay Area – das heißt Napa Valley, Stanford University, die Golden Gate Bridge, Silicon Valley und das Muir Woods National Monument mit den berühmten Mammutbäumen. Metal-Fans bekommen aber aus anderen Gründen leuchtende Augen, wenn sie „Bay Area“ hören: Diese Gegend im Norden von Kalifornien ist nämlich auch die Geburtsstätte des (amerikanischen) Thrash Metals. Drei namhafte Vertreter – Testament aus Oakland, Exodus aus San Francisco und Death Angel aus Concord – sind seit dreißig Jahren befreundet, und erst jetzt konnte eine gemeinsame Tour in dieser Konstellation möglich gemacht werden. Ein historisches Ereignis also, und auch wenn gerade Testament und Death Angel regelmäßig und verlässlich über den Teich kommen (zuletzt gemeinsam mit Annihilator im November 2017, und das war schon extrem großartig) und bei uns vorbeischauen, ist diese Kombination aus drei Legenden des Thrash Metals doch ziemlich einzigartig. Kein Wunder, dass die Shows der Tour nach und nach alle ausverkauft sind, und wieso sollte das in München anders sein? Es wird also kuschlig im Backstage Werk – mal schaun, ob noch Platz fürs Haareschütteln sein wird!
DSC_3502Schon als Death Angel um sieben auf die Bühne explodieren, ist das Werk gerammelt voll, und der Jubel ist eines Headliners würdig. Mark Osegueda, Rob Cavestany, Ted Aguilar, Damien Sisson und Will Carroll legen brutal mit „Humanicide“ los, dem Titeltrack des aktuellen Albums – der sogar in der Kategorie „Best Metal Performance“ für einen Grammy nominiert ist! Völlig verdient, und die Stimmung in der Halle kocht ab den ersten Riffs. Man kredenzt dem Publikum im Folgenden eine schöne Mischung aus der Bandgeschichte – passend zum geschichtsträchtigen Charakter der Tour – und berücksichtigt nahezu alle früheren Alben. Stillhalten ist bei Klassikern wie „Voracious souls“ oder „Seemingly endless time“ nicht möglich, Mark wirbelt mit dem Mikroständer in der Hand über die Bühne, Ted und Rob liefern sich Gitarrenduelle, Will trommelt sich die Seele aus dem Leib, und Damien hält entspannt grinsend alles am Bass zusammen. Mit „Aggressor“ gibt’s einen zweiten Song vom aktuellen, sehr empfehlenswerten Album zu hören, „The moth“ stammt vom Vorgänger The evil divide. Mit dem Medley aus „The ultra-violence“ und „Thrown to the wolves“ beenden Death Angel nach viel zu kurzer Spielzeit ihr Set, bei dem das Werk schon so voll ist, dass man sich fragt, wie das erst bei den beiden anderen Bands werden wird. So anstrengend das als Zuschauer ist, so großartig ist die Kulisse natürlich für Death Angel, die sich den Jubel und den Erfolg absolut verdient haben. Bis zum nächsten Mal!

DSC_3708Nach diesem ersten Triumphzug des Abends kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, weshalb das Publikum auch gleich bei „Zehn kleine Jägermeister“ von den Toten Hosen voll dabei ist, das nach der Umbaupause aus den Lautsprechern schallt und tatsächlich die Einleitung des Auftritts von Exodus ist. Auch diese Bay-Area-Legenden werden mit ohrenbetäubendem Jubel empfangen, und schon bei „Body harvest“ pflückt die Security den ersten Crowdsurfer-Körper aus der ersten Reihe. Schön, wenn das Publikum die Texte wörtlich nimmt, „Blood in blood out“ darf dann allerdings einfach nur ein guter Song sein, den uns Steve Souza, Gary Holt – nach dem Ende von Slayer jetzt wieder Vollzeit bei Exodus -, Lee Altus (man erinnere sich, der Mann spielte in den Neunzigern auch einige Zeit bei den Krupps!), Jack Gibson und Tom Hunting gnadenlos um die Ohren kreischen und prügeln. Auch Exodus servieren uns einen energischen Rundumschlag aus der Bandgeschichte und legen zur großen Freude der Fans einen kleinen Schwerpunkt auf das erste Album Bonded by blood aus dem Jahr 1985. Verschnaufpausen gibt es nur in den kurzen Momenten, in denen Steve Souza fragt: „Are you ready for some more violence?“ Blöde Frage, denkt sich der Moshpit, und schubst fröhlich weiter, während sich die nächsten Crowdsurfer auf dem Weg zum Graben machen. Der Rest des Werks, in das nun wirklich niemand mehr reinpasst, reckt zumindest fleißig die Gabeln und Fäuste, was eine wirklich imposante Kulisse abgibt. Die ersten Reihen schütteln im Gleichtakt vorhandene und nicht vorhandene Haare, auf der Bühne wird fleißig gepost und mit sichtlicher Spielfreude ein „Fabulous disaster“ veranstaltet. Im Pit ist man auf „Deathamphetamine“, und Steve verkündet, dass „Munich and Exodus forever be bonded by blood!“ Mit dem gleichnamigen Song werden gleich noch ein paar mehr Nackenwirbel ausgerenkt, und als Steve erzählt, wie viel allen Bands diese gemeinsame Tour bedeutet und Mark Osegueda kurz vom Bühnenrand dazuspringt und dann wieder verschwindet, kocht die Halle und bringt für „Strike of the beast“ noch eine hübsche Wall of Death zustande. Die Band badet noch einmal glücklich im Applaus, dann ist der zweite Triumphzug des Abends beendet. Und ich höre endlich das Lied, das ich schon die ganze Zeit im Ohr habe: „Exodus“ von Bob Marley!

