Rezension: Christoph Marzi – Fabula

Über die Macht der Geschichten

Colin Darcy führt in London ein langweiliges, aber im Grunde zufriedenes Leben. Zumindest bildet er sich das ein, und besser als seine Vergangenheit in Ravenscraig, dem unheimlichen Schloss seiner Kindheit und Jugend, ist es allemal. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist zerrüttet, das zu seinem Bruder Danny erkaltet, und das letzte Mal war er in seiner schottischen Heimat, als sein Vater beerdigt wurde. So dümpelt Colins Leben vor sich hin, bis sich eines Abends die Ereignisse überschlagen: Die Trennung von seiner Freundin war mehr als überfällig. Doch als ihn danach auch noch die Nachrichten erreichen, dass sein bester Freund und Kollege gerade bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen ist, und dass sowohl seine Mutter als auch sein Bruder spurlos verschwunden sind, bröckelt das perfekte „London Leben“. Ihm bleibt keine Wahl – Colin reist zurück in das verhasste Schloss seiner Vergangenheit, und auf dieser Reise kommen nicht nur die Erinnerungen an all das zurück, was geschehen ist. Warum er seine Mutter hasst, warum er seinen Bruder kaum mehr spricht, all dies und dutzende alte Geschichten werden wieder lebendig…

Fabula braucht etwas, um in Gang zu kommen, da man anfangs nicht wirklich etwas mit dem Lauf der Dinge anfangen kann. Es beginnt eher unspektakulär, nimmt dann aber zügig Fahrt auf und reißt den Leser mit. Wenn man die Geschichte zu fassen beginnt, erinnert sie zunächst ein wenig an „Big Fish“, in dem ein Mann durch seine Geschichten lebt, doch nach und nach wird klar, dass es sich bei den Geschichten von Colins Mutter nicht um charmante Märchen handelt … So kommt Fabula erwachsener daher, als die „Uralte Metropole“-Reihe; düsterer, gruseliger. Colin ist über weite Teile der Geschichte vollkommen hilflos und versteht kaum, in was er da hinein geraten ist. Einzig seine Jugendliebe Livia gibt ihm Kraft und schlussendlich auch den entscheidenden Hinweis auf des Rätsels Lösung.
Die Marzi-typischen Anspielungen fehlen natürlich auch hier nicht, maßgeblich sind in Fabula die Anlehnungen an alte Westernfilme und Schwarzweiß-Schinken der 50er Jahre, und natürlich wie immer allgegenwärtig Bob Dylan. Persönlich kann ich damit weniger anfangen, allerdings ist dies alles so flüssig in die Geschichte eingebaut, dass es auch nicht stört. Für Fans dieser Art von Film und Musik sollte es ein echtes Sahnehäubchen darstellen.
Das Setting in der abgeschiedenen schottischen Kleinstadt, wo sich die Schlinge um Colins Hals enger zieht, weil gleich zwei windige Ermittler ihn für tatverdächtig halten, gibt dem Leser das wohlig-gruselige Gefühl alter Krimis, dekoriert mit einem Hauch von Fantasy. Die mystische Komponente in Fabula bleibt die ganze Zeit über eher dezent. Selbst als man erfährt, dass es Fabelwesen gibt, bleiben sie eher im Hintergrund. Colins Welt ist weniger fantastisch als Emilys „Uralte Metropole“, vielleicht aber auch nur, weil er die Magie aus den Geschichten seiner Mutter über Jahre hinweg erfolgreich verdrängt hat. In seinem „London-Leben“ könnte Colin durchaus der Typ Mensch sein, der den Kampf von Engeln und Trickstern um sich herum überhaupt nicht wahrnimmt. Erst durch die Rückkehr nach Schottland, insbesondere durch das Wiederaufleben seiner alten Liebe zum Friedhofsmädchen Livia, lernt Colin, die Magie der Welt um sich herum wieder wahrzunehmen. Der Leser folgt der Entwicklung seines Charakters unmittelbar, man fühlt sich selbst sogar etwas verloren in dem Strudel der Ereignisse.

Fabula ist ein Märchen über die Macht der Worte und Geschichten, die wohl fast jeden Menschen in seiner Kindheit fasziniert hat. Wer hat sich nicht vorm bösen Wolf oder dem Monster unter dem Bett gefürchtet? Christoph Marzi bringt diese Geschichten zurück und konfrontiert einen Mann damit, der die Ängste seiner Kindheit verdrängt hat und sich fest in der Realität verankert fühlt. Dass hier ein Erwachsener gewählt wird, unterstreicht die Situation – plötzlich kehrt alles zurück und der reife Verstand findet sich in einer Welt wieder, die er so bemüht als Einbildung abgetan hat, dass er sie komplett verdrängt hat. Dieses geschickte Spiel macht Fabula reizvoll und zieht den Leser mit, sodass es nach kurzen Startschwierigkeiten ein absolut lesenswerter Roman ganz in gewohnter Marzi-Manier ist. So ganz kommt es allerdings nicht an die Magie heran, die die „Uralte Metropole“-Reihe inne hatte.
Am Ende dieser Ausgabe gibt es noch eine kleine Kostprobe der Kurzgeschichtensammlung „Nimmermehr“, die Lust auf mehr macht.

:buch:  :buch:  :buch:  :buch:  :buch2:

Christoph Marzi – Fabula
Heyne, Paperback, 2007
496 Seiten
14,00€

Ebook: 10,99€

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Christoph Marzi

 

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