DSC_3810Nach der Umbaupause geht es gleich weiter mit für einen Thrash-Abend etwas ungewöhnlicher Einleitungsmusik, aus den Lautsprechern countryswingt nämlich „Leroy Brown“ von Jim Croce. Heute nimmt sich offenbar keiner allzu ernst, und das ist sehr sympathisch. Aber das sind Testament ja sowieso, denen das Publikum ab dem ersten Blick auf den grinsenden Chuck Billy und den legendären Leuchtmikrohalter aus der Hand frisst. Testament fahren heute richtig groß auf, hohe Podeste stehen am Bühnenrand, auch das Schlagzeug mit Gene Hoglan steht erhöht, zusätzliche Scheinwerfer sind montiert, Rauchkanister stehen herum, und schon beim ersten Song „Eerie inhabitants“ zeigt die Lichtanlage, was sie kann. Testament brennen ein wahres Thrash-Feuerwerk ab, und das Publikum explodiert – wie immer, aber heute ist das irgendwie noch schöner und beeindruckender. Die große Freude der drei Bands über diese Tour hat sich eins zu eins auf die Zuschauer übertragen, und alle feiern, als gäbe es kein Morgen. Leider erwischen auch einige etwas zu viel Feierstoff, sodass ich eine Weile ein bisschen weniger vom Konzert habe, bis man einen Alkoholgeschädigten von meinen Füßen gepflückt und andere hinter mir überzeugt hat, dass Rauchen doch eine blöde Idee ist. Musikalisch fehlt sich aber bei der Reise durch über dreißig Jahre Bandgeschichte überhaupt nichts, wir schütteln fleißig die Schädel zu Klassikern wie „The new order“ (von 1988!) oder „Greenhouse effect“ (von 1989!) und recken die Pommesgabeln zu „Last stand for independence“, „Dark roots of earth“ oder „Brotherhood of the snake“. Zwischendurch spielt Alex Skolnick immer wieder seine perfekten Soli auf einem der hohen Podeste, auch Eric Peterson glänzt auf der rechten Bühnenseite wie gewohnt, Chuck begleitet alle an der Mikrohaltergitarre und lächelt immer wieder ehrlich gerührt über die großartige Stimmung und dass wir heute Abend hier alle beieinander sind. Das Schlagzeugtier Gene Hoglan thront hinter seinen Kesseln, und Steve DiGiorgio am Bass feuert immer wieder das Publikum an. Da fällt es uns nicht schwer, Chucks wiederholten Aufforderungen nach „some fucking noise“ Folge zu leisten. Die Secus springen im Minutentakt in den Graben, um glückliche Crowdsurfer in Sicherheit zu bringen, wenn sie nicht selbst gerade energisch mitnicken.
In der Zugabe gibt es auch einen Song des am 3. April erscheinenden Albums Titans of creation, „Night of the witch“, zu hören, der Großes verspricht und sich perfekt in das ultrastarke Klassikermaterial einreiht. „Into the pit“ nehmen viele wörtlich, der Innenraum ist ein einziges wogendes Menschenmeer. Bei „Practice what you preach“ muss ich laut mitgröhlen – damit habe ich als junges Küken damals Testament kennen- und lieben gelernt (ihr kennt das sicher noch, wenn man beim Stöbern im Plattenladen eine Scheibe findet, die Band nicht kennt, aber das Cover sieht geil aus? Genau so war das!). Besonders schön ist, dass Chuck immer wieder zum rechten Bühnenrand kommt und dem Secu Drumsticks und anderen Kleinkram für die Zuschauer im Rollstuhl gibt, die heute zahlreich vertreten sind und über die er sich ganz besonders freut. Nach „Disciples of the watch“ werden – unnötig, aber nett – die Bandmitglieder vorgestellt und noch mal betont, wie wichtig und großartig diese gemeinsame Tour für alle Beteiligten ist, und dann heißt es nach diesem dritten Triumphzug des Abends: „See you at the festivals!“

Drei Bands, dreißig Jahre befreundet, aber die erste gemeinsame Tour – das kann ja nur außergewöhnlich werden. Und das war es auch. So viele Thrash-Legenden und hochtalentierte Musiker auf einem Haufen sieht man selten, mit so viel Spielfreude und Hingabe, die das Energielevel den ganzen Abend hochgehalten und gezeigt haben, dass über dreißig Jahre auf der Bühne quasi erst der Anfang sind. Geil war’s!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

Setlist Testament:
1. Eerie inhabitants
2. The new order
3. The persecuted won’t forget
4. The haunting
5. Greenhouse effect
6. Dark roots of earth
7. Last stand for independence
8. Throne of thorns
9. Brotherhood of the snake
10. The pale king
11. Fall of sipledome

12. Night of the witch
13. Into the pit
14. Practice what you preach
15. Over the wall
16. Disciples of the watch

(927)

1 Kommentar

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Tour mit Exodus und Death Angel zu hören, und das klang schon sehr vielversprechend. (Hier der Bericht dazu.) Alle drei Bands plus der Tourtross hatten übrigens nach ihrer Rückkehr in die Staaten mit […]

Kommentare sind deaktiviert